[1] Wenn man auch bei den brummenden und summenden Insekten, den Bienen, Hummeln, Fliegen u. a., von Stimmorganen, wenn man vom »Singen« der Mücken redet, so ist nicht viel dagegen einzuwenden; denn in der Tat werden solche Lautäußerungen mit Hilfe der Atemluft hervorgerufen, die durch die Atemlöcher, die sog. »Stigmen« streicht. Aber die Art der Insektenatmung ist doch eine ganz andere, als die der höheren Tiere, bei denen die Stimmbildung in der Hauptsache der Luftröhre und dem Kehlkopf zukommt.

Ein lauwarmer Frühlingsabend hat sich über den schilfumsäumten Teich gesenkt. Wir sind ans Ufer getreten. Die Frösche, deren Chorgesang uns aus der Ferne entgegenschallte, schweigen jetzt, vergrämt durch die leisen Erschütterungen des Bodens infolge unserer Tritte. Nur die Wellen glucksen am Uferrand, und leise flüstert das Schilf im Abendhauche. Die Rohrsänger sind es, die zuerst die feierliche Stille unterbrechen: schnarrende, quietschende, pfeifende Töne, ein buntes Durcheinander, aber immer im Takt. Horch, jetzt auch ein paar gurgelnde Laute aus der Tiefe des Schilfs: »gluck, gluck«, und zwei oder drei knarrende Töne: »koax, koax«. Bald wagen's auch andere, hohe Tenöre und tiefe Baßstimmen, trillernd und volltönend, bis sich die ganze Gesellschaft an diesem Singsang beteiligt: »brekeke koax, brekekeke, tuu tuu«. Je mehr der Mond, der hinter den alten Weiden auftaucht, sein volles Licht über den Teich ergießt, um so eifriger schallt es: Frösche und Rohrsänger im Wettgesang, daß es weithin schallt über die schlafende Flur. Die Motive verschieden, die Stimmen höher und tiefer in seltsam wechselnden Sprüngen hinauf und hinab, ein musikalischer Mischmasch; aber es paßt alles zusammen, zumal das ganze Konzert von einem streng innegehaltenen Rhythmus beherrscht wird. Dieser wird noch besonders dadurch betont, daß einzelne Sängergruppen auf einmal ein Weilchen schweigen, um dann mit voller Kraft wieder einzufallen. Jetzt singt es hier, jetzt da; bald knarrt und quakt nur eine kleine Gesellschaft noch, bald singt wieder der ganze Chor, als sollte er das Versäumte nachholen. Solches Ab- und Anschwellen wirkt besonders in größerer Entfernung recht auffallend; es ist, als ob uns der Nachtwind bald mehr, bald weniger Tonwellen zutrüge, ein rhythmischer Wechsel, der den Reiz des Froschkonzerts wesentlich erhöht.

Fleißigere Sänger gibt's nicht, als Rohrsänger und Frösche. Selbst die Nachtigall macht 'mal eine längere Pause zu mitternächtiger Stunde; der Nachtschwalbe »Spinnen« schweigt mitunter ein Weilchen, und auch die verliebten Käuze im Kiefernwald gönnen sich hin und wieder ein wenig Ruhe. Nur der Singsang des Teichs verstummt nie völlig; seine Bewohner, so scheint es, bedürfen des Schlafs nicht. Das gilt besonders von den unermüdlich quakenden Fröschen. Kaltblüter nennen wir sie. Gewiß, ihre schlüpfrige Haut fühlt sich kalt an, ihr Fleisch und ihr Blut; aber drin im Herzen, da sitzt es, unsichtbar, das Herz im Herzen, glühend heiß, voll Sehnsucht, voll Liebe, und wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.

Zu allen Zeiten ist man sich des Reizes bewußt gewesen, der vom Froschgesang ausgeht, und es sind nur naturfremde oder krankhafte Menschen, die solchen Minnesang verwünschen. Wieviel ärmer wäre die Frühlingsnacht an unsern Teichen, wenn deren Bewohner, die grünen Wasserfrösche, ebenso stumm wären, wie ihre braunen Vettern im Grase, von denen man höchstens ein paar knurrende Laute vernimmt. Da ist mir der grüne Teichsänger doch hundertmal lieber. Sein Lied stimmt zu den andern Schilfliedern, bringt Leben in die Natur, und wo Leben und Stimmung, wo Bewegung und Einklang, da erkenne ich Schönheit.

Auch der Laubfrosch, unser Wetterprophet, läßt sich bisweilen die ganze Nacht hören. Er hat sich einen Sängerplatz in der Höhe, im Grün von Baum oder Strauch erkoren, von wo nun sein hastig hervorgestoßenes »äpp, äpp, äpp« durch die Frühlingsnacht hallt, seltsam anzuhören und lustig zugleich. Der kleine Kerl dünkt sich so wichtig.

Von tieferem Eindruck auf unser Gemüt ist der Einzelruf oder auch der melodische Rundgesang der Unken, die den Dorfweiher oder den Tümpel draußen im Wiesental bewohnen. Wie Glocken läutet's geheimnisvoll aus der Tiefe »ung, ung, ung …«, feierlich, ernst, schwermütig und traurig, fast immer derselbe Ton, von gleicher Stärke und Höhe. Zu dem dunkeln, ernsten Weiher mit den Wasserrosen, die im Mondlicht nur matt und unsicher leuchten, während die schwarzen Schatten der Pappeln auf der Wasserfläche erzittern, stimmen die melancholischen Glockentöne der Unken so wunderbar, daß jeder den Eindruck dieser Naturlaute empfindet.


Auch manche Insekten, namentlich wenn sie in größeren Scharen auftreten, sind für das ganze Landschaftsbild von Bedeutung. Wir brauchen nur an die graziösen Libellen zu denken, die jedem Gewässer, dem Fluß und Bach mit ihren erlenbestandenen Ufern, dem schilfumsäumten Teich, selbst dem reizlosen Mühlgraben zur Zierde gereichen. »Wasser-« oder auch »Schlankjungfern« hat sie das Volk getauft, um den bezaubernden Reiz dieser zarten Wesen zum Ausdruck zu bringen, im Flug wie im Sitzen von einer Anmut, die nicht ihresgleichen hat. Oder wer möchte sie missen, die Bienen und die andern Hautflügler, die mit Gesumm und Gebrumm im Mai den schneeigen Obstbaum, im Juli die duftende Linde, im August die blühende Heide besuchen! Ein zartes Getön, wie von Millionen silberner oder gläserner Glöckchen erfüllt die sonnige Luft. Oder soll ich an die Musik der Heupferde erinnern, die in der sommerlichen Mittagsglut die Blumen und Gräser zum Schlummer einlullt, oder an das Zirpen der Grillen, das so stimmungsvoll am Abend durch die Flur zittert. Das einzelne Tierchen leistet wohl wenig als Musikant, aber tausend und abertausend vereinigt erzeugen ein eindrucksvolles Getön, das leise über die Landschaft dahinschwebt, einem zarten Schleier aus gesponnenem Glas vergleichbar.

Von weit höherer Bedeutung ist die artenreiche Gruppe der Tagschmetterlinge. Wie stimmen doch diese leichtbeschwingten, zarten Geschöpfe, die Sinnbilder eines heiteren, frohen Lebensgenusses, zu dem sommerlichen Naturbilde mit der Fülle des Lichts und der Farben! In anmutigstem Spiel gaukeln sie von einer Blume zur andern, haschen und fliehen sich, bringen Bewegung und Leben. Möchtest du sie missen auf der sommerlichen Heimatflur? Oder denke an die Frühlingsboten, den ersten Zitronenfalter, das erste Pfauenauge! Ein trügerischer Sonnenblick hat den Winterschläfer geweckt, daß er sein sicheres Versteck verlassen hat und nun über der blumenleeren Erde ruhlos dahinflattert. Armes Tier, Schneewolken ziehen auf, hinter denen sich die Sonne versteckt; wie bald bist du erstarrt! Aber umsonst gelebt hast du nicht. Wir sind dem Frühling begegnet! so jubelt's in uns. Ein vorzeitig »Sommervöglein« nur, und doch etwas Großes!