Mitten hinein in die Herrlichkeit dachte ich mir nun Adam und Eva gesetzt, und ich bevölkerte die liebliche Au mit dem »Gevögel, dem Vieh und Gewürm«, davon uns die Bibel erzählt. Aber nicht an die Riesen der Tierwelt dachte ich, Elefant, Giraffe und Nashorn, auch nicht an die Affen und Papageien, die der Bibelmaler auf dem Bilde so friedlich vereinigt hatte, die Tiere der Heimat waren es, die sich hier wirklich ein Stelldichein gaben. Und sie genügten mir, ich kannte sie aber auch alle.
Das Hochwild trat am Abend aus dem dunklen Tann zur Äsung auf die Wiese; die Fähe schnürte von ihrem Bau, vor dem die Jungfüchse spielten, nach dem andern Talhang hinüber; rote Eichkätzchen kletterten die glatten Stämme der Fichten empor und knapperten an den Jungtrieben; die Igelmutter führte ihre hoffnungsfrohe Schar durch das raschelnde Laub; auf dem feuchten Grund des Buchenwaldes gelbfleckige Erdsalamander; im Sumpf Ringelnattern und Frösche; in den Wassergräben gelbbauchige Unken, Kamm- und Teichmolche; auf der Wiese Schmetterlinge ohne Zahl, Heupferde, Maulwürfe und Schermäuse. Und erst im und am Flusse, welch fröhliches Leben: zierliche Wasserjungfern mit tiefblauen oder glasartigen Netzflügeln, Wasserläufer und kleine silberglänzende Fischchen in unendlicher Menge. Überall aber das fröhliche Heer der gefiederten Welt: Schwälbchen, die so hurtig über dem Wasser dahinschossen; von dem Eichenhain her lustiger Kuckucksruf, dem des Pfingstvogels Flöte Antwort gab; im Unterholz das geschwätzige Plauderliedchen der Gartengrasmücke oder der jubelnde Überschlag des Plattmönchs; im Hochwald das Gezeter zänkischer Eichelhäher, das Trommeln der Buntspechte, das Gurren der Ringeltauben; über allem aber, hoch am strahlenden Himmel ein Bussardpaar, einander umkreisend, ohne Flügelschlag schwimmend im Luftozean.
Aber auch Haustiere fanden ihren Weg nach meinem Garten Eden. Am Hange hütete Thomas, der alte Schäfer vom Rittergut, seine sanfte Herde; am Ufer Jungvieh auf eingekoppelter Weide, und auf dem Fluß schnatternde Gänse und Enten. Brauchte ich da noch andere Tiere aus fernen Zonen? Oh, es war eine große, eine unübersehbare Reihe, die da vor Adam in geordnetem Zuge vorbeimarschierte, hüpfte, schwamm oder kroch, als der Schöpfer all die Tiere zum Menschen brachte, »daß er sähe, wie er sie nennete«; denn wie jener sie nannte, so sollten sie heißen ihr Leben lang.
Da hüpfte die vorlaute Elster heran im schwarzweißen Kleid; wohlgefällig wippte sie ihre grün und purpurn schillernde Schleppe auf und ab und schaute neugierig zu dem ersten Menschen hinüber, wobei sie mit Markolf, dem Eichelhäher, fortgesetzt plauderte. »Plapperelster sollst du heißen dein Leben lang, du schwatzhaftes Wesen«, sagte Adam, und schackernd schwang sich der langschwänzige Vogel in die Wipfel der Bäume. Da nahten zögernd die sanften Wollenträger, der Bock mit den geringelten Hörnern und neben ihm seine hornlose Gattin. »Schaf sei euer Name hinfort!« entschied der Mensch, »denn ihr seht ebenso dumm aus, wie ihr in Wirklichkeit seid!« Schon trabte das Borstenvieh grunzend herbei, Füße und Rüssel vom schlammigen Boden besudelt, in dem es soeben noch gewühlt hatte. »Schwein nenne ich dich – frage nicht weiter; du weißt schon warum!« und so ging's vorüber in endlosem Zug: Adler und Gimpel, der stachlige Igel, der furchtsame Hase, Frosch und Unke, Käfer und Spinne, das Gewürm, das im Grase herankroch, und die Fische im Fluß, zwei-, vier-, sechs-, achtbeinig und ohne Beine, befiedert, bepelzt, beschuppt und nackthäutig; sie alle bekamen ihre Namen, die sie heute noch tragen. Was war doch der erste Mensch für ein weises Geschöpf!
Und von dieser Weisheit hatte auch ich kleines Menschenkind ein Stückchen geerbt. Denn in der kindlichen Phantasie liegt Weisheit und Wahrheit wie im kindlichen Spiel, Weisheit und Wahrheit wie in jenen köstlich-naiven Worten des biblischen Schöpfungsberichts. Nicht die leblose Welt ist's, nicht Erde, Wasser und Stein, nicht die blitzenden Krystalle sind's, die farbigen Kiesel, ja nicht 'mal die Bäume und Sträucher im Wald oder Garten, nicht die bunten duftenden Blumen, die das Interesse des ersten Menschen zuerst auf sich lenken, sondern die Tiere.
Und wie Adam, der erste Mensch, am Schöpfungsmorgen dem »Gevögel, dem Vieh und dem Gewürm« seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte und nichts von den andern Herrlichkeiten sah, die Gottvater um ihn aufgebaut hatte – die Tiere mußten erst ihre Namen haben, ehe er sich den Fruchtbäumen des Gartens Eden zuwandte – so bringt auch heute noch jedes Kind seine erste Teilnahme, seine erste Liebe den Tieren entgegen. Noch ehe unsre Kleinen Worte zu lallen beginnen, hören sie auf die Stimme des Vogels und beobachten die Bewegungen von Katze und Hund. Und sie geben, wie Johannes Fischart so reizend sagt, »nach jrer Notturfft Namen, brauchen den ererbt Adams gwalt, der jedem Geschöpff ein Nam' gab bald«. »Wauwau« der Hund und »Miau« die Katze, »Muh« die Kuh und »Piep-piep« das Spätzlein. Ja es kommt vor, daß solch kleines Menschenkind mit den genannten Tieren seiner Umgebung innigere Freundschaft geschlossen hat, als mit dem strengen Papa, den es nur selten sieht und vor dem es sich fürchtet. Es ist auch, als ob die Tiere diese Zuneigung der Kinder fühlen:
»Solch blüend alter frisch,
Vmbsonst so lieblich gstalt nit ist,
Auch offt das Wild vnd Vieh bewegt,
Da es, zu dem ein gfallen trägt.«
Und wenn dann der Kleine seine ersten Entdeckungsreisen in Hof und Garten unternimmt, wie weitet sich da der Kreis solcher Freundschaft! Das bunte Marienkäferchen, die Schnecke mit ihren spaßhaften Fühlhörnern, der summende Maikäfer oder der Schnellkäfer, das hüpfende Heupferd sind seine Lieblinge. Der Tag, an dem der Star das erstemal wieder vor seinem Bretterhäuschen sitzt, wird zum Festtag. Klopfenden Herzens lauschen die Kinder dem stillen Glück der Hausrotschwänzchen, die im verborgenen Winkel der Gartenlaube ihre Jungen aufziehen, bis endlich die Stunde kommt, wo die kleinen grauen Federbällchen den ersten Schritt in die Welt wagen.
Und dann die Geschichten und die Lieder, die unsre Kleinen am liebsten hören und singen, die Bilderbücher, die sie am liebsten besehen, handeln nicht die meisten von Tieren? Der böse Wolf, der Rotkäppchen verschlang, der Fuchs, der die Gans gestohlen hat, der Storch, der den Eltern die Kinder bringt, eins nach dem andern, bisweilen auch zwei auf einmal, der »gestiefelte Kater«, die »Bremer Stadtmusikanten«; ja auch in den Geschichten, in den Bilderbüchern, wo Tiere nicht gerade die Hauptrolle spielen: zur Vervollständigung und zum Schmuck der Erzählung oder des Bildes sind sie unentbehrlich für das Kind. Wäre es denkbar, das Märchen von Aschenbrödel ohne die Tauben, die beim Erbsenlesen helfen: »die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen«, das Märchen von der Gold- und der Pechmarie ohne den krähenden Haushahn? Und warum besehen die Kinder so gern die hübschen Bilder unsers Landsmanns Ludwig Richter? Weil er wie kaum ein anderer Maler die Kindesseele verstanden hat, und weil sich in jeder Familienstube, die er so anheimelnd zeichnet, ein Haustier findet, ein Hund, eine Katze. Und auch im Freien, wo sich die Kinder tummeln, da schaut auf jedem Bilde ein Spitz zu oder ein Spatz, ein Taubenpaar oder irgend ein Singvogel, und dieser scheinbar so geringfügige Umstand ist für den kleinen Beschauer von allergrößtem Reiz.
Als ich ein Kind war, da standen mir – ich muß es gestehen – die Tiere meiner Umgebung näher, und es verband mich mit ihnen ein innigeres Verhältnis als mit den Menschen, abgesehen natürlich von Eltern und Geschwistern. Lange ehe ich etwas von Darwins Abstammungslehre hörte, war ich schon unbewußt ein kleiner Darwinianer; denn mit dem Star und dem Finken, dem Hund und der Katze, der Ringelnatter und der Kröte, dem Marienkäferchen und der Schnecke verkehrte ich, als seien es meine Brüder und Schwestern. Und auch viel später noch, wenn man mir vom »unvernünftigen Vieh« sprach, habe ich nie so ganz die unüberbrückbare Kluft begriffen, den gähnenden Abgrund, der sich zwischen dem Menschen und dem höheren Tiere auftun soll.