Pflanzenkost verschmäht der Igel aber auch nicht. Obst, das sahen wir schon, ist ihm eine Lieblingskost, ebenso Beeren aller Art, desgleichen saftreiche Wurzeln, wie Mohr- und Steckrüben; ob er auch Schwämme verzehrt, kann ich nicht sagen. Reich ist der Speisezettel, den Mutter Natur für ihn bereit hält. Nur das eine sollte der Gefräßige lassen, nämlich das Plündern bodenständiger Nester; dadurch schadet der Igel vielleicht mehr, als man denkt. So mancher Forstmann klagte mir schon, daß der Bursche Fasaneneier getrunken, junge Schnepfen gefressen, ja Rebhuhneier, während die Henne darauf saß und sie heftig verteidigte, zu rauben versucht habe. Selbst junge Häschen sollen ihm bisweilen zum Opfer fallen (?). Und der Strafe entzieht sich der stachlige Raubritter stets; sofort ist die Kugel gebildet: greife mich an, wenn du's wagst! Nur dem Uhu darf er's nicht sagen. Der kümmert sich nicht drum. Mit seinen wehrhaften Krallen packt er kühn zwischen die Stacheln, und mit dem mächtigen Schnabel löscht er dem Igel das Lebenslicht aus.
Eigentlich sollte man meinen, die Verminderung der Raubvögel müsse den Igeln zugute kommen wie etwa den Mitgliedern der Krähensippe oder den Spechten. Mag sein, aber andre feindliche Kräfte sind am Werk, diesen Vorteil aufzuheben; es scheint mir, man begegnet heute viel seltener einmal einem Igel, als in früheren Zeiten. Der Jäger ist ihm feindlich gesinnt; ja manche Jagdschutzvereine hatten früher den Igel mit in die Liste des Raubzeugs aufgenommen, für dessen Erlegung Belohnungen gezahlt wurden. Gegen jede Verfolgung sollten aber die Landwirte entschieden Einspruch erheben, denn für sie ist der Igel als treuester Verbündeter gegen die Mäuse ein sehr nützliches Tier. Vier, sechs Feldmäuse zu einer Mahlzeit mit Haut und Haar zu verzehren, ist ihm eine Kleinigkeit, und auf Insekten hat er immer Appetit; solch kleines Getier ist überhaupt nicht zu rechnen, denkt er bei sich.
Nur in einer Beziehung ist der Igel genügsam, im Trinken. Es muß schon recht heiß sein, ehe er einmal aus einer Pfütze am Wege trinkt oder aus einem der kleinen Wasserbecken, die der Wald zwischen dem oberirdischen Wurzelgeflecht der Bäume für seine durstenden Bewohner allzeit bereit hält. Auch die Igel, die ich tage- und wochenlang in Gefangenschaft hielt, haben nur selten von dem Wasser geleckt, das ich nie versäumte, in den Raum zu stellen, den ich ihnen anwies. »Mit Wasser bleib mir ferne!« scheint ihr Losungswort zu sein. Sie verhalten sich also ähnlich wie die meisten Raubvögel, die ja auch zugleich mit ihrer blutigen Kost so viel Flüssigkeit aufnehmen, daß sie tagelang des Wassers entbehren können, obgleich es auch Ausnahmen gibt. So tauchte ein Schleierkauz jedes Stückchen Fleisch, das ich ihm gab, ins Wasser, ehe er's verschlang. Merkwürdig ist's, daß die Igel, die alten wie die jungen, sehr gern etwas Milch schlürfen, wobei sie wohlgefällig schmatzen, so gut schmeckt es ihnen.
Wollten wir als Kinder einen Igel, wenn ich so sagen darf, »aufwickeln«, so kannten wir bei dem streng befolgten Rauchverbot nur zwei Mittel. Das eine war Musik. Wir machten in seiner Nähe durch Trommeln auf der Gießkanne einen Höllenspektakel. Aber das Mittel versagte bisweilen; denn oft zog sich Meister »Struppig« nur noch enger in sein Innerstes zurück: »Lärmt wie ihr wollt, ich halte meine Öhrlein verschlossen!« Das andere Mittel wirkte schneller und sicherer: ein tüchtiges Brausebad. Mitunter haben wir die stachlige Kugel auch den Wiesenhang hinabgekollert, geradenwegs in den Bach und uns dann teuflisch belustigt, wie sich der Igel im Wasser sofort aufrollte und, obgleich er's nie gelernt, doch äußerst geschickt, das Näschen über dem Wasser haltend, nach einer Stelle am Ufer schwamm, wo er am leichtesten wieder festen Grund unter den kleinen Füßen fassen konnte. So völlig durchnäßt, rollte er sich nie wieder sofort zusammen, sondern ließ uns ruhig seine ganze Person betrachten, den Kopf, die Füße, das Schwänzchen. Die Nässe des Unterleibs war offenbar seinem Schnäuzchen viel zu unangenehm, als daß er es zwischen den triefenden Borstenhaaren versteckt hätte. Auch der Fuchs soll den Igel ins Wasser rollen, um ihn dann zu bewältigen. Ob es wahr ist, weiß ich freilich nicht.
Den Igel zu essen, fällt bei uns niemand ein, obgleich sein fettes Fleisch im Herbst gewiß ebenso gut schmecken mag, wie das des Dachses, mit dem er ja in der Lebensweise wie in der äußeren gedrungenen Gestalt manches gemein hat. In Spanien hat man ihn ehemals während der Fasten häufig gegessen; ich möchte die Ausrede kennen, die man gebraucht haben mag, um solchen Fleischgenuß zu rechtfertigen. Bekannter ist die Vorliebe der Zigeuner für einen Igelbraten. Im Lande der Stephanskrone war ich einst Zeuge, wie sich die braunen »Söhne Pharaos« auf dem Felde ein Igelgericht zubereiteten. Drei Stück, die sie gefangen und erschlagen hatten, wurden von den urwüchsigen Gesellen notdürftig ausgeweidet, dann wieder zu einer Kugel zusammengerollt, mit feuchtem Lehm dick umgeben und schließlich in der glühenden Asche gebacken, wie Schinken in Brotteig. Als nach geraumer Zeit der Lehm zu bröckligem Ziegel gebrannt war, stieß der Oberkoch mit dem Fuß die heißen Klumpen aus der Asche heraus und zerschlug die Umhüllung. Die Stacheln und die meisten harten Borsten blieben in ihr stecken. Was mit dem toten Ungeziefer geschah, das weiß ich nicht, ging mich auch weiter nichts an. Mürb war der Braten und saftig, und er schmeckte dem genügsamen Völkchen allem Anschein nach großartig.
Mancher Igel hat in früheren Zeiten auch für die Gesundheit des Menschen sein Leben lassen müssen; denn der Igelleib bot bei dem oder jenem Gebreste der leidenden Menschheit so manches sicher wirkende Heilmittel. Selbst dem Gewerbe kam die stachlige Haut zu statten; sie diente im alten Rom zum Karden der wollenen Tücher, desgleichen als Hechel. Auch noch später bildete sie zu ähnlichen Zwecken einen Handelsartikel.
Das Volk will zwei Abarten des Igels unterscheiden: »Hundsigel« und »Schweinsigel« – der letztere ist der bekanntere, schon wegen des reizenden Märchens »Swinegel un sine Fru«. Der Zoolog aber kennt bei uns nur die eine Spezies: Erinaceus europaeus. Freilich in Südostrußland, in den Niederungen um den Kaspischen See und östlich bis zum Baikalsee kommt noch eine andre Form vor mit etwas längeren Ohren und kürzerem Schwanz, unten sehr hell behaart, sonst unserm europäischen Igel ganz ähnlich. Erinaceus auritus, langohriger Igel nennt ihn der Zoolog.
Unser Landsmann ist in fast ganz Europa heimisch, mit Ausnahme der nördlichsten Länder, etwa vom 63° n. Br. an. Auch die waldreichen Gebirge bewohnt unser Igel; in den Alpen steigt er bis gegen 1500 m an, im Kaukasus gar bis 2000 m. Die Wälder und Fruchtauen, die Felder und Gärten der Ebenen und Hügelländer sind ihm aber doch lieber. Sehr zahlreich kommt er in den weiten russischen Ebenen vor, auch im nördlichen Asien ist er verbreitet. Dort und namentlich in Afrika stellen sich dann auch manche andere Arten der stachelborstigen Familie ein. Das Stachelschwein aber, das seine Heimat in den Mittelmeerländern hat – in Nordwestafrika, in Griechenland und in Süditalien bis nordwärts zur römischen Campagna trifft man es an – gehört nicht hierher, sondern zu den Nagetieren.
Im Verborgenen führst du dein Leben, du seltsamer Einsiedler, drolliger »Bruder im stillen Busch«, von den Menschen wenig beachtet, von vielen verkannt. Nur einen Ort weiß ich, der bringt dich zu Ehren, ja er nennt sich nach dir, Iglau in Mähren. Er hat sich dein Konterfei ins Wappen gesetzt, wie Griechenlands Hauptstadt die Eule, das Sinnbild der Pallas Athene. Lustige Igel sind's in dem einen Feld, in dem andern aber züngelnde Löwen mit aufgerissenen Rachen. Noble Gesellschaft, nicht wahr? Laß sie nur spotten, die andern Tiere des Waldes: struppiges Stacheltier, Borstenträger, Schweinigel und wie sie dich schimpfen – du gabst der Stadt ihren Namen und nicht der König der Tiere!