Eine prächtige Zierde des winterlichen Waldes sind auch die Kreuzschnäbel, nordische Gäste, die uns freilich nicht in jedem Jahre reichlich besuchen. Ihr Kleid ist wundervoll johannisbeerfarben. Wenn auf jedem Zweig dichter Schnee liegt und nur hie und da zwischen dem reinen Weiß die schwarzgrünen Nadeln hervorschauen, dann kann man sich an dem Farbenreiz der kleinen roten Geschöpfe, wie sie an den Spitzen der Ästchen oder an den Zapfen herumklettern, nicht satt sehen. Natürlich wird die Wirkung der Farbe erhöht, wenn die geselligen Vögel in möglichst großer Zahl auftreten. Denn der einzelne dieser kleinen Gesellschaft ist ja nur ein Punkt in dem weiten Landschaftsbild; es müssen sich schon mehrere zu einem bunten Fleck vereinigen, ehe von einer Farbenwirkung gesprochen werden kann. Und Sonne gehört dazu, strahlende Sonne!
Ist's bei den Blumen nicht ebenso? Die einzelne Blüte des Mohns, des Windröschens, der Dotterblume, selbst ein einzelner Busch des blühenden Heidestrauchs, der Schlehe, des Ginsters geht trotz aller Farbenpracht in dem großen Gemälde verloren. Viele tausend gleichartige Blumen sind dazu nötig, auf der Wiese gelbe oder blaue Flecken zu malen, den Schlehdorn, den Obstbaum in duftigen Schnee zu hüllen, der sandigen Heide im Spätsommer das lichtviolette Kleid zu weben, den Berghang in Gelb oder Rosa zu tauchen, und nur wenn wir ganz nah an ein enger begrenztes Bild herantreten, da genügen auch einzelne Blumen, einen farbigen Eindruck hervorzurufen: ein paar Rosen am Gartenhaus, feurige Mohnblumen am Feldrain oder ein paar Schwertlilien am kleinen schilfumgrenzten Weiher.
Aber gerade den farbenprächtigsten Vögeln begegnet man nur selten in größerer Anzahl, wenigstens in unserer Heimat. Ich entsinne mich nur ein einziges Mal einen Trupp von zwölf oder fünfzehn Pirolen angetroffen zu haben. Sie flogen zwischen den Pappelreihen der Straße eine lange Strecke vor meinem Wagen her; dabei setzten sie sich in regelmäßigen Zwischenräumen auf die Bäume und warteten, bis das Gefährt herankam, um dann wogenden Flugs wieder voranzueilen. Ein bezaubernder Anblick war's, wie das goldgelbe Kleid dieser Vögel abwechselnd aufblitzte und verlöschte, je nachdem das grelle Sonnenlicht sie umflutete oder die schwarzen Schatten der hohen Pappeln auf sie fielen. Also auch hier Hand in Hand Bewegung und Farbe.
Bei der bunten Mandelkrähe habe ich einmal in der Lausitz ganz Ähnliches erlebt; aber es waren nur vier oder fünf, die mich durch die sandige Heide ein gut Stück begleiteten.
Im Gesamtbild der Landschaft tut's immer erst die Masse, und in dieser Beziehung wüßte ich keinen Vogel zu nennen, dessen Farbenkleid seinem Aufenthaltsort so zum Schmucke gereicht, wie der weiten Wasserfläche die schneeige Lachmöwe mit ihrem zartblauen Mantel. Den vollen Genuß gewährt aber auch hier erst die Bewegung, wenn die langflügligen Vögel zu Hunderten in der Luft wirbeln und ihre kreischenden Stimmen hören lassen. An der Meeresküste übertönen die Sturm- oder die Silbermöwen selbst die Wogen der brandenden See, so laut diese auch gegen die Klippen krachen und donnern. Wenn irgendein Vogel das Geschöpf einer bestimmten Landschaft genannt werden kann, so ist es die Möwe. Der Sturm hat ihr die bangen Armknochen und die starken Schäfte der Schwingen gegeben; die See hat die Ruder gebildet von höchster Vollendung: der kurze Lauf, seitlich zusammengedrückt, und Schwimmhäute zwischen den Zehen. Das Blau des Himmels, an dem die weißen Wolken dahinziehen, das Blau der See, mit dem Weiß der Wellenkämme geschmückt: die Möwe trägt die gleichen Farben auf ihrem Kleid. »Flatternd schwebt sie am Himmel, dicht fliegt sie über den Wellen; den lichten Seglern folgt sie hinaus übers Meer, mit den Wolken zieht sie ins Land. Wo ein See oder Teich des Himmels Bläue mit den schneeweißen Wolken wiederspiegelt, da erkennt sie die Heimat – die Mutter ist's, das unendliche Meer, das blauen Auges emporschaut – wo ein Schiff auf dem Rücken des Stromes langsam dahinzieht, da flattert die Möwe: Grüß mir das Meer und die felsigen Klippen am Strand und die Brandung im Sturm.« (Aus des Verf.s Abhandlung über die Möwen in den »Lebensbildern aus der Tierwelt«, R. Voigtländers Verlag.)
An Farbenpracht ihrer Geschöpfe wird unsre nördliche Heimat von südlicheren Zonen weit übertroffen. Man hat deshalb wiederholt versucht, diesem Mangel etwas abzuhelfen, indem man sich Mühe gab, fremdländische Vögel in Deutschland einzubürgern. Jäger und übereifrige Vogelfreunde nahmen sich der Sache an. Jene wollten sich in ihrer Lust an Hege und Jagd nicht genügen lassen mit unsern Feld- und Waldhühnern, mit Enten und andern Wasservögeln; diese dachten sich's so schön, die Farbenpracht fremder Zonen in unsre Parks, Gärten und Wälder zu verpflanzen. Beides Versuche, gegen die sich glücklicherweise die Natur selbst wehrt. Nur eine einzige Vogelart hat sich wirklich dankbar gezeigt, der Fasan, dessen Einbürgerung restlos gelungen ist, obgleich nicht nur das Prachtgefieder, sondern auch das ganze Gebaren des Tieres den Fremdling noch immer auf den ersten Blick verrät. Dagegen sind Schopf- und Baumwachtel, Rot- und Moorhuhn sehr bald wieder von der Bildfläche verschwunden, ebenso der amerikanische Wildputer. Und von den chinesischen Nachtigallen, Papageien, roten Kardinälen und andern Ausländern hat man nicht selten an dem Tage, da man sie aussetzte, das letzte bunte Federchen gesehen. Und das ist gut so. Diese Fremdlinge passen ebensowenig in die heimatliche Landschaft, wie Weymouthskiefer, Roßkastanie, Robinie, amerikanische Eiche in den deutschen Wald, während man in Gärten und Parks sich diese fremdländischen Bäume wohl kann gefallen lassen.
Anders das zahme Hofgeflügel, das ja, soweit es, zur artenreichen Familie der Hühner gehört, gleichfalls fremdländischen Ursprungs ist. Hier handelt es sich um Genossen des Menschen, die seine Wohnstätte mit ihm teilen und dieser tatsächlich zu hoher Zierde gereichen; zur freien, unberührten Natur aber würden sie gleichfalls im Widerspruch stehen. Einen Bauernhof, und sei er noch so klein, ohne die muntere Schar der Hühner, geführt vom farbenprächtigen Hahn, kann man sich ebensowenig denken, wie das herrschaftliche Gut ohne den kollernden Puter mit seinen Hennen, und wenn auf der Freitreppe vor dem Schloß der Pfau sein glänzendes Rad schlägt, so paßt solche Farbenpracht recht wohl zu dem Reichtum, von dem das Bild zu uns spricht. Tot ist die Dorfstraße, wenn nicht schillernde und buntscheckige Hühner umhertrippeln oder an den Hoftoren in den flachen Löchern ruhen, die sie sich im Schatten des blühenden Hollers ausgescharrt haben. Wie anmutig auch der Blick in die Höhe, wenn die Tauben ihre Flugkünste zeigen, in weiten schön geschwungenen Bogen die ganze Ortschaft umfliegend, bald sich trennen, bald sich wieder vereinen, um sich endlich flatternd auf dem Dach niederzulassen, unter dem sie wohnen.
Auch unser zahmes Wassergeflügel, dessen Stammväter und -mütter bei uns Heimatrecht genießen, die Gänse und Enten und vor allem die Schwäne, sind recht wohl imstande, das Landschaftsbild aufs reizvollste zu beleben. Die Enten am Bach oder Dorfteich – ach, wie gemütlich ihr eifriges Schnattern – die Gänseherde, die durch das Gras zieht, militärisch in langer Reihe, aber watschelnden Ganges, der stolze Schwan, gleich einem Schiff mit geblähten Segeln über den Spiegel des Schloßteichs gleitend: man erfreut sich doch immer wieder an solchem Anblick, so oft man's auch schon geschaut hat.
Hinter dem Vogel bleiben alle andern Tiere in ihrer Bedeutung für das Landschaftsbild weit zurück. Namentlich gilt das von den Säugetieren, in erster Reihe von den wildlebenden. Mäuse auf dem Felde, niedliche Spitzmäuse zwischen dem herbstlichen Buchenlaub am Boden, ein Wiesel, ein Igel – von einer Bereicherung des Landschaftsbildes kann man bei ihnen kaum sprechen, nicht einmal wenn ein paar Jungfüchse oder Karnickel vor ihrem Bau spielen, oder wenn Freund Lampe Fersengeld gibt, daß seine weiße Blume bei jedem Sprung im Krautacker hell aufleuchtet wie ein Fetzen Papier, mit dem der Wind sein lustiges Spiel treibt.