An sich ist das Fehlen redaktioneller Verbindung der Stücke nun freilich kein Grund, ihre Zusammenstellung dem Jesaia abzusprechen. Es ist im Gegenteil oft der Fehler bei der Erklärung prophetischer Schriften, dass man eine Verbindung zwischen einzelnen Reden herzustellen sucht, die nicht vorhanden und nicht beabsichtigt ist.
Aber wenn wir die in Rede stehenden Stücke betrachten, so werden wir doch zu dem Schlusse gedrängt, dass diese Stücke in ihrer jetzigen Gestalt nicht von Jesaia selbst zu einem Buch zusammengestellt sein können.
Zunächst müssen wir c. 30,8 ff. aus der vermeintlichen Sammlung ausscheiden. Denn dieses Stück setzt in seinem Eingange unbedingt einen anderen Zusammenhang voraus, als er in dem vorhergehenden Stücke gegeben ist. Das Stück beginnt mit den Worten:
Jetzt geh’ hinein, schreib es nieder, und auf ein Buch zeichne es!
Mag der Vers auch nicht mehr ganz in Ordnung sein[11], so bleibt doch immer bestehen, dass Jesaia aufgefordert wird, „jetzt“ hinein (?) zu gehen und „es“ aufzuschreiben. Worauf bezieht sich das עתה, und was ist mit den Suffixen in den Verben gemeint? Da uns das nicht im Folgenden gesagt wird, so müssten wir erwarten, dass es im Vorhergehenden irgendwie angedeutet sei. Das Witzwort in v. 7 b kann es nicht sein; denn erstens stammt es nicht von Jesaia, und zweitens steht es in dem Stück v. 6 f., das, wie wir gesehen haben, auch nicht ohne Weiteres dem Zusammenhange angehört. In dem vorhergehenden Stück c. 30,1–5 lässt sich aber auch nichts zur Erklärung finden. Dann ist aber klar, dass auch dieses Stück nicht als unmittelbare Fortsetzung des vorhergehenden von Jesaia niedergeschrieben sein kann.
Die noch übrigen Stücke fordern in ihren Anfängen keine Beziehungen auf etwas Vorangegangenes. Sie könnten also an sich wohl in ihrer Reihenfolge von Jesaia zu einer Sammlung zusammengestellt worden sein. Aber ein anderer Umstand widerspricht dieser Möglichkeit. Würden wir nämlich die vorherbesprochenen Abschnitte aus dieser Sammlung herausnehmen, so würde dadurch der sachlich-chronologische Zusammenhang der Stücke, den wir oben nachgewiesen haben, zerstört werden. Wir kämen ja auch dann zu der unglaublichen Annahme, dass Jesaia seine eigenen zusammengehörigen Stücke nur zum kleinen Teil geordnet habe, und dass es erst einem späteren Bearbeiter gelungen sei, für alle Stücke die chronologisch-sachliche Ordnung herzustellen. Dieser Annahme ist jedenfalls die andere vorzuziehen, dass die Zusammenstellung der Stücke in der Gestalt, in welcher sie uns vorliegen, überhaupt nicht auf Jesaia, sondern auf einen späteren Sammler zurückzuführen ist.
Zu diesem Resultate werden wir auch noch durch eine andere, etwas allgemeinere Erwägung geführt. Wenn wir fragen, in welcher Weise Jesaia die vorliegende Sammlung hergestellt haben könnte, so bieten sich zur Beantwortung dieser Frage überhaupt nur zwei Möglichkeiten. Entweder hat der Prophet seine früher vereinzelt und nacheinander aufgeschriebenen Stücke und Reden in einer späteren Zeit geordnet und zusammengestellt, oder er hat die in einer früheren Zeit nur gehaltenen Reden selbstständig reproduziert und zu Papier gebracht. In letzterem Falle wäre dann die Sammlung gewissermassen wie aus einem Gusse entstanden. Aber in diesem Falle müssten erst recht alle einzelnen Stücke der Sammlung unter einander verbunden sein und auch schriftstellerisch zusammen ein wohl abgerundetes Ganze bilden. Das kann man aber von den vorliegenden Stücken trotz ihrer korrekten sachlichen Ordnung nicht behaupten.[12]
Darum müssten sie auf die erstere Art entstanden sein, wenn sie in ihrer jetzigen Form eine von Jesaia hergestellte Sammlung bilden sollten. Es ist aber unmöglich, sich alle einzelnen Stücke auf diese Art entstanden sein zu denken. Ueberhaupt ist diese ganze gangbare Vorstellung von der Niederschrift wirklich gehaltener prophetischer Reden schwer zu vollziehen. Man muss Hackmann Recht geben, dass es „beinahe etwas ebenso Unnatürliches hat, zu denken, der Prophet habe seine in der Glut des Geistes geredeten Worte nachher schriftlich wiederholt, wie wenn man annähme, er hätte sie vorher wie eine zu haltende Predigt ausgearbeitet.“ So lange wir indessen nicht eine andere genügende Erklärung für die Aufzeichnung prophetischer Reden in unsern Prophetenbüchern haben, wird diese Vorstellung wohl weiter gangbar bleiben. Wir müssen darum auch an dieser Stelle mit ihr rechnen und hoffen, sie wenigstens für unser Buch zerstören zu können.
Auf diejenigen längeren Reden unserer Stücke, welche deutlich Schuld und Strafe verkünden, und die auch einen selbstständigen Eingang und Abschluss bilden, lässt sich vielleicht die angegebene Vorstellung ihrer Niederschrift anwenden. In ihnen hatte der Prophet dann, entweder für sich, oder für seine Zeitgenossen und die späteren Geschlechter deutlich seine Meinung aufbewahrt.
Aber es giebt grade auch unter den uns vorliegenden Stücken solche, bei denen man für sich allein weder erkennt, an wen sie gerichtet sind, noch worauf sie sich beziehen; kurze Sprüche, die für sich allein überhaupt gar keinen Sinn geben.