So hätte sich der Prophet aus der Zeit, in der er den definitiven Entschluss der Volksleiter, sich mit Aegypten zu verbinden erfuhr, nur c. 29,15 notiert! Ist es ferner vorstellbar, dass sich Jesaia als Wiedergabe einer oder mehrerer Reden und heftiger Kämpfe mit den Volksleitern c. 29,9 f. aufgeschrieben habe לְעֵד עד עולם?! Oder was mochte wohl Jesaia damit bezwecken, als er, nicht als Rede, sondern in Form der Erzählung die Thatsache niederschrieb, dass die judäischen Gesandten auf dem Wege nach Aegypten seien (c. 30,6 f.)? Dieselbe Frage erhebt sich gegenüher der Schilderung jener Szene im Tempelvorhof c. 28,7 ff. Endlich müssten wir auch annehmen, dass die jetzt in ihrem Anfange unvollständigen Stücke schon bei ihrer ersten Aufzeichnung von Jesaia so unvollständig niedergeschrieben wären, da es sonst unbegreiflich wäre, warum er sie nicht vollständig in seine Sammlung herübergenommen hätte. Aus allen diesen Gründen ist die Annahme, dass Jesaia die vorliegende Sammlung aus einzelnen früher selbstständigen Stücken hergestellt habe, unzulässig, und damit ist überhaupt die Sammlung der Stücke in der uns vorliegenden Gestalt durch Jesaia selbst unerklärlich.
So hat uns also nicht nur die Untersuchung der einzelnen Stücke auf ihren Zusammenhang untereinander, sondern auch die Erwägung allgemeinerer Art zu demselben Resultate geführt, dass die inhaltlich zusammengehörigen Stücke unseres Buches, so wie sie uns jetzt vorliegen, nicht von Jesaia zusammengestellt sein können.
Sie müssen daher von einem späteren Sammler in ihren jetzigen Zusammenhang gebracht sein. Aber woher hat sie dieser spätere Sammler entnommen? Er kann sie jedenfalls nicht aus einzelnen Aufzeichnungen Jesaias zusammengestellt haben. Denn wir haben gesehen, dass es undenkbar ist, dass Jesaia alle diese einzelnen Stücke zu verschiedenen Zeiten einzeln und als selbstständige Stücke aufgezeichnet habe. Ausserdem wäre auch ein späterer Sammler kaum im Stande gewesen, die in der Reihenfolge der Stücke waltende grosse sachliche Ordnung herzustellen.
Daher müssen die einzelnen Stücke aus einem grösseren Zusammenhange stammen. Darauf führt 1. ihre chronologisch-sachliche Ordnung, 2. der Umstand, dass mehrere Stücke teils in ihrem Anfange unvollständig sind (c. 28,7 ff. c. 30,8 ff.), teils auch durch die Art ihres Anfanges auf etwas Verlorengegangenes schliessen lassen (c. 28,14 ff. c. 29,13 f.). Halten wir die beiden Punkte zusammen, so lässt sich vermuten, und zwar namentlich aus der innerhalb der einzelnen Stücke herrschenden chronologischen Ordnung, dass der grössere Zusammenhang, aus dem die einzelnen Stücke entnommen sind, ein geschichtlicher Zusammenhang gewesen ist.
Es gilt nun im Folgenden zunächst, diese Vermutung wissenschaftlich näher zu begründen, und zu zeigen, dass sich durch diese Annahme eines ursprünglich geschichtlichen Zusammenhanges der in Frage stehenden jesajanischen Stücke des Buches alle vorhandenen Schwierigkeiten beseitigen lassen.
Der einzige, der bisher diese Vermutung ausgesprochen hat, ist Hackmann, in seiner Schrift über die Zukunftserwartung des Jesaia. Er sagt dort Seite 47: „Unwillkürlich umgiebt man diese Reden mit Geschichte, und — sollten sie nicht auch ursprünglich in geschichtlicher Umrahmung gestanden haben? Anzeichen für ein früheres Vorhandensein historischer Einkleidung liegen wohl vor. Das cap. 28 steht so sehr mit einem konkreten geschichtlichen Vorgange in Verbindung, dass die Vorstellung nahe liegt, eine kurze Darstellung der begleitenden Verhältnisse sei einmal damit Hand in Hand gegangen. Manche Einzelheiten sind wie eine Bezugnahme auf eine nebenhergehende Erzählung; v. 9 f. setzt eine Unterbrechung der Rede durch Einwürfe der Trunkenen voraus; v. 15 redet in Anspielungen von einem Faktum, über welches ursprünglich vielleicht auch einige Worte verloren waren. Aehnlich ist es mit Stellen wie 30,1. 6. 15 und 16. Natürlich ist nur ein kurzer und einfacher Rahmen der Situation für die einzelnen Aussprüche anzunehmen, in der Weise von c. 7 und 8.“
Es gilt nun im Folgenden, diese von Hackmann mehr andeutungsweise ausgesprochene Vermutung näher zu begründen und allseitig sicher zu stellen.