Ein starker Wahrscheinlichkeitsgrund für die Richtigkeit dieser Annahme liegt ja vor allen Dingen in der oben nachgewiesenen chronologischen Reihenfolge unserer Stücke. Wir müssen uns aber auch nach möglichst starken äusseren Stützen für dieselbe umsehen. Diese liegen nun aber meines Erachtens nicht zuerst in den von Hackmann hervorgehobenen Anzeichen einer früheren geschichtlichen Umrahmung, obwohl auch diese, wie wir nachher sehen werden, stark mit ins Gewicht fallen.
Der Hauptbeweis für die Annahme eines früheren geschichtlichen Zusammenhanges unserer Stücke liegt vielmehr in der Beschaffenheit dieser Stücke selbst.
Diese enthalten nämlich keineswegs alle, wie man bisher meist angenommen hat, Reden, sondern sind zum guten Teil selbst noch geschichtliche Darstellungen, zum Teil geben sie auch Reden in geschichtlich referierender Form wieder.
Eigentliche Reden enthalten überhaupt nur folgende Stücke: 1. c. 28,14–22. Dieses Stück wendet sich mit direkter Anrede gleich in v. 14 an die Machthaber in Jerusalem und behält die Form der Anrede bis zum Schlusse bei. 2. c. 29,9 f. Wer in dem kurzen Stücke angeredet ist, ist nicht gesagt; wahrscheinlich sind es die Volksleiter, denen Jesaia das Verstockungsgericht Jahwes ankündigt. 3. c. 30,1–5. Indessen ist hier schon zu merken, dass die Rede erst von v. 3 an mit dem והיה לכם direkte Anrede wird. In v. 1 f. ist der Spruch Jahwes in dritter Person referierend wiedergegeben. Denn die Worte: הוי בנים סוררם נאם יהוה darf man nicht übersetzen: Wehe euch widerspenstigen Söhnen, ist der Spruch Jahwes; sondern sie heissen: Wehe über die widerspenstigen Söhne u. s. w. Das geht klar hervor aus c. 29,15. Das Stück beginnt ganz parallel: הוי המעמיקים und fügt dann den Nachsatz in dritter Person an, wie aus dem מעשיהם und dem ויאמרו hervorgeht, vgl. auch c. 31,1 f. 4. c. 30,12–17. Die Rede wendet sich an die Volksleiter und verkündet ihnen wegen ihres Ungehorsams gegen den Willen Jahwes den Untergang. Aber diese Rede will nicht die Wiedergabe einer Rede Jesaias an das Volk sein. Jesaia steht gar nicht vor dem Volk, sondern sitzt in seinem Hause und schreibt diese Rede als eine Rede Jahwes an das Volk für einen späteren Tag auf. Denn mit den Worten: לכן כה אמר קדןש ישראל (v. 12) ist dieselbe nicht nur als Rede Jahwes bezeichnet, sondern auch eng an die vorangehenden Verse 8–11 angeschlossen. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass Jesaia nicht ähnliche Reden an das Volk gehalten hat. Aber es kommt hier auf die Form an, in welcher die vorliegende Rede aufgezeichnet ist; und darnach ist dieselbe nicht die Wiedergabe einer an das Volk gehaltenen Rede, sondern einer dem Jesaia von Jahwe geoffenbarten Rede, die ihm zum Zeugnis dienen soll ליום אחרון.
Die vier Reden sind die einzigen direkten, in der zweiten Person an das Volk oder dessen Leiter gerichteten Reden unserer Stücke. Und auch diese erfahren in ihrer Bedeutung als solcher, wie wir gesehen haben, Einschränkungen.
Neben diesen direkten Reden an das Volk stehen andere, die in erzählender Form in der dritten Person berichtet sind. Dazu gehören, wie oben zu c. 30,1–5 schon bemerkt worden ist, die Wehereden in c. 29,15 und c. 31,1 ff. Es sind Zornesausbrüche Jesaias im Namen seines Gottes, hervorgerufen durch das Zustandekommen und die Ausführung jenes Beschlusses, durch welchen sich das Volk in seinen Führern definitiv vom Gehorsam gegenüber Jahwe losgesagt hat. Es ist fraglich, ob Jesaia diese Aussprüche je mündlich vorgetragen hat; sie eignen sich mehr zu schriftlichen Drohworten, und nach c. 30,8 scheint es, als ob sich Jesaia von da an überhaupt auf Weisung seines Gottes vom Schauplatz der öffentlichen Thätigkeit zurückgezogen habe. Die Form von c. 31 überhaupt ist nicht die einer feurigen Rede, als vielmehr die einer grimmigen und doch siegesgewissen Argumentation. Man achte auf das וגם הוא חכם ויבא רע in v. 2 und die Gegenüberstellung Jahwes und Aegyptens in v. 3; ebenso auf das siegesgewisse: כי כה אמר יהוה אלי in v. 4. Er weiss es, dass Jahwe zu ihm und durch ihn geredet hat, und dass er darum zuletzt noch Recht behalten wird seinen Gegnern gegenüber.
Jedenfalls ist auch c. 29,1 ff. zu diesen indirekten Drohreden zu rechnen. Das ergiebt sich schon daraus, dass Ariel (der Opferherd) angeredet ist. Aber das Stück bietet solche Schwierigkeiten, dass sich seine Form überhaupt nicht mehr wird mit Sicherheit feststellen lassen. In v. 1 redet Jesaia, v. 2 geht unvermittelt in die Rede Jahwes über, so dass anzunehmen ist, dass zwischen v. 1 und 2 etwas ausgefallen ist, was auch der völlig abweichende Text der LXX wahrscheinlich macht. Gehört v. 7 zum ursprünglichen Text, dann ist die Rede überhaupt in Schilderung übergegangen. Denn in v. 7 ist Ariel in der dritten Person genannt.
Wir kommen nun zu einer dritten Gruppe von Stücken, in denen Worte Jahwes an Jesaia berichtet werden; und weil dies ganz in der Gestalt geschieht, wie sie dem Jesaia gegeben werden, so tragen diese Stücke vollkommen die Form der Erzählung. Zu diesen Stücken gehören c. 29,13 f. und c. 30,8 ff.
Zu c. 29,13 f. bemerkt schon Duhm, dass dieser Spruch wegen der Einleitung der Herr sprach, vielleicht auf einen historischen Zusammenhang hinweise. Aber nicht nur die einleitenden Worte, sondern auch die Worte der Rede Jahwes tragen die Form der historischen Darstellung. Es heisst ja nicht: weil ihr euch nähert... sondern weil sich dies Volk nähert... drum siehe behandle ich es wunderbar. Der Angeredete ist der Erzähler.
In c. 30,8 bezieht sich nun auch der Inhalt der Rede Jahwes auf Jesaia, Jesaia erzählt hier einen Befehl Jahwes, den er erhalten hat, mit den Worten Jahwes wieder; das ist also auch keine Rede Jesaias, sondern historische Darstellung einer Rede Jahwes an Jesaia. Wahrscheinlich gehören die mit כי angeschlossenen Worte v. 9–11 noch mit zur Rede Jahwes als Begründung des Befehls. Jahwe wird zwar in v. 9 und 11 in dritter Person erwähnt; aber es hat nichts Befremdliches, wenn Jahwe von sich in dritter Person redet. Ueber die weitere Fortsetzung v. 12 ff. ist schon oben die Rede gewesen.