Nun bleiben noch zwei Stücke übrig, die jedes für sich behandelt werden müssen: c. 30,6 f. und c. 28,7 ff. c. 30,6 f. enthält überhaupt keine Rede, sondern reine Erzählung. Es steht zwar jetzt: Orakel „Wüsten des Südlandes“ darüber; aber auch diese geheimnisvolle Ueberschrift kann natürlich für uns nicht die Erzählung in eine Rede verwandeln. „Im Land der Enge und Angst.... führen sie auf... Eseln ..... ihre Schätze zum Volk, das nicht nützt.....“ Dieser einfache Satz ist durch einiges poëtische Beiwerk erläutert und erweitert. Das ist das geheimnisvolle Orakel. Das Land der Angst ist die Wüste, die Schätze sind der Tribut für die versprochene Hülfe, das Volk, das nicht nützt, ist Aegypten. Es liegt derber Spott in dieser Schilderung Jesaias.

c. 28,7–13 ist weder blos Erzählung noch blos Rede, sondern es ist Erzählung, direkte und indirekte Rede zusammen, kurz, es ist die lebendige historische Darstellung einer gewaltigen im Tempelvorhof vorgefallenen Scene. Die Einleitung erzählt oder vielmehr hat erzählt die Situation; denn wie wir oben gesehen haben, ist sie jetzt wahrscheinlich von einem späteren Bearbeiter stark modifiziert. In v. 9 f. folgt dann in direkter Rede die Wiedergabe der Anrede oder besser der Hohnrede der trunkenen Priester und Propheten. Sie reden nicht Jesaia, sondern sich gegenseitig an, da sie von Jesaia in der dritten Person reden. Und darauf folgt — nicht eine Anrede an, sondern ein Urteil Jesaias über die Trunkenen und ihre Rede; denn von den Trunkenen ist im Folgenden in der dritten Person geredet. Wenn wir fragen wollen, an wen Jesaia sich dieses Urteil über die Trunkenen und ihre Rede gerichtet dachte, so werden wir wohl antworten müssen, dass er dabei nicht jene Spötter, sondern die Leser seines Buches im Auge hatte. Dass Jesaia nicht eine ähnliche Drohrede jenen Spöttern ins Gesicht geschleudert habe, soll damit wieder nicht gesagt sein; die hier so drastisch und lebendig dargestellte Szene hat Jesaia gewiss selbst erlebt. Aber die Form der Wiedergabe seiner Entgegnung ist doch nun einmal nicht Rede — dann müsste die zweite Person stehen —, sondern urteilende Darstellung.

Der Überblick über die Form der in Frage stehenden jesajanischen Stücke hat uns gezeigt, dass dieselben nur zum kleinsten Teil wörtlich wiedergegebene Reden enthalten, dass die Aufzeichnung auch vieler Reden in indirekt referierender Form gehalten ist, und dass, was für unsere Frage die Hauptsache ist, sich sogar mehrere Stücke in rein historischer Darstellung finden. Um die letzteren noch einmal aufzuzählen, so sind dies c. 28,7–13. c. 29,13 f. c. 30,6 f. c. 30,8–11.

Dieser bisher immer übersehene Thatbestand ist natürlich ein sehr entscheidendes äusseres Moment für die Richtigkeit unserer Vermutung, dass die zusammenhängenden jesajanischen Stücke unseres Buches ursprünglich einem grösseren historischen Zusammenhange angehört haben. Denn bei dieser Annahme erklärt es sich allein, dass sich in den uns erhaltenen jesajanischen Stücken unseres Buches bald die Form der direkten, bald der indirekten Rede findet, und dass sogar einige Stücke die Form der reinen Erzählung tragen, während sich dieser Wechsel der Form bei der bisher üblichen Vorstellung der Entstehung jesajanischer Stücke doch durchaus nicht verstehen lässt. Wie sollte Jesaia dazu gekommen sein, solche zum Teil abgerissenen und unvollständigen Stücke von Reden, Erzählungen und Szenen aufgeschrieben und später zusammengestellt zu haben!

Auf einen grösseren ursprünglich historischen Zusammenhang weisen nun auch zweitens die oben besprochenen Eingänge einzelner Stücke hin, die jetzt zum Teil völlig Unzusammengehöriges eng mit einander verbinden. Es sind die Eingänge c. 28,7. 28,14. 29,13. 30,8. und in weiterem Sinne noch c. 31,4.

Am deutlichsten ist das bei c. 29,13. Die Worte ויאמר יהוה können, wie wir gesehen haben, nicht v. 13 mit v. 10 verbinden. Es muss also vor v. 13 etwas ausgefallen sein, woran die Worte ויאמר יהוה ursprünglich angeknüpft haben. Dann weist aber das Stück, das selber erzählende Form trägt, gerade auch mit seiner der Erzählungsform entnommenen Einleitungsformel unabweislich auf einen historischen Zusammenhang hin. Der Inhalt lässt sich natürlich nicht mehr bestimmen, muss aber mit der angeführten Rede Jahwes irgendwie in Beziehung gestanden haben.

Über den Eingang in c. 28,7 ist oben schon näher die Rede gewesen. c. 28,9 ff. fordern eine Einleitung, die die Situation beschreibt. Wären die Worte in c. 28,7 אלה נגם jesajanisch, dann würden sie, wie Hackmann meint, allerdings auf eine ähnliche historische Beschreibung der trunkenen Ephraims zurückweisen. Aber die Ursprünglichkeit des überlieferten Textes in v. 7 f. ist nicht sehr wahrscheinlich. Andererseits weist aber gerade auch der überlieferte Text darauf hin, dass vor v. 9 eine ähnliche und jedenfalls umfassendere historische Einleitung gestanden haben muss; denn der Bearbeiter kann die jetzige nicht aus der Luft gegriffen haben, zumal im Folgenden von der Trunkenheit der Priester nicht mehr die Rede ist, und dann liegt es auch durchaus, wie wir noch sehen werden, der Art des Bearbeiters unserer Stücke fern, derartige geschichtliche Einleitungen zu bilden; er hat sie im Gegenteil, überall, wo es möglich war, entfernt und nur die Reden in seine Sammlung aufgenommen.

In c. 28,14 bereitet das לכן, wie wir gesehen haben, den Auslegern grosse Schwierigkeiten. Dasselbe setzt voraus, dass der Grund der folgenden Drohrede im Vorhergehenden angegeben war. Nun ist derselbe aber in v. 7–13 nicht angegeben. Also muss vor v. 14 etwas ausgefallen sein, was den Grund der folgenden Drohung enthalten hat. Das kann aber nicht etwa der Anfang der Rede selbst gewesen sein. Denn in der v. 14 ff. angeführten Rede ist der Grund der Drohung in v. 15 voll und ausreichend angegeben vgl. v. 17 f. Dieser Umstand fordert vielmehr nothwendig die Annahme, dass der Grund der Drohrede vorher in geschichtlichem Bericht gegeben war. Man könnte höchstens noch annehmen, dass das לכן v. 14 überhaupt nicht ursprünglich zu dem jesajanischen Stücke gehört habe, sondern vom Bearbeiter hinzugesetzt sei, um v. 14 ff. mit dem Vorhergehenden zu verbinden. Aber einmal hat der Sammler auch sonst in unserem Buche jesajanische Stücke ohne besondere Verbindung nebeneinander gestellt, und es wäre kein rechter Grund ersichtlich, warum er grade dieses durch ein nachträglich hinzugefügtes לכן mit dem vorhergehenden verbunden haben sollte; sodann aber setzt auch die Art und Weise, in der v. 15 der Grund der Drohung angegeben wird, eine Rückbeziehung auf konkrete geschichtliche Verhältnisse voraus, die ohne vorhergegangene Erläuterung dunkel bliebe und darum auch für uns thatsächlich dunkel ist. Hier kommen wir mit Hackmann überein, der in seiner oben angeführten Ausführung sagt, v. 15 rede in Anspielungen auf ein Faktum, über welches ursprünglich vielleicht einige Worte verloren waren. Wir meinen, dass das לכן in v. 14 noch deutlich diesen Ausfall erkennen lässt.

In c. 30,8 ist es nicht die Form, sondern der Inhalt des Verses selbst, der auf geschichtliche Beziehungen zurückweist, deren Angabe einmal vor ihm gestanden haben muss. Sowohl der Zeitpunkt des עתה, als auch der Inhalt dessen, was Jesaia aufschreiben soll, muss einmal irgendwie vor v. 8 erzählt gewesen sein. Denn jetzt steht der Vers völlig in der Luft und die Suffixe in den Verben haben keine Beziehung auf etwas Vorhergehendes, die sie doch notwendig fordern.