Wir haben daher vor allem das Verhältnis unserer Stücke mit anderen Erzeugnissen des alttestamentlichen Schrifttums ins Auge zu fassen. Da ist es nun von vornherein als bemerkenswerte Thatsache hinzustellen, dass unsere Stücke mit den Schriften der vorexilischen Periode weder in Form noch Inhalt in irgend einer Beziehung stehen, dass sie dagegen nach beiden Seiten das engste Verwandtschafts- und Abhängigkeitsverhältnis mit anerkannt nachexilischen Schriften aufweisen.
Im einzelnen ist ja darauf schon bei der Besprechung dieser Stücke im ersten Teile dieser Abhandlung eingegangen worden. Hier seien nur noch einmal die Berührungspunkte mit Deutero- und Trito-Jesaja zusammengestellt, die in unseren Stücken besonders stark hervortreten:
Vergleiche dazu: c. 29,16 mit 45,9. c. 29,18 mit 42,18. c. 29,29 mit 41,16. c. 30,26 mit 65,17. c. 32,6–8 mit 58,7–10. c. 32,20 mit 58,11. c. 33,3 mit 66,6. c. 33,5 mit 40,22. 66,1. c. 33,14 mit 66,24. c. 33,24 mit 60,21.
Bedeutsam tritt vor allem die Abhängigkeit des grösseren Stückes c. 29,16 ff. von Deuterojesaja hervor. Man wird Duhm[27] beistimmen können, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass die Nachahmung des Deuterojesaja nach c. 29,16 ff. nicht ganz unbewusst geschehen sei, so dass die Möglichkeit vorliegt, dass der Verfasser den Deuterojesaja für jesajanisch gehalten habe. Mit Bestimmtheit lässt sich das freilich nicht sagen. Jedenfalls steht aber die Abhängigkeit fest. Ebenso lässt sich ein Abhängigkeits- und Verwandtschaftsverhältnis unserer Stücke mit den spätesten Psalmen und Propheten, wie Deutero-Sacharja und Joel, nachweisen, wie im ersten Teile gezeigt worden ist. Daraus geht hervor, dass wir mit der Zeitansetzung unserer Stücke bis ins zweite Jahrhundert hinabzugehen haben.
Auf diese Zeit passen nun auch die Anspielungen auf die Gegenwart, die sich in ihnen, namentlich in c. 33 finden. Aus ihnen hat Duhm wahrscheinlich gemacht, dass dieses Kapitel ungefähr aus dem Jahre 162 stammt[28]. Diese Zeitansetzung unserer Stücke in die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts findet nun auch aus c. 30,27 ff. und c. 31,7 f. eine weitere Bestätigung.
Diese beiden Stücke wenden sich gegen „Assur“. Was konnte aber ein nachexilischer Schriftsteller für ein Interesse daran haben, gegen das Assur Jesaias eine Drohweissagung zu schreiben, das es doch gar nicht mehr gab? Unter „Assur“ kann hier nur Syrien, das „Assur“ des zweiten Jahrhunderts, verstanden werden.
In diese vielbewegte Zeit der Seleuzidenherrschaft passen nun auch die in den anderen Stücken wahrgenommenen Andeutungen auf Kämpfe und Kriegsnöte. Dahin gehört „das Brot der Not und Wasser der Drangsal“ in c. 30,20, das „Erbleichen“ Jakobs in c. 29,22 und endlich auch c. 28,6b, wo gesagt wird, dass Jahwe denen zur Heldenkraft werden wird, „die den Kampf zum Thore zurücktreiben.“
Es ist demnach aus inneren und äusseren Gründen wahrscheinlich, dass wir als ungefähre Abfassungszeit der nichtjesajanischen Stücke unseres Buches die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. anzunehmen haben. Sollte die Annahme Duhms, dass c. 33 aus dem Jahre 162 stammt — was freilich nur eine Vermutung bleiben kann — richtig sein, so hätten wir damit den terminus ad quem der Fertigstellung des Buches c. 28–33 gewonnen. Denn c. 33 setzt, wie wir gesehen haben, das Vorhandensein des übrigen Buches bereits voraus und ist hinter c. 32,9–14 als zweiter Nachtrag an dasselbe angeschlossen worden. Das älteste unjesajanische Stück unseres Buches ist c. 30,27–33. Da es gegen „Assur“ gerichtet ist, werden wir für seine Entstehung etwa das Jahr ±200 anzunehmen haben. Die Hauptmasse würde demnach etwa in die Mitte zwischen 200 und 162 fallen, also um das Jahr ±180. Bestimmtere Anhaltspunkte für die Zeitansetzung finden sich nicht.