Es bleibt nun nur noch c. 30,27–33 übrig. Dieses Stück ist in sich vollkommen selbstständig und hat zu den jesajanischen Partieen unseres Buches gar keine innere und äussere Beziehungen. Es unterscheidet sich aber auch in Form und Inhalt vollständig von den nichtjesajanischen Stücken desselben. Statt der lehrhaften Auseinandersetzungen haben wir hier schwülstige Schilderungen und groteske Bilder. Es ist schon deshalb kaum anzunehmen, dass es von demselben Verfasser herrührt wie die anderen Stücke. Zudem folgt es auf ein nichtjesajanisches Stück, und man dürfte wohl annehmen, dass der Verfasser seine eigene Fortsetzung mit dem Vorhergehenden in etwas engere Beziehung gesetzt haben würde. Auch inhaltlich unterscheidet sich das Stück von den anderen nichtjesajanischen Stücken. Während es in den vorhergehenden Stücken darauf ankam, das Volk über sein Unglück zu belehren und auf das baldige Eintreten der goldenen Zukunft zu vertrösten, wird hier ein Schlachtlied wider „Assur“ angestimmt. Nur c. 31,8 f. hat ähnlichen Inhalt. Es ist aber auch ganz deutlich, dass diese beiden Verse von unserm Stücke abhängen und auf dasselbe Bezug nehmen. Denn Assur wird in c. 31,8 als bekannt eingeführt, der Fels erinnert an c. 30,29b; endlich das Feuer und der Backofen in Jerusalem v. 9b ist eine Anspielung auf c. 30,33, wonach das feindliche Heer auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden soll. c. 31,8 f. ist nun ohne Zweifel vom Hersteller des Buches als Fortsetzung und Ergänzung von v. 1–4 verfasst (v. 8 ist Nachbildung von v. 3). Das beweist nun aber eher gegen als für die Identität des Verfassers von c. 30,27 ff. und c. 31,8 f. Denn es ist nicht anzunehmen, dass der Verfasser sich selbst so ausgeschrieben und auf seine eigene Dichtung als auf den „Spruch Jahwes“ hingewiesen haben sollte, wie v. 8 f. thun. Viel wahrscheinlicher ist, dass der Hersteller des Buches das Stück c. 30,27–33 für jesajanisch gehalten und darum in seine Sammlung aufgenommen hat.

Der Sammler hat nun das Stück entweder schon in dem grösseren Zusammenhange, aus dem er seine jesajanischen Stücke entnommen hat, vorgefunden, oder er hat es, wie c. 28,1–4 als ein besonderes Orakel besessen. Bei der letzteren Annahme lässt sich allerdings kein genügender Grund entdecken, warum er das Stück dann in den jesajanischen Zusammenhang vor c. 31,1–4 eingeschoben hätte; es hätte auch nach c. 31 seinen guten Platz gehabt, während es an seiner jetzigen Stelle mit seiner Umgebung nach vorn und hinten ohne Zusammenhang steht. Daher werden wir wohl anzunehmen haben, dass der Sammler das Stück in dem von ihm benutzten geschichtlichen Zusammenhange schon vorgefunden hat. Diese Annahme bereitet auch gar keine Schwierigkeiten, wenn man bedenkt, wie z. B. in den geschichtlichen Anhängen des Jesaia-Buches, c. 36–39, auch nachträglich noch grössere Stücke, wie c. 38,10–20 eingeschoben werden konnten. Ja, wir werden a priori anzunehmen haben, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass sich die von Jesaia verfasste geschichtliche Darstellung bis zu der Zeit, in welcher der Verfasser unseres Buches schrieb, völlig rein von fremdem Gute gehalten haben sollte.

Ueberblicken wir jetzt noch einmal den Gang unserer Untersuchung über die nichtjesajanischen Stücke des Buches c. 28–33, so haben wir folgende Resultate gewonnen:

1) Diejenigen Stücke, welche sich als Fortsetzungen oder Ergänzungen der jesajanischen Partieen unseres Buches geben, rühren alle von demselben Verfasser her. Es sind dies folgende Abschnitte: c. 28,5 f. c. 29,4–8. c. 29,11 f. c. 29,16–24. c. 30,18–26. c. 31,4–8. Ausserdem gehören dem Hersteller unseres Buches wahrscheinlich noch an: das Maschal c. 28,23–29 und die messianische Weissagung c. 32,1–8.

2) c. 30,27–33 ist eine Weissagung über die Vernichtung Assurs von unbekannter Hand, die aber der Hersteller unseres Buches für jesajanisch gehalten und jedenfalls auch schon im Zusammenhange der jesajanischen Stücke vorgefunden hat.

3) c. 32,15–20 und c. 33 sind sammt dem dazu gehörigen jesajanischen Stücke spätere Nachtragungen und Ergänzungen, wahrscheinlich auch von anderer Hand.

Es käme nun noch darauf an, für die Abfassung der einzelnen Stücke eine genaue Zeitangabe zu ermitteln. Das ist nun aber bei ihrer Beschaffenheit ganz unmöglich. Denn die eschatologischen Weissagungen der nachexilischen Zeit schweben in der Luft, handeln von der Zukunft, ohne die Gegenwart zu berücksichtigen. Vollkommen ist dies freilich nicht möglich; aber der geschichtliche Hintergrund, den sie widerspiegeln, ist so allgemein, dass er auf Jahrhunderte, ja auf das ganze nachexilische Judentum passt. „Die jüdische Hoffnung hatte nicht den realistischen Charakter der alten Weissagung. Keine Brücke leitete von der Gegenwart hinüber in die Zukunft, das Reich Davids sollte plötzlich durch das Eingreifen eines deus ex machina in die Welt gesetzt werden. Die Ereignisse der Zeit führten den Tag Jahwes nicht herbei, sondern waren nur Symptome, dass er nahe.“[25]

Der Charakter der Zeit, aus der diese Weissagungen stammen, spiegelt sich fast nur in der Stimmung wieder, die sie beseelt. Aber auch diese Stimmung war für das nachexilische Judentum nahezu immer dieselbe. Es klingt fast wie eine Charakterisierung unserer Stücke, wenn Wellhausen[26] darüber schreibt: „Die Stimmung, die wir bei den heimgekehrten Verbannten fanden, blieb permanent, weil der Widerspruch nicht aufhörte, dass das messianische Heil längst fällig war und doch nicht eintrat. Die Befreiung aus dem Exil hatte die bitter empfundene Fremdherrschaft doch nicht beseitigt. Nachdem das Gefängnis längst gewendet war, musste die Bitte: „Wende das Gefängnis!“ noch immer wiederholt werden. Sion war zwar wieder gebaut, doch im Drucke der Zeiten. Die Frömmigkeit war Traurigkeit; erst von der Zukunft wagte man zu hoffen, dass dann die Opfer dem Herrn gefallen würden.“

Wollen wir eine einigermassen sichere Zeitbestimmung für unsere Weissagungen finden, so müssen wir mehr die Theologie und die Form derselben zu Rate ziehen; der allenfalls erkennbare zeitgeschichtliche Hintergrund kommt erst bestätigend in zweiter Linie in Betracht.