Wir kommen jetzt zur Besprechung des Verhältnisses der unjesajanischen Stücke zu einander. Hierbei ist eigentlich schon im Voraus anzunehmen, dass die Fortsetzungen und Ergänzungen der zusammmengehörigen jesajanischen Partieen von demselben Verfasser herrühren. Denn die Herstellung unseres Buches durch Entnahme jesajanischer Stücke aus einem grösseren Zusammenhange kann nur das Werk eines Mannes sein. Höchstens können spätere Leser hier und da Worte oder Sätze in den Zusammenhang eingeschoben, oder sich schon in dem dem Verfasser vorgelegenen jesajanischen Buche fremde Bestandteile befunden haben. Auf diese letztere Möglichkeit werden wir später noch zurückkommen. Für die meisten dieser Fortsetzungen und Ergänzungen lassen sich aber auch litterar-kritische Gründe aufweisen, die die Herleitung von ein und demselben Verfasser empfehlen.
Hierfür kommt vor allem in Betracht die Gleichartigkeit der schriftstellerischen Form, in der die Stücke hergestellt sind. Alle sind gleichmässig eng und doch sehr äusserlich mit den jesajanischen Stücken verbunden, vgl. das ויהי c. 29,4 und 11; das ולכן c. 30,18; das הפככם c. 29,16; die Gegenüberstellung der verschiedenen Bilder c. 31. Alle Stücke entlehnen bei ihrer Bezugnahme auf die jesajanischen Partieen gleichmässig in ziemlich äusserlicher und wenig geschickter Weise Bilder und Ausdrücke aus denselben, wie oben gezeigt worden ist. Aber auch sonst zeigen diese Stücke unter einander manche Aehnlichkeiten. Das tritt namentlich in den beiden längsten von ihnen, c. 29,16–24 und c. 30,18–26, hervor. Die Anlage von c. 30,18 ff. ist der von c. 29,16 ff. ziemlich ähnlich. Zuerst heisst es c. 30,18, dass Jahwe voll Ungeduld wartet, seine Huld zu offenbaren. Das entspricht dem הלא עוד מעט מזער in c. 29,17. Die Not, von der c. 30,18 redet, ist in c. 29,22 ff. geschildert. c. 30,20 entspricht inhaltlich c. 29,24. Dort ist gesagt, dass die Juden ihren „Lehrer“ Jahwe sehen sollen (es heisst nicht: auf ihn sehen sollen); hier werden sie „die Lehre lernen“; aus Finsternis heraus werden die Augen der Blinden sehen v. 18.
Auch die in beiden Stücken vorausgesetzte Situation scheint dieselbe zu sein. c. 30,20 ist von Brot der Not und Wasser der Drangsal die Rede; das scheint auf erlittene Drangsalierungen und vielleicht sogar Belagerung zu deuten vgl. auch v. 26. Aehnlich ist 29,16 ff. 22 b wohl von äusseren Feinden die Rede, vor denen „Jakob erbleicht“, besonders aber c. 28,6 f., wo gesagt ist, dass Jahwe denen zur Heldenkraft werden soll, „die den Kampf zum Thor zurücktreiben“, vgl. auch 29,8. Endlich ist auch allen diesen Stücken die Stimmung gemeinsam, dass das Volk, zu dem sie reden, die Offenbarungen seiner Apokalyptiker nicht mehr recht glauben will, dass es blind und taub ist (c. 29,81 f., 18, 24. c. 30,20 f.), murrt c. 29,24 und sich unverständig zeigt c. 29,16. Deshalb geben sich auch alle diese Stücke die möglichste Mühe, die Notwendigkeit und Möglichkeit eines baldigen Umschwunges der Dinge zu beweisen c. 29,8. 11 f. 16 f. c. 30,18 f. vgl. auch c. 28,23–29. c. 32,6 f.
Aus allen diesen Gründen zusammen mit der oben hervorgehobenen inneren Wahrscheinlichkeit wird man das Recht haben, alle Fortsetzungen und Ergänzungen der zusammengehörigen jesajanischen Stücke von demselben Verfasser herzuleiten.
Von demselben Verfasser scheint mir auch der Zusatz von c. 28,1–4 herzurühren. Wir haben schon gesehen, dass c. 28,1–4 mit v. 7 ff. schriftstellerisch verbunden ist. Es gehört also jetzt eng zu den zusammengehörigen jesajanischen Stücken unseres Buches. Die Art seines Anschlusses an das jesajanische Stück sowie der Benutzung des darin gebrauchten Bildes und die in v. 7 vorausgesetzte Situation einer Bedrängung resp. Belagerung Jerusalems sind der Art und Stimmung der anderen Stücke ziemlich ähnlich.
Anders ist es mit dem Zusatz zu c. 32,9–14. Zwar ist auch hier die Form des Anschlusses an das jesajanische Stück (durch עד יערה) der der übrigen Stücke völlig analog, und auch die oben besprochene Art der Benutzung von Ausdruck und Inhalt desselben entsprechend. Aber doch hat man den Eindruck, dass c. 32,15–20 nach Form und Inhalt andersartig ist als die übrigen Zusätze. Das Stück ist in seiner ganzen Stimmung nicht so darauf angelegt, den Lesern in tröstlicher und lehrhafter Weise die Gewissheit und den baldigen Eintritt des grossen Umschwunges der Dinge ans Herz zu legen, als dass es vielmehr kompilatorisch und apodiktisch eine Aussage des eschatologischen Dogmas an die andere reiht. Von der Ausgiessung des Geistes, die der Verfasser als bekanntes Dogma einführt, ist nur hier die Rede, obwohl z. B. c. 30,18 ff. und c. 29,18 Gelegenheit geboten hätten, davon zu reden. Sämmtliche Aussagen in v. 15–20 klingen wie Anspielungen und Nachahmungen aus den vorhergehenden Zusätzen. v. 17 setzt deutlich c. 32,1 voraus; v. 18 lehnt sich im Ausdrucke an 32,9 und 30,15 an; v. 20 ist zusammenfassende Nachahmung von c. 30,23–25; v. 15b ist etwas veränderte Wiederholung von c. 29,17. Nun könnte man ja grade aus diesen Anklängen auf denselben Verfasser schliessen; aber die Art und Weise, wie z. B. c. 29,17 in v. 15b wiederholt wird, macht doch wahrscheinlich, dass ein anderer diese Wiederholung vollzogen hat, denn der Sinn in c. 29,17 ist ein völlig anderer als in c. 32,15. Dort ist die völlige Umwandlung der Natur gemeint: der Libanon soll zum Fruchtgefilde, und dieses zum Waldgebirge werden. Hier dagegen soll die einstige Fruchtbarkeit des ganzen Landes in Aussicht gestellt werden: die Wüste soll Fruchtgarten, und dieser Wald werden. Es kommt dadurch natürlich eine etwas verunglückte Klimax heraus, aber das macht gerade um so wahrscheinlicher, dass v. 15b Nachahmung von c. 29,17 ist (Stade), als umgekehrt (Duhm).
Mit c. 32,15–20 steht nun c. 33 im engen Zusammenhange. Das hebt auch Dillmann hervor, der wegen der Anklänge von c. 33,5 f. 16 an c. 32,15 f. 18 annimmt, dass derselbe Schriftsteller, der c. 33 überarbeitet hat, auch c. 32,9–20 einer Schlussredaktion unterzogen habe. Für uns geht aus diesen Anklängen nicht die Annahme einer Schlussredaktion, sondern die der Zusammengehörigkeit beider Stücke hervor. Denn mit Jesaia haben c. 32,15 ff. und c. 33 nichts zu thun. c. 33,16 f. erinnert zwar auch stark an 30,20 und Duhm glaubt deshalb, in beiden Stücken dieselbe Hand sehen zu müssen, „v. 17 ff. haben wie c. 29,16 ff. die Tendenz, die Gesetzestreuen zu trösten und zum Ausharren anzufeuern, man erkennt, warum das Büchlein c. 28–33 zusammengestellt ist, nicht aus blossem Sammeleifer, um den prophetischen Kanon zu kompletieren, sondern aus demselben Grunde, aus dem das Buch Daniel geschrieben wurde.“[23] Aber eben diese Tendenz war damals für jeden Apokalyptiker die gleiche und lässt deshalb keinen Schluss auf Identität der Verfasser zu; die Art aber, in der hier diese Tendenz vorgetragen wird, ist nicht ganz so lehrhaft wie in c. 29 und 30; und wenn wir in c. 32,15 ff. einen anderen Verfasser erkannt zu haben glauben wie in c. 29 f., so wird dies auch von c. 33 zu gelten haben, das sich mit c. 32,15 ff. berührt.
Ist unsere Annahme richtig, so kämen wir auch von der Betrachtung der nichtjesajanischen Stücke aus zu dem Schlusse, dass c. 32,9 bis c. 33,24 ursprünglich nicht zu dem Buche c. 28 ff. gehört haben, sondern erst später als Nachträge an dasselbe angeschlossen worden sind. Und zwar werden wir zwei solcher Nachträge anzunehmen haben: c. 32,9–20 und c. 33. Denn einmal setzt c. 33 neu ein und ist in seinem Anfange eine äusserliche Nachbildung des „Wehe“-Buches c. 28 ff., und dann erklären sich so auch die angeführten Beziehungen zwischen ihm und c. 32,15 ff. am besten.
Betrachten wir nun noch die drei noch übrigen nichtjesajanischen Stücke unseres Buches. Den Abschluss desselben bildet die messianische Weissagung in c. 32,1–8. Duhm will dieses Stück mit c. 2,2–4 und c. 11,1–8 in ursprünglichen Zusammenhang bringen. Da auch diese Stücke uns nicht als jesajanisch gelten[24], so wäre das auch für uns möglich. Aber gerade der Umstand, den Duhm als ein starkes Hindernis für nachexilische Ansetzung geltend macht, dass nämlich ein nachexilischer Dichter nicht so trocken von dem Messias hätte sprechen können, wie c. 32,1 ff. thut, macht es doch unmöglich, das Stück mit c. 11,1 ff. von demselben Verfasser abzuleiten, der in c. 11,1 ff. so begeistert und poetisch redet. Vielmehr passt gerade die trockene und lehrhafte Art unseres Stückes ausgezeichnet zu den übrigen nichtjesajanischen Partieen unseres Buches, und da, wie wir gesehen haben, unser Stück namentlich in v. 3–5 beständig auf die vorhergehenden Partieen Bezug nimmt, so ist es höchst wahrscheinlich, dass der Zusammensteller unseres Buches das Stück selbst als Abschluss desselben gedichtet hat. Der messianische Anfang und die Aehnlichkeit im Versbau mit c. 11,1 ff. erklärt sich vielleicht daraus, dass der Verfasser das mit c. 11,1 ff. schliessende Buch gekannt hat und seinem Buche einen ähnlichen Abschluss geben wollte.
Wegen seines lehrhaften Charakters ist man nun auch berechtigt, das Maschal in c. 28,23–29 dem Hersteller unseres Buches zuzuschreiben. Wir haben gesehen, dass es durch v. 29 eng als Erklärung und Ergänzung der jesajanischen Partieen in c. 28,7–22 vom Verfasser des Buches an das Vorhergehende angeschlossen ist, dass sich aber aus dem Text keine Anknüpfungspunkte dafür ergeben, dass es erst zu diesem Zwecke gedichtet sei. Aber sein lehrhafter Inhalt und die trockene, lehrhafte Form, in welcher derselbe vorgetragen wird (namentlich v. 23. 25. 28) passt vorzüglich zu der sonstigen Art unseres Verfassers, namentlich auch zu c. 32,7 f. Sodann spricht ein Umstand dafür, dass das Maschal in unserm Zusammenhange seine ursprüngliche Stelle hat, nämlich der, dass es keine selbstständige Nutzanwendung hat und wahrscheinlich nach seinem ganzen Bau niemals gehabt hat, dass es also auf einen derartigen Zusammenhang, wie den unsern, angewiesen ist. Endlich könnte man auf den Vergleich von v. 25 mit 29,17 hinweisen. In beiden Fällen wird in schulmässig lehrhafter Weise mit dem Fragewort הלא eine argumentatio e concessis eingeführt. Auch erinnert das לא לנעה in v. 28 dem Sinne nach an das עוד מעט מזער c. 29,17 und an das בכו לא תבכה c. 30,19: du sollst nicht immerfort weinen.