Dadurch, dass es der Kritik gelungen ist, die widerspruchsvolle Einheit auch dieser Sammlung des Jesaia-Buches zu zerstören, hat sie der alttestamentlichen Wissenschaft einen grossen Dienst geleistet.
Zunächst ist es dadurch erst möglich geworden, ein entsprechendes Bild von der schriftstellerischen Thätigkeit jenes grossen Propheten des 8. Jahrhunderts zu gewinnen. Man hat sich nie eine rechte Anschauung davon machen können. Weder die Annahme einer vorhergehenden predigtähnlichen Ausarbeitung noch die der eigenen nachträglichen Niederschrift und redaktionellen Sammlung seiner in glühender Begeisterung gehaltenen Reden konnte befriedigen. Die Aufgabe des „Schriftstellers“ Jesaia ist gewiss kein Schaden für seine Bedeutung als Prophet. Sehr wohl erklärlich aber ist, dass Jesaia, nachdem er vergeblich durch mündliche Predigt gewirkt hat, nun auf Befehl seines Gottes davon eine kurze Darstellung giebt zum Zeugnis für einen folgenden Tag. So wird seine schriftstellerische Thätigkeit in seine prophetische mit hineingezogen.
Von weittragendster Bedeutung ist aber die richtige Erkenntnis von der Komposition von Jesaia c. 28–33 für die inhaltliche Beurteilung seiner Prophetie. Gehören ihm nämlich in jenen Kapiteln nur die Drohreden an, hat demnach Jesaia grade in den Jahren 705 ff. den Untergang Jerusalems verkündet, so darf wahrlich seine Bedeutung für die Folgezeit nicht mehr darin gesehen werden, dass er die Unverletzlichkeit Jerusalems als der Gottesstadt festgehalten habe. Ja, es wird dann überhaupt der Meinung, die in ihm noch gern den Propheten „einer beglückenden Fernsicht und milden Tröstung“ sieht, immer mehr der Boden entzogen. „Ihn darf man nicht den Propheten der Hoffnung, wohl aber mehr als alle andern den Propheten des Glaubens nennen“ (Hackmann).
Endlich lässt uns auch die Erkenntnis der Komposition unseres Buches einen lehrreichen Einblick in die Arbeit und Anschauungen des späteren Judentums thun. Denn wir haben es bei diesem Buche nicht mit blosser Ueberarbeitung oder mit Einschaltungen zu thun, sondern mit völliger Umgestaltung einer altprophetischen Schrift; und es dürfte im ganzen Kanon kaum eine Schrift geben, bei der, wie an unserer, der Zweck und die Art der Umgestaltung deutlich zu erkennen wäre.
Duhm ist der erste gewesen, der dem Buche c. 28–33 den falschen Schein der Einheitlichkeit genommen hat; Hackmann hat die Scheidung von jesajanischem und nichtjesajanischem Materiale auf die richtigen Prinzipien zurückgeführt. Der Zweck dieser Abhandlung ist es gewesen, durch eingehende Darlegung der Komposition des Buches die Richtigkeit der von Hackmann aufgestellten Prinzipien zu begründen und dadurch der von Duhm eröffneten Anschauung von der Gestaltung dieses Buches weiter Bahn zu brechen. Sie will an ihrem Teile einen kleinen Beitrag liefern zur Lösung des grossen Problems, das die Erkenntnis von der Beschaffenheit des Jesaia-Buches der neueren alttestamentlichen Forschung gestellt hat.
Anhang.
1. c. 28,23–29.
Diese Dichtung enthält ein dem Landbau entnommenes Gleichnis, welches das Verhalten Jahwes seinem Volke gegenüber abbilden soll.
Sie hat eine besonders feierliche Einleitung, wie sie der Volkssänger gebraucht, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und wie sie auch Jesaia in dem Gleichnisse vom Weinberge c. 5,1 nachgeahmt hat. Schon dadurch wird es unwahrscheinlich, dass ihr eine längere oder kürzere Rede voraufgegangen sei. Selbst Dillmann findet es wahrscheinlich, dass v. 23–29 ursprünglich nicht in unmittelbarer Fortsetzung von v. 7–22 gesprochen ist.[37]