Aber auch inhaltlich steht dies Maschal mit v. 7–22 in keinem Zusammenhange, so dass man annehmen könnte, Jesaia habe es nachträglich selbst als Fortsetzung an seine jetzige Stelle gesetzt. Die Ausleger geben sich vergeblich Mühe, den Zweck und Inhalt der Parabel mit dem Vorangegangenen in Einklang zu bringen.[38]

Betrachtet man die Parabel für sich, so kann ihr Inhalt nur tröstlicher Art sein. Wie der Landmann nicht immerfort pflügt und eggt, sondern auch säet, nachdem er den Boden geebnet hat, so wird — das ist die einzig richtige Parallele, auch Jahwe nicht immerfort zerstören, sondern auch bauen. Wie Dill und Kümmel nicht mit der Schleife gedroschen, sondern mit dem Stecken geklopft wird — nämlich, damit sie nicht beschädigt werden — so wird auch Jahwe sein Volk nicht zu Grunde richten, sondern nur züchtigen. Ebenso: wie Brotkorn nicht vom Rade des Wagens zermalmt wird, sondern nur von der Spreu geschieden, so wird Jahwe auch sein Volk nicht zermalmen, sondern es nur so lange strafen, bis es gereinigt und geläutert ist. Denn wunderbar ist sein Rat, gross seine Einsicht.

Enthält aber das Maschal Tröstung, wie passt es dann als Fortsetzung zu v. 7–22. Denn dass Jesaia, wie Meinhold[39] will, eine versteckte Drohung gegen die Magnaten darin habe aussprechen wollen, ist gänzlich unverständlich. Und noch dazu soll Jesaia das Maschal eigens dazu gedichtet haben, die vorstehende Drohrede zu verstärken und die Grossen zu erschrecken! In der That, diese Erklärung ist kaum wunderbarer, als der Fehlgriff Ewalds, der, auf die vorhergehenden Drohungen wider die trunkenen Judäer zurückgehend, in der Bilderrede v. 23–29 eine symbolische Abmahnung von der Unmässigkeit im Trinken erblickt.

Auf andere Art sucht Dillmann darzuthun, dass sich das Maschal noch „im Gedankenkreis des vorigen Abschnittes bewegt“. Denn teils ist es die Bewunderung des göttlichen Verstandes, worauf das Ganze hinausläuft (v. 29), und darin berührt es sich mit v. 21, teils wird aller Nachdruck darauf gelegt, dass der Landmann nicht immerfort den Boden umbricht, und darin berührt es sich mit v. 16 f., wonach „Gott nicht blos zerstört, sondern aufbaut“.

Aber v. 21 und 29 berühren sich nicht so, wie Dillmann sagt. Beide Verse drücken zwar eine Verwunderung aus, und zwar über Gottes Thun. Trotzdem besagt v. 29 so ziemlich das Gegenteil von v. 21. In v. 21 wundert sich der Prophet über Gottes Thun, weil er es nicht versteht. „Dem Propheten selber ist offenbar höchst fremd zu Mute, wenn er sich jenes Werk vorstellt, dass Jahwe mit Assurs wilden Scharen gegen Juda zu Felde ziehen soll: fremd seine That, wildfremd sein Werk!“ (Duhm). Aber freilich, nach Dillmann thut Jesaia den Ausruf, weil er es durchschaut, dass Jahwe schliesslich doch nicht Zion vertilgen, sondern durch die Strafe seine Verklärung bewirken wird![40] Wo steht davon auch nur ein Wort? Aber der wuchtigen Rede des Jesaia wird alles Mark entzogen, wenn er am Schlusse seiner Drohungen theologisch spintisiert und diesen unausgesprochenen Reflexionen durch Worte der Bewunderung Ausdruck gegeben hätte! Nein, er durchschaut eben den Ratschluss Gottes nicht, daher die Ausdrücke זר und נכריה, aber die Thatsache ist ihm gewiss: er hat Vertilgung als festen Beschluss Jahwes vernommen (v. 22), und es ist auch ihm eitel Entsetzen, Orakel zu deuten (v. 19).

Ganz anders in v. 29, wo auch durch das גם זאת am Anfange deutlich der Gegensatz zu v. 21 zum Ausdruck kommt. Insofern stehen allerdings beide Verse in Berührung. In den vorhergehenden Versen ist durch mehrere dem Landbau entlehnte Vergleiche das Thun Jahwes verständlich gemacht. Jahwe sucht sein Volk heim. Aber wer sich in seine Wege vertieft, der wird erkennen, dass das Pflügen und Dreschen zwar notwendig ist, aber nicht ewig währen kann. Wunderbarlich ist sein Raten; aber er führt es herrlich hinaus. Hier ist theologische Reflexion. Mit Recht sagt Duhm[41]: „Das Stück löst keine scheinbaren Widersprüche, die in v. 7–22 enthalten wären und die auch Dillmann erst nachträglich einfallen.“

Aber ich kann auch Duhm[41] darin nicht beistimmen, dass das Maschal den Propheten wider den spöttischen Vorwurf verteidige, dass seine Drohungen nicht eintreffen. Denn es setzt ja Trübsal voraus und verkündet nicht das Eintreffen der Drohung, sondern das Ende der Plagen. Nur mit völliger Umbiegung seines einfachen Wortsinnes kann man ihm im Zusammenhange eine solche Deutung geben, wie auch Duhm es thut.

Richtiger nach seinem Wortsinne deutet Guthe[42] das Gleichnis: „So hat auch die Strafe Jahwes ein Ende, wenn die Zeit des Segens herbeigekommen ist.“ Aber um es so deuten zu können, muss er es aus dem Zusammenhange entfernen. Doch giebt er ihm aus seiner Konstruktion eines zweifachen Zukunftsbildes eine Nutzanwendung, die unhaltbar erscheint.[43]

Das Maschal ist also weder direkte Fortsetzung von v. 7–22, noch kann es später von dem Propheten an seine jetzige Stelle gesetzt sein. Ja, es stammt überhaupt nicht von Jesaia.