Das Gleichnis enthält eine tröstliche Verheissung an das heimgesuchte und geplagte Volk. Die Situation, die es voraussetzt, ist die, dass das Volk schon lange Zeit unter den Schlägen Jahwes zu leiden hat. Darauf liegt aller Nachdruck. So beginnt das Gleichnis schon mit der schmerzlichen Frage הכל היום, die es ja mit einem tröstlichen „nein“ beantwortet. Ebenso heisst es v. 28: כי לא לנצח אדוש ידושנו. Das ist bisher von den Auslegern übersehen worden, weil sie immer den Jesaia als Autor vor Augen hatten. Und doch liegt in dem ganzen Maschal der Hauptton darauf, dass das Volk gerade deshalb, weil es schon lange Zeit, eine Ewigkeit (v. 28,23) unter der Zuchtrute Jahwes zu leiden hat, und deswegen an der Hülfe und Erlösung zu zweifeln anfängt, durch den aus dem Landbau genommenen Vergleich auf die einst doch und gewiss eintretende Zeit des Segens vertröstet werden soll.

Diese Situation passt allerdings gar nicht auf die Zeit Jesaias, wohl aber sehr gut auf die nachexilische Gemeinde. Jesaia hat auch das Volk nie in seinen Reden als ein solches angesehen, das schon zu lange Zeit unter den Schlägen Jahwes leidet, so dass es nun auf Erlösung hoffen dürfte[44], sondern immer als ein solches, dem das gewaltige Drohgericht Gottes noch bevorsteht.

Das durch den Inhalt des Maschals gewonnene Resultat findet nun noch mehrfache anderweitige Bestätigung. Zunächst ist befremdlich, dass es ganz allgemein gehalten ist und ohne weitere Nutzanwendung bleibt. Das ist sonst nicht Jesaias Art. Das Lied vom Weinberge c. 5,1 ff. erhält sofort seine konkrete Beziehung. Für das nachexilische Judentum bedurfte es einer solchen nicht. Da war die Situation immer dieselbe.

Auf die nüchterne, theologisierende Reflexion ist oben schon aufmerksam gemacht worden. Das Bild des Landbaues ist an sich passend; doch wird es durch immer neue Wendungen breit ausgeführt, ohne doch einen neuen Gedanken zu bringen. Auch der Stil ist matt und raisonnierend vgl. das הלוא אם v. 25 und den Anfang von 28 לחם יודק, den man als Frage auffassen muss, um überhaupt einen Sinn zu erhalten.

Oben ist gesagt, dass der Eingang der Einleitung eines Volksliedes nachgeahmt ist; aber doch nicht sehr geschickt, durch blosse Häufung von Imperativen, von denen der eine (שמעו) doppelt vorkommt. Ausserdem hat Meinhold, wenn auch in anderer Absicht, darauf aufmerksam gemacht, dass in der älteren klassischen Zeit mit שמעו immer eine Drohung eingeführt werde; erst in späterer Zeit, wo man für das unterdrückte Volk keine Drohungen mehr hatte, gebrauchte man das Wort auch zur Einleitung in Trostreden (Jes. 36,1. 4. Jes. 37,4 f. 46,3. 12 etc.).

Wenig geschickt ist die Vorwegnahme des Säens in v. 24 (לזרע), wovon doch eigentlich erst v. 25 redet; künstlich die Konstruktion von v. 26, der das Subjekt erst im 2. Stichos bringt; v. 28 ist auch in seiner zweiten Hälfte schwerfällig und wird nicht leichter, wenn man auch die Pferde durch Korrektur beseitigt und וּפְרָשׂוֹ ולא liest (Duhm). Denn der erste Stichos giebt sich nicht als erster Vordersatz zu erkennen und der Sinn wird verbogen; denn nicht darauf kommt es an, ob das Brot nach dem Dreschen zermalmt wird, sondern dass das nicht durch das Dreschen geschieht. In v. 29 streicht Duhm das צבאות, weil Jahwe als Gott der Heerscharen nicht der Lehrmeister der Bauern war. Gewiss nicht für Jesaia; aber wohl für einen Späteren, für den der Begriff die konkrete Färbung nicht mehr hatte. Überhaupt ist die ganze Auffassung, dass Jahwe Lehrmeister der Bauern sei, zu Jesaias Zeit angesichts solcher Stellen wie Hosea 2,4 ff. kaum so volkstümlich gewesen, wie unser Gedicht voraussetzt.

Sprachlich Ausschlag gebend ist vor allem das Wort תושיה, das zum Wortvorrat der Weisheitslehrer gehört (Pr. 2,7. 3,21. 8,14. 18,1. Tob. 5,12. 6,13. 11,6. 12,6. 26,3 und die späte und verstümmelte Stelle Mi. 6,9). Das Wort wird also nicht, wie Duhm meint, durch unsre Stelle als alt erwiesen. Endlich sei noch auf die beiden Begriffe נסמן und שורה hingewiesen, die sehr jung und für uns unübersetzbar sind. Da sie die LXX nicht hat (nur Cod. R hat für שורה κέγχρον), streichen sie viele Ausleger, wogegen aber Dillmann Einspruch erhebt.

Die Verse 23–29 sind nach alledem nicht von Jesaia; sie sind vielmehr erst spät verfasst und mit der Drohung v. 14–22 verbunden worden, um derselben einen Trostspruch gegenüberzustellen. So erklärt sich auch das גם זאת v. 29 am leichtesten, das, auf v. 21 f. zurückblickend, den festen Vertilgungsbeschluss Jahwes im Blick auf sein wunderbar weises Walten korrigiert.[45]

2. c. 32,15–20.

Gewöhnlich nimmt man v. 15–20 mit den vorhergehenden Versen 9–14 zusammen; und gegen diesen Abschnitt v. 9–20 als ganzen hat auch Stade sein Bedenken erhoben. Es ist aber unmöglich, die Verbindung beider Stücke aufrecht zu erhalten. Der Abschnitt v. 9–20 beginnt mit einer furchtbaren Drohung gegen die sorglosen Weiber Jerusalems und schliesst daran die Verkündigung des Unterganges der Stadt, um dann plötzlich wieder v. 15 ff. in die glänzendste Zukunftsschilderung einzulenken.