v. 19 findet auch Duhm wieder „vollends sonderbar und unbegreiflich“. Und das mit Recht. Denn mitten in der Schilderung der goldenen Zeit redet dieser Vers plötzlich von den Schrecken des Gerichts. Allerdings thut er das so dunkel, dass die Ausleger schon immer geschwankt haben, ob sie dieses Gericht auf Jerusalem oder Assur beziehen sollten. Auf beide passt der Wortlaut und Zusammenhang gleich schlecht. Versteht man, wie die meisten Ausleger es thun, unter יער im 1. Gl. den Assyrer, so ist im 2. Gl. der Ausdruck עיר für die Bollwerke der feindlichen Weltmacht nicht grade glücklich gewählt. Dillmann und andere beziehen den Vers deshalb auf Jerusalem: „Daran muss der Prophet, gemäss der Endabsicht des Stückes, noch einmal kurz erinnern, dass ohne schweres Zorngericht und tiefe Beugung es nicht abgeht.“ So findet sich Dillmann mit der gradezu unerhörten Stellung dieses Verses mitten unter den glänzendsten Zukunftsbildern ab! Entkräften lassen sich solche Behauptungen nicht mehr; man wird ihnen einfach die entgegengesetzte gegenüber stellen müssen: Wenn in diesem Verse Jerusalem bedroht wäre, so könnte er nicht dem Zusammenhange angehören. Duhm meint, dass der Vers vielleicht einem Gedichte über ein fremdes Volk entnommen und von einem Leser, dem er bei v. 14 (?) eingefallen sei, an den Rand geschrieben worden sei. Dann bleibt doch völlig unerklärt, wie er später grade an die unpassende Stelle gekommen sein soll, an der er jetzt steht. An seiner jetzigen Stelle kann er nur auf die feindliche Weltmacht bezogen werden und ist nur dann erklärlich, wenn er sowohl wie seine Umgebung nicht von Jesaia stammt. Denn für die späten Eschatologiker fallen die Bedenken hin. Gehört der Inhalt nur zum eschatologischen Dogma, so hat er sein Recht im Zusammenhange erworben. Der Ausdruck יער für den Assyrer ist aus c. 10,18. 33 f. verständlich. Unter der Stadt sind die feindlichen Bollwerke zu verstehen wie in c. 24 ff. Der Ausdruck עיר scheint mir lediglich als Parallele gewählt zu sein, um den schon sonst durch Paronomasien gezierten Vers möglichst künstlich zu gestalten. Denn ich glaube mit Stade, dass im Anfange des Verses ברר eigens vom Verfasser gebildet ist, um mit dem folgenden ברדת zu assonieren, und dass deshalb nicht mit Secker u. a. ירד zu lesen ist. Im zweiten Versgliede entspricht dem ja auch das unglückliche בשפל תשפל. So erklären sich wenigstens alle Schwierigkeiten und Wunderlichkeiten dieses Verses.

Die Seligpreisung aller, die die goldene Zeit erleben, beschliesst den Abschnitt. Freilich ist auch hier der Inhalt dessen, was gemeint ist, nicht aus dem Wortlaute allein, sondern nur aus seiner Verbindung mit dem als bekannt vorausgesetzten eschatologischen Dogma zu gewinnen. Denn eine Glücklichpreisung der Nomaden oder Landbewohner als solcher ist natürlich hier nicht gemeint. Ebensowenig stellt der Vers den Lohn treuer Arbeit in Aussicht. Sondern das זרעי על נל מים will sagen, dass in jener Zeit die Bäche nie versiegen werden Job. 6,15. Jes. 58,11; und das zweite Versglied weist darauf hin, dass die Prärie fruchtbar und völlig gefahrlos sein wird. Ob Jesaia von seinen Zeitgenossen so verstanden wäre? Der, der v. 20 geschrieben hat, hat doch wohl bei seinen Lesern die Bekanntschaft mit dem eschatologischen Dogma vorausgesetzt.

Es hat sich uns gezeigt, dass nicht nur der Abschnitt c. 32,15–20 als solcher nach Inhalt und Form, sondern auch jeder einzelne Vers desselben die Spuren später Herkunft trägt. Es kann darum von jesajanischer Abfassung desselben keine Rede sein. Die genaue Bekanntschaft mit dem eschatologischen Dogma, die er voraussetzt und seine Berührungen mit spätjüdischen Schriften (Job. Joel. Jes. 24 ff.) zwingen sogar, für die Zeit seiner Entstehung bis tief ins zweite Jahrhundert hinabzugehen. Genaueres über die Zeit seiner Herkunft lässt sich natürlich nicht sagen, da sein Inhalt zu allgemein ist.


Lebenslauf.

Ich, Martin Brückner, evangelischer Konfession, bin am 16. Juni 1868 zu Friedersdorf bei Goerlitz geboren. Mein Vater ist Pastor und Königlicher Kreis-Schulinspektor zu Gersdorf bei Goerlitz. Ihm habe ich die Grundlage meiner Bildung zu verdanken. Von Tertia an war ich Alumnus auf der Königlichen Landesschule Pforta. Diese verliess ich Ostern 1888 mit dem Reifezeugnis, um in Tübingen, Leipzig und Halle acht Semester Theologie zu studieren. Ich besuchte Vorlesungen und Seminare bei folgenden akademischen Lehrern: Beyschlag, Brieger, Buder, Erdmann, Fricke, Gunkel, Guthe, Haupt, Hering, Kaehler, Koestlin, Kautzsch, Loofs, Spitta. Im Februar 1893 bestand ich in Halle die erste theologische Prüfung, absolvierte den Seminarkursus in Liegnitz und war ein Jahr in Pommern als Hauslehrer thätig. Ostern 1894 wurde ich in das Predigerseminar zu Wittenberg aufgenommen, wo ich an den theologischen und pädagogischen Vorlesungen und Uebungen der Herren Sup. D. Quandt, Prof. D. Reinicke und Prof. Schmidt teilnahm. Im Mai 1895 wurde ich als Pastor nach Altraudten bei Raudten berufen.

Allen meinen verehrten Lehrern sage ich für vielfache Anregung und Förderung auch an dieser Stelle aufrichtigen Dank.


FUSSNOTEN:

[1] Das Buch Jesaia übersetzt und erklärt. Göttingen 1892.