Das Stück c. 28,7 ff. beginnt mit den Worten:

וגם אלה בלין שגי ובשכר תעו

Die Worte וגם אלה weisen ganz notwendig auf etwas Vorhergegangenes. Wollte man sie aber als einen nachträglichen Zusatz des Redaktors streichen, der durch dieselben das Stück c. 28,7 ff. mit dem Vorhergehenden habe verbinden wollen, so bliebe doch auch so noch der übrige Anfang des Stückes unerklärt und unverständlich. Mit den Worten: „im Wein schwindeln und im Meth schwanken sie“ kann Jesaia auch nicht ein Buch oder eine Redesammlung angefangen haben. Man kann aber auch nicht die ganze Einleitung zu der folgenden Scene, also v. 7 und 8, für einen nachträglichen, erläuternden Zusatz erklären, denn die v. 9 ff. geschilderte Szene bedarf notwendig eines solchen Zusatzes und ist erst recht kein passender und verständlicher Eingang der folgenden Rede oder gar der ganzen Sammlung. Es ist also notwendig anzunehmen, dass dem v. 7 noch etwas Anderes vorausgegangen ist. Was ist dies aber?

Auf v. 5 und 6 kann hier keine Rücksicht genommen werden, da diese Verse nicht von Jesaia sind. Dagegen bieten sich uns die Verse 1–4 unseres Kapitels als eine scheinbar sehr befriedigende Lösung unserer Frage dar. Das Stück c. 28,1–4 wendet sich gegen Samaria und seine Trunkenen, die v. 1 und 3 erwähnt werden, und droht den schnellen Untergang der Stadt durch einen Gewaltigen Jahwes an. An diese Drohung scheint sich nun v. 7 f. äusserst bequem anzuschliessen. Besonders eindrucksvoll scheint dann das וגם אלה zu sein, indem es so zugleich auch auf die Strafe hinweist, die auch den jerusalemischen Trunkenbolden droht. Zudem scheint das Stück wie geschaffen als Einleitung in eine derartige Sammlung wie die vorliegende. Der Eingang dieser Drohung lässt an poetischer Kraft und Fülle sonstigen Eingängen Jesaias in Reden und Redesammlungen nichts nach. Deshalb steht auch Duhm nicht an, anzunehmen, dass Jesaia selbst die Verbindung in v. 7 f. mit v. 1–4 hergestellt habe, als er nämlich alle einzelnen Stücke zu einem Büchlein vereinigte. Allein diese Annahme Duhms bereitet doch Schwierigkeiten, die sich nicht beseitigen lassen, und die deshalb diese Annahme für unser Stück mindestens widerraten, für andere Stücke aber geradezu unmöglich machen.

Dass man nicht etwa annehmen darf, dass Jesaia c. 28,1–4 und v. 7 ff. in einem Zuge in Jerusalem gesprochen habe, ist im ersten Teile dieser Abhandlung schon bewiesen worden. Die Ereignisse, auf die sich c. 28,1–4 bezieht, liegen 20 Jahre früher, und v. 7 ff. bilden gar keine eigentliche Rede, sondern enthalten die Schilderung einer wahrscheinlich im Tempelvorhof vorgefallenen Szene.

Es kann sich also nur um nachträgliche schriftstellerische Verbindung beider Stücke handeln. Dies kann nach der gangbaren Vorstellung der Entstehung jesajanischer Schriften nur geschehen sein, als Jesaia das Stück v. 7–13 niederschrieb, oder als er die Sammlung der einzelnen vorliegenden Stücke vornahm. Die erstere Annahme ist an sich sehr unwahrscheinlich. Denn es ist nicht wohl denkbar, dass Jesaia als Einleitung zu dem kurzen Stücke v. 7–13 eine fast gleich lange Rede gesetzt habe, die sich inhaltlich auf ganz andere Umstände und Zeitlage bezieht. Denn die Trunkenheit der Priester und Propheten bildet doch nur den Ausgangspunkt und Hintergrund der Szene, während sich die eigentlichen Auseinandersetzungen auf ganz andere Dinge beziehen (v. 12). Vor allen Dingen aber sollte man erwarten, dass dann der Prophet irgendwie auf seine Einleitung Bezug genommen hätte. Da dies aber nicht geschehen ist, so ist auch an eine engere schriftstellerische Verbindung zwischen v. 1–4 und v. 7–13 nicht zu denken.

Aehnliche Einwände erheben sich gegen die Annahme Duhms, dass Jesaia die Verbindung zwischen v. 1–4 und v. 7 ff. erst später hergestellt habe, als er die einzelnen Stücke unseres Buches zu einer Sammlung vereinigte. Welche Gründe sollte wohl der Prophet gehabt haben, diese inhaltlich und zeitlich so fern liegende Drohrede mit den andern so eng zusammengehörigen Stücken zu vereinigen, und dieselbe als Einleitung an die Spitze derselben zu stellen. Denn ein besonderer Grund musste doch dafür angegeben werden können, aus dem Jesaia dieses Stück aus der Zeit vor der Zerstörung Samarias mit den aus der Sanherib-Zeit stammenden Stücken verbunden haben könnte. Nun ergiebt sich aber aus einem Vergleich dieses Stückes mit den übrigen Abschnitten

1. dass in den sämmtlichen übrigen Stücken auch nicht ein einziges Mal ausser in c. 28,7, auf c. 28,1–4 Bezug genommen wird.

2. dass c. 28,1–4 in inhaltlicher Beziehung völlig andersartig ist als die sämmtlichen anderen Stücke. In letzteren handelt es sich, wie wir gesehen haben, um politische Dinge; der Grund aller Drohungen ist das wider Jahwes Willen geplante und vollzogene Bündnis mit Aegypten. In c. 28,1–4 wird dagegen als Ursache des Unterganges von Samaria die sittliche Verkommenheit seiner Bewohner angeführt, die sich in ihrer Völlerei kundgiebt.