c. 28,7–13 hat es mit den Priestern und Propheten zu thun, die das Feuer der Begeisterung im Volke durch Opfer und Weissagungen schüren. Jesaia kommt ihnen in seiner Nüchternheit einfältig vor, so dass sie über ihn spotten. Aber eine andere Begeisterung hat auch ihn erfasst, die Begeisterung, im Dienste seines Gottes und der Wahrheit zu stehen, und in gewaltiger Drohrede voll erhabenstem Schwung giebt er ihnen ihren Spott zurück.

Das zweite Stück, c. 28,14–23, wendet sich gegen die Volksleiter, die sich von Priestern und Propheten haben „fest“ machen lassen. Dass das unter anderem auch durch Orakel geschehen ist, zeigt v. 19: „und es wird rein Entsetzen sein, Orakel zu deuten“. Das setzt voraus, dass sie dem Propheten Orakel entgegengehalten haben, die ihnen das Gelingen ihres Planes verheissen, eine weitere Bestätigung für unsere Auffassung von v. 15. In v. 22 deuten die Worte, „dass nicht fest werden eure Bande“, auch darauf hin, dass der Plan des Bündnisses mit Aegypten noch nicht zum definitiven Staatsbeschluss erhoben worden ist.

In c. 29,1 ff. ist von dem Bündnisse mit Aegypten nicht die Rede; aber die Gewissheit, mit der Jesaia hier die Belagerung Jerusalems kommen sieht, beweist, dass der Plan vorgeschritten ist, und dass seine Reden dagegen fruchtlos geblieben sind. c. 29,9 f. setzt, wie wir schon gesehen haben, einen erbitterten Kampf Jesaias mit den Volksleitern voraus, zeigt aber zugleich, dass sie in ihrer wilden Begeisterung (v. 9 b) blind gegen seine Warnungsreden sind (v. 9 a), so dass Jesaia an ihnen verzweifelt und in ihrem Verhalten das definitive Verstockungsgericht Jahwes erkennt (v. 10).

c. 29,13 f. endlich wendet sich an das Volk, das in fanatisiertem Eifer nur um so mehr den äusserlichen Jahwekult betreibt. Jesaia verachtet es um seines Lippendienstes willen, erkennt aber zugleich, dass es von seinen „Weisen“ verführt ist v. 14.

Ueberblicken wir diese innerhalb der einzelnen jesajanischen Stücke nachgewiesene chronologisch-sachliche Entwicklung noch einmal, so erkennen wir innerhalb derselben zwei scharf von einander unterschiedene Phasen. Die erste umfasst die Abschnitte in c. 28 und 29 bis zu dem Stücke 29,13 f. In ihr ist noch alles in Bewegung und der Plan des ägyptischen Bündnisses noch nicht zum Staatsbeschluss erhoben; von c. 29,15 an ist dagegen dieser Staatsbeschluss gefasst und kommt zur Ausführung. Das ergiebt nun eine formelle und inhaltliche Unterscheidung dieser beiden grösseren Abschnitte, die freilich ihren inneren Zusammenhang nicht zerreisst, sondern vielmehr nur die Richtigkeit der nachgewiesenen chronologisch-sachlichen Entwicklung bestätigt.

Der äusserlich gleichmässige Eingang der Reden in c. 29,15, c. 30,1 ff. und 31,1 ff. ist schon erwähnt worden. Alle drei Reden beginnen mit dem „Wehe denen, die u. s. w.“ In dem ersten Abschnitt findet sich weder diese Form noch überhaupt solche Gleichmässigkeit. Das kommt daher, dass der Prophet im zweiten Abschnitte immer dieselben Gegner vor Augen hat, nämlich die, welche den Bund beschliessen und zur Ausführung bringen, während er sich im ersten Abschnitte bald an die Priester und Propheten, bald an die Volksleiter, bald an das Volk wendet, um das Zustandekommen des Beschlusses zu verhüten. Damit hängt auch zusammen, dass im ersten Abschnitte die Drohung noch unbestimmter, an einer Stelle c. 28,22 sogar halb hypothetisch ausgesprochen ist. Jesaia sagt nur, dass sie straucheln und zerschellen werden, dass er Untergang und Entscheidung von Jahwe gehört habe, dass Jahwe sie wunderbar behandeln werde. Nur c. 29,1 ff. redet er bestimmt von der Belagerung Jerusalems; denn freilich ist er von ihrer Unverbesserlichkeit überzeugt c. 29,10. Aber doch ist seine Strafverkündigung im zweiten Teile bestimmter und konkreter. Da heisst es nicht mehr: wenn ihr das thut, sondern: weil ihr das gethan habt, so werdet ihr untergehen c. 30,12 f., 15 f. c. 31,1 ff. vgl. auch 30,2 f. Da redet c. 30,13 f. von der gänzlichen Zerstörung Jerusalems, c. 30,16 f. von der völligen Vernichtung ihres Heeres, und c. 31,1–3 verkündet den verbündeten Heeren den Untergang ebenso wie c. 31,4 die rettungslose Zerstörung Jerusalems.

Dieser Unterschied in beiden Teilen der in Betracht kommenden Stücke hebt darum aber den oben nachgewiesenen inneren Zusammenhang nicht auf, sondern bestätigt nur die Richtigkeit der nachgewiesenen Entwicklung, indem er ein Moment der Erklärung fordert, welches gerade in dem definitiven Beschluss, das ägyptische Bündnis einzugehen, ausreichend gegeben ist.

Das Urteil Dillmanns über den Zusammenhang der Kapitel 28–32, dass Jesaia den Plan des ägyptischen Bündnisses in denselben von seinem ersten Auftauchen an bis zu seiner schliesslichen Ausführung Schritt für Schritt mit seinen Warnungsreden verfolgt, hat sich also auch für uns, wenn auch in anderer Weise und jedenfalls in sachlich zutreffenderer Weise als richtig herausgestellt. Die jesajanischen Stücke unseres Buches, mit Ausnahme des ersten und des letzten, stehen nicht nur unter einander in formellem und sachlichem Verwandtschaftsverhältnis, sondern weisen auch in der uns vorliegenden Reihenfolge eine stufenweise chronologische und sachliche Ordnung und Entwicklung auf.

Diese Thatsache ist es auch gewesen, die die Kritik so lange verhindert hat, an die scheinbar dadurch so geschlossene Einheit der Kapitel 28–32 ihren Hebel anzusetzen. Nachdem das aber nun geschehen ist, und die jesajanischen Bestandteile dieser Kapitel trotzdem dieselbe, ja eine noch viel engere Geschlossenheit aufweisen, so sollte man meinen, dass wir nun in den jesajanischen Bestandteilen das eigentliche, von Jesaia selbst verfasste Buch, vor uns haben. Indessen wird die weitere Untersuchung doch zeigen, dass auch diese jesajanischen Bestandteile des Buches wenigstens nicht in der Gestalt, in der sie uns jetzt vorliegen, als ein einheitliches Ganze aus der Hand des Jesaia hervorgegangen sein können. Nehmen wir diese zusammengehörigen Stücke so vor uns, wie wir sie jetzt haben, so fehlt ihnen zunächst der Anfang.[8]