Dementsprechend haben auch die Drohungen den gleichen Inhalt in allen Stücken, nämlich die Unterwerfung und Vernichtung Judas durch Assur. In einigen Stellen tritt das ganz klar zu Tage. In c. 29,3 wird die Belagerung Jerusalems durch Schanzen und Belagerungswerke, die das feindliche Heer errichtet, beschrieben. In c. 30,17 wird gesagt, dass die judäischen Truppen trotz der ägyptischen Hülfe von dem feindlichen Heere zersprengt werden würden, so dass von ihrem ganzen Heere nur versprengte Flüchtlinge, wie ein einzelner Signalmast auf dem Berge, übrig bleiben werden. Nach c. 31,3 wird Jahwe wie ein Löwe im Heerzuge über den Berg Zions und seinen Hügel herfallen. Es ist schon oben erwähnt worden, dass die c. 28,15 und 18 erwähnte Geissel nichts Anderes bedeuten kann als Assur, und auch v. 21 lässt auf eine aus Kriegsgefahr entstehende Not schliessen. So wird auch das Bild von der einstürzenden Mauer c. 30,13 f. im Munde des Jesaia auf den Sturz der Mauern Jerusalems zu deuten sein, vgl. 29,1 ff., auch 32,13 f., c. 22 und 5,1 ff.

Die Vergleichung der einzelnen jesajanischen Stücke unseres Buches ergiebt, dass dieselben sowohl der Form als auch dem Inhalte nach zusammengehören. Ausgenommen sind dabei das erste und das letzte Stück des Buches, c. 28,1–4 und c. 32,9–14. Das erste Stück c. 28,1–4 hat es überhaupt nicht mit Juda und Jerusalem zu thun, sondern mit Ephraim und weissagt den schnellen Untergang Samarias durch Assur. Das letzte Stück c. 32,9–14 wendet sich zwar gegen Jerusalem und weissagt sogar am deutlichsten den definitiven Untergang der Stadt; es zeigt aber doch so bedeutende Abweichungen von den vorangehenden Stücken, dass es nicht ohne Weiteres mit denselben zusammengethan werden kann. Nicht nur in der poetischen Form weicht es von denselben ab, auch inhaltlich unterscheidet es sich von ihnen dadurch, dass es nicht an die Volksleiter, sondern an die Frauen Jerusalems gerichtet ist, und dass ihm im Zusammenhange damit jede Beziehung auf das ägyptische Bündnis fehlt. Abgesehen von diesen beiden Stücken aber herrscht, wie wir gesehen haben, eine weitgehende formelle wie sachliche Uebereinstimmung unter den jesajanischen Stücken des Buches c. 28–33. Wir werden aber noch weiter gehen können. Es lässt sich zeigen, dass innerhalb derselben eine chronologische und sachliche Entwickelung stattfindet.

Nach c. 31,2 f. nimmt Jesaia, wie schon bemerkt worden ist, als ausgemachte Thatsache an, dass die Aegypter Juda zu Hülfe kommen und darum auch mit demselben zu Grunde gehen werden. Das setzt voraus, dass das Bündnis mit Aegypten eine abgeschlossene Thatsache ist. Aus v. 1 und 3a ist übrigens auch zu schliessen, dass die Aegypter Juda nicht blos sachliche Unterstützung, etwa Geld und Pferde, sondern auch die Hülfe eines Kriegsheeres versprochen haben, und v. 3a zeigt, wie grosse Hoffnung die Judäer auf diese Unterstützung gesetzt haben. Aus c. 30,9 ff. ist das noch nicht klar; da richtet sich auch die Drohung nur gegen Juda. Indessen ergiebt sich dort auch aus v. 15 ff., dass der Vertrag mit Aegypten bereits abgeschlossen ist.

c. 30,1 ff. wendet sich gegen die, die einen Beschluss ausführen wollen, der nicht von Jahwe ausgegangen ist, die Gussopfer giessen wollen, aber nicht mit Jahwes Geist, d. h. die nach Aegypten hinabziehen, um dort den wider Jahwes Willen eingegangenen Bund abzuschliessen.

c. 30,6 f. schildert sie, wie sie den dafür zu entrichtenden Tribut nach Aegypten bringen.

Dreimal also, in c. 30,1 ff, in c. 30,6 f. und in c. 31,1 ff. ist von einem Hinabziehen nach Aegypten die Rede. Aber jedes Mal hat dasselbe einen anderen Zweck. Duhm meint, dass c. 30,6 f. inhaltlich ziemlich identisch mit dem vorhergehenden sei und hält c. 31,1 ff. für ein vom Redaktor zusammengestelltes kürzeres Seitenstück zu c. 30. Das ist indessen nicht der Fall. In c. 30,1 ff. ziehen sie hinab, um den Bund abzuschliessen (vgl. v. 1 und die Ausdrücke in v. 2b), nach c. 30,6 f. thun sie es, um ihre Güter und Schätze hinzubringen, d. h., um den für die versprochene Hülfe zu leistenden Tribut zu entrichten; endlich nach c. 31,1 ff. ziehen sie dem versprochenen Hülfsheer entgegen. Darauf deuten die Ausdrücke in v. 1: die auf Rosse schauen und auf den Tross, weil er gross, und auf die Reiter, weil sie sehr stark sind. Darauf deutet auch der weitere Inhalt der Rede, der sich mindestens ebenso sehr gegen die Hülfe der Aegypter als gegen Juda selbst wendet.

Man wird zwar diese inhaltliche Unterscheidung innerhalb dieser drei Stücke, die sich gegen die wenden, die „nach Aegypten hinabgehen“, nicht mit absoluter Gewissheit machen dürfen; aber neben den doch mit ziemlicher Deutlichkeit im Texte gegebenen Andeutungen führt noch eine Erwägung allgemeiner Art auf die Notwendigkeit überhaupt, derartige Unterscheidungen besonders bei Reden von so konkreter Veranlassung festzustellen. Will man nicht, was doch gewiss niemand thun wird, annehmen, dass Jesaia seine Reden, ehe er sie hielt, predigtähnlich ausgearbeitet habe, so ist kein irgendwie durchschlagender Grund einzusehen, warum er nachträglich Reden von so gleichartigem konkreten Inhalt in nur variierter Form zu Papier gebracht und herausgegeben haben sollte. Mündlich konnte und wird Jesaia sich mehrfach über denselben Gegenstand ausgesprochen haben; aber schriftlich genügte eine Aufzeichnung völlig zur Dokumentierung seiner Ansicht.

Wir kommen zu c. 29,15. Dieses kurze Stück besagt ein doppeltes über das Bündnis mit Aegypten: 1. dass die Volksleiter den Beschluss, mit Aegypten ein Bündnis zu schliessen, definitiv gefasst haben, aber heimlich vor Jahwe und seinem Propheten, und 2. dass Jesaia davon Kunde erhalten hat. Es geht also chronologisch und sachlich den folgenden, oben besprochenen Stücken voran. Als Jesaia das Wort c. 29,15 sprach, war gewissermassen im Staatsrate beschlossen, in Aegypten um ein Bündnis wider Assur nachzusuchen. Die folgenden Stücke wenden sich gegen die Ausführung dieses Staatsbeschlusses.

Sehen wir uns nun die vorhergehenden Abschnitte in c. 28 und 29 an, so haben sie gegenüber den folgenden dies gemeinsam, dass in ihnen von diesem förmlichen und definitiven Beschluss der Volksleiter noch nicht die Rede ist. Denn wir haben gesehen, dass auch die Stelle c. 28,15 nicht direkt auf den Bund mit Aegypten bezogen werden darf, obwohl derselbe auch dort schon im Hintergrunde steht. Die Situation, welche die jesajanischen Stücke in c. 28 und 29 voraussetzen, ist folgende. Die Vorgänge in Assur haben die schon vorhandenen ägyptenfreundlichen Neigungen und Strömungen Judas mächtig geschürt. Das ganze Volk ist erfüllt von Freiheitsdurst und Thatendrang, es sehnt sich danach, das drückende und verhasste Joch Assurs abzuschütteln. Diese patriotische Begeisterung wird von Priestern und Propheten geteilt und genährt; auch die Leiter des Volkes treten dafür ein und haben sich über das Gelingen des Planes durch Nekromantie und allerhand Zaubermittel Gewissheit verschafft.

Diese Situation spiegeln die Stücke in c. 28 und 29 nun auch unter sich in gewisser chronologischer und sachlicher Ordnung wieder.