Endlich ist auch die Anlage der Reden meist gleichartig: erst kommt der Grund der Drohung, dann folgt die Drohung selber. So ist es c. 28,9 ff. c. 28,14 ff. c. 29,13 f. c. 30,1 ff. c. 30,8 ff. 31,1 ff. Dabei ist auch die äussere Gleichmässigkeit der Form zu beachten; mehrere Reden wiederholen das Schema: לכן כה אמד יהוה — יען כי vgl. c. 28,15. 16 mit c. 29,13. 14. und c. 30,12; c. 30 und 31 sind ganz parallel gebaut.[6]
Sehen wir nun auf den Inhalt der Drohungen und ihrer Begründung, so ergiebt sich auch hier eine durchgehende Gleichartigkeit. Ganz deutlich ist es in c. 30 und 31 ausgesprochen, um was es sich bei den Drohreden Jesaias handelt, nämlich um das ägyptische Bündnis. Die Volksleiter führen damit einen Beschluss aus, der nicht von Jahwe ist, und um dessentwillen sie seinen Mund nicht befragt haben c. 30,1 f. c. 31,1. Es ist an diesen Stellen nicht nur ausgesprochen, dass sich Jesaias Drohreden wider das ägyptische Bündnis richten, sondern auch zugleich gesagt, warum sie das thun, nämlich weil der Anschluss an Aegypten wider Jahwes Willen ist; weil sie sich damit nicht nur an fremde Hülfe wenden, sondern das auch thun mit Umgehung Jahwes und seines Propheten. Halten wir diese Begründung fest, dann wird es klar, dass auch in den vorhergehenden Stücken nur von diesem ägyptischen Bündnisse die Rede sein kann. Am durchsichtigsten ist das noch bei c. 29,15. Hier weist nicht nur die ganze parallele Anlage, sondern auch der Ausdruck עצה darauf hin, dass unter dem Beschluss, den man vor Jahwe und seinem Propheten verbergen will, derselbe gemeint ist, wie in c. 30,1 f., nämlich „hinabzuziehen nach Aegypten um Hülfe“.
Aber schon in c. 29,13 f. scheint von diesen politischen Dingen nicht mehr die Rede zu sein. Es scheint vielmehr nur ganz allgemein die ethische Seite der Religion gegenüber dem blos äusserlichen Kultus hervorgehoben zu werden. Indessen glaube ich einmal, dass man immer gut thun wird, sich bei den Aussprüchen der alten Schriftsteller, namentlich der bedeutenderen unter ihnen, nicht bei allgemeiner Deutung zu beruhigen, sondern nach besonderen, konkreten Beziehungen zu fragen, und sodann scheint mir hier die an den Ausspruch angeknüpfte Drohung auf ein bestimmtes Faktum hinzuweisen. In v. 14b wird gesagt, dass sich die Weisheit der Weisen des Volkes verstecken, und die Einsicht seiner Einsichtigen untergehen wird. Die Drohung geht also auf die Leiter des Volkes, die sich in ihren Plänen verrechnet haben werden. Das führt uns im Blicke auf die folgenden Stücke auf das ägyptische Bündnis oder auf damit zusammenhängende Maassnahmen, etwa den Abfall von Assur. Dann lässt sich aber auch v. 13 gut auf diese politischen Dinge deuten. Die Entfernung des Herzens von Jahwe besteht darin, dass man ihn nicht um Rat fragt, dass man in Ungehorsam wider ihn diese politischen Dinge unternimmt und doch dabei äusserlich, in Opfern und Gottesdienst sich gebährdet, als ob man ihn auf das Höchste ehrt. Darum ist Jahwes Urteil darüber:
דאת ם אתי מצות אנשים מלמדה
„Ihr mich fürchten“, ist hier Ausdruck für „Religion“, indem es das Wesen des Begriffes religio bezeichnet und damit andeutet, worin ihre Religion bestehen müsste, nämlich in Gottesfurcht, die sie abhalten müsste, wider Jahwe und seinen Propheten zu handeln, ihre Religion ist aber nur ein gelerntes Gebot, „ein bindender Rechtsbrauch, der gelernt werden muss“ (Duhm).
Für das kurze Drohwort c. 29,9 f. lässt sich natürlich auch nicht mit absoluter Sicherheit eine konkrete Beziehung angeben. Nur so viel lässt sich sagen, dass sich der Ausdruck und der Ton des Stückes am besten aus der Beziehung auf jene politische Dinge erklären lässt. v. 9b: Seid trunken, doch nicht von Meth, taumelt, doch nicht von Wein, weist auf den Taumel des von Freiheitsdurst und Siegesträumen erhitzten Volkes hin. Bezüglich des Tons der Rede hebt Duhm hervor, dass die Erregtheit, mit der sie hervorgestossen wird, einen Kampf mit den Volksleitern zu reflektieren scheint.
In der Rede c. 29,1 ff. findet sich keine Begründung der Drohung. Die ironische Aufforderung: fügt Jahr zu Jahr, lasst die Feste kreisen! will ihnen nur entgegenhalten, dass ihnen die blos äussere, wenn auch noch so eifrige Ausübung des Kultus als blosser Lippendienst (c. 29,13) nichts helfen wird.
In c. 28,14 ff. kann unter der v. 13 und 18 f. erwähnten Geissel nach allem, was wir sonst von Jesaia wissen, nichts anderes gemeint sein, als Assur. Damit hat auch diese Rede inhaltlich politischen Charakter genommen, was damit stimmt, dass sie an die Beherrscher des Volkes gerichtet ist. Deshalb könnte man annehmen, dass auch der Bund mit dem Tode und der Vertrag mit Scheol v. 15 auf politische Verträge mit Assur oder Aegypten zu deuten seien. Es scheinen aber vielmehr nach den Ausdrücken, die gebraucht sind, abergläubische Praktiken gemeint zu sein. Zu diesen Mitteln greifen sie, anstatt bei Jahwe Zuflucht zu suchen, aber deshalb, weil sie durch ihren ohne Jahwes Befehl vollzognen Abfall von Assur den Zorn und die Rache Jahwes heraufbeschworen haben.
Davon, dass sie wider Jahwes Willen abgefallen sind und den Krieg mit Assur herbeigeführt haben, scheint c. 28,12 zu reden. Das Stück c. 28,7–13 wendet sich gegen die Priester und Propheten, die den Willen Jahwes nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, jedenfalls aber Prophezeiungen geben, die den Offenbarungen, welche Jesaia erhalten hat, widersprechen. Jesaia forderte im Namen Jahwes Unterwerfung und Ausharren, jene werden, wahrscheinlich auch im Bewusstsein, in Jahwes Namen zu reden, zu Abfall von Assur und Krieg geraten haben. Der Spruch Jahwes v. 12: „Dies ist die Ruhe, gebt Ruhe dem Müden, und dies ist die Erholung!“ bedeutet dann im Zusammenhange die Verzichtleistung auf politische Unternehmungen. Das ist jedenfalls die beste und auch genügende Erklärung der sonst unverständlichen Worte, die auch durch den parallelen Ausspruch c. 30,15 ihre Bestätigung erhält.
So haben alle Stücke[7] des Buches Jesaia c. 28–31 ihre Beziehung auf dieselben politischen Verhältnisse, nämlich auf den Abfall Judas von Assur und das damit zusammenhängende ägyptische Bündnis.