4. die Zufallsehe,

5. die Ehe aus Neigung.

Die Ehe aus Leiden­schaft. Eine Person in Sommerset-Maughams „The Merry-Go-Round“ sagt: „Ich bin überzeugt, daß die Ehe das schreck­lichste Ding auf der Welt ist, wenn die Leiden­schaft sie nicht absolut unvermeidlich macht“. Obgleich ich eine aufrichtige Bewundererin von Maughams Werken bin, teile ich hier seine Meinung durchaus nicht. Die meisten der verrückten, unvernünftigen Verbindungen sind jene, welche die „Leiden­schaft unvermeidlich macht“. In der Theorie ist es einer der viel versprech­endsten Ehetypen, in der Praxis erweist er sich als der unseligste und unglück­lichste von allen.

„Sie sind wahnsinnig ineinander verliebt, es ist eine ideale Ehe“ — ist eine Bemerkung, die man oft mit Genugtuung äußern hört. Aber es ist eine traurige Tatsache, daß diese wahnsinnige Liebe sehr häufig zu Unglück und Scheidung führt. Die meisten mir persönlich bekannten unglück­lichen Ehepaare waren im Anfang wahnsinnig ineinander verliebt. Kann man sich darüber wundern, wenn man die Sache näher betrachtet? Die Natur, die selten dort einen Irrtum begeht, wo die ursprüngliche Menschheit in Betracht kommt, ist durchaus nicht unfehlbar, sobald es sich um die künstlichen Bedingungen unserer westeuro­päischen Zivilisation handelt. Im Osten, wo eine größere Freiheit zwischen den Geschlechtern gestattet ist, scheint es ganz gut, der Natur zu vertrauen und den von ihr eingeimpften Trieben zu folgen; doch dem ist nicht so auf unserer Halbkugel. Der junge Mann und das junge Mädchen, die in den Bann der Leiden­schaft geraten, sind zeitweise blind und unzurech­nungsfähig. Ihr Urteil ist getrübt, ihre Fähigkeit, zu überlegen, aufgehoben, nichts auf der Welt scheint ihnen von Bedeutung außer der überwältigenden Notwendigkeit, sich hinzugeben, das geliebte Wesen zu besitzen, — das Wesen, das ihnen das Blut erhitzt hat.

Wenn das Fatum grausam ist, so läßt es diese beiden sich in die Ehe stürzen. Die Natur hat ihren Willen durchgesetzt und beachtet weiter nichts. Sie ist ganz befriedigt. Die aus solchen Ehen wahnsinniger Verliebtheit stammenden Kinder sind gewöhnlich die schönsten und stärksten, und was will die Natur denn sonst? Aber das junge Paar? . . . Nach und nach zerteilen sich die rosigen Wolken, die berauschenden Dünste entschweben, die Verzückung läßt nach, und jedes kommt von der Wirkung des mächtigsten Giftes des Weltalls zu sich, um ein ganz gewöhn­liches Wesen an seiner Seite zu finden und sich selbst in jenen Ketten, die die Menschen mit den Worten „auf ewig“ bezeichnen.

Diese beiden sind wirklich unglücklich, wenn sie am Grabe der Leiden­schaft einander gegenüberstehen und kein anderes Band zwischen ihnen besteht als die Erinnerung an den verflogenen Rausch. Zum Glück ist dies durchaus nicht immer der Fall, aber wenn es so ist, dann muß unvermeidlich ein sehr unglück­liches Eheleben folgen. Schopenhauer gibt als Grund für das Unglück solcher Ehen die Tatsache an, daß „durch sie für die kommende Generation auf Kosten der gegenwärtigen gesorgt wird“ und zitiert das spanische Sprichwort: „Quien se casa por amores, ha da vivir con dolores. Wer aus Liebe heiratet, muß in Kummer leben“. Vom Standpunkt des persön­lichen Interesses und nicht des Interesses der zukünftigen Generation scheint es gewiß ein Mißgriff, den Gegenstand seines heftigen Begehrens zu heiraten, wenn nicht auch geistige Übereinstimmung, Interessen­gemein­schaft und noch viele andere Verbindungs­punkte bestehen. Aber unter dem Einfluß unterdrückter Leiden­schaft verlieren die Leute die Klarheit ihres geistigen Schauens und sind daher mehr oder weniger urteilsunfähig.

Es soll jedenfalls Leiden­schaft in der Ehe sein, so weit gehe ich mit Maugham. Aber sie soll nur die äußere Hülle sein, ein Flammengewand, dessen Berührung Entzückung bedeutet, aber bei dem, wenn es von der Glut aufgezehrt ist, noch die Liebe als festes Gefüge von Freude und Schönheit besteht, das aufrecht bleibt unter der Asche der Leiden­schaft. „Wirkliche, auf Übereinstimmung der Gesinnung gegründete Freund­schaft tritt meistens erst dann hervor, wann die eigentliche Geschlechts­liebe in der Befriedigung erloschen ist“. (Schopenhauer, Metaphysik der Liebe).

Von den Konvenienzehen gibt es zwei Sorten. Die ganz gewinnsüchtige, wo Geld, soziale Stellung oder irgend eine persönliche Erhöhung auf einer oder beiden Seiten der Beweggrund war, ohne die Grundlage irgend einer Neigung, und die halb gewinnsüchtige, wo diese Gründe durch das Vorhandensein von Zuneigung oder Sympathie gemildert werden. In diese Kategorie gehören die Leute, die hauptsächlich aus Rücksicht auf ihr Geschäft oder ihren Beruf heiraten, wie der junge Rechtsanwalt, der die Tochter seines Chefs heiratet, oder der junge Arzt, der in die Familie des alten Doktors einheiratet. Hier erinnert man sich an den Vater, der seinem Sohne riet, nicht des Geldes halber zu heiraten, aber nur dort zu lieben, wo sich Geld befindet. Zweifelsohne erhöht der Besitz von ein wenig Geld oder Einfluß den Reiz eines Mädchens in den Augen des vorwärts­strebenden, modernen jungen Mannes. Wenn man in Betracht zieht, wie schwer es heutzutage ist, sein Auskommen zu finden, kann man alles in allem diese Gründe nicht tadeln, wie trostlos sie auch vom Gefühls­standpunkt erscheinen mögen. Ich glaube jedoch nicht, daß es außerhalb der Grenzen jener Welt, die man die „Lebewelt“ nennt, viele ganz gewinnsüchtige Konvenienzehen gibt. Die Leute, welche nicht diesen blendenden Gesell­schafts­kreisen angehören, sind der Ehe gegenüber zurückhaltend genug und fürchten sich vor den großen, noch hinzukommenden Hemmungen, die eine solche Ehe mit sich bringen würde. Natürlich sind diese Verbindungen beinahe immer trostlose Mißgriffe, und ich möchte wissen, was ihre Opfer anderes erwartet haben können.

Wir kommen nun zur dritten Gruppe, der Ehe zu bestimmtem Zweck. Diese Ehen sind mit der halb gewinnsüchtigen entfernt verwandt, aber es ist nichts Gewinnsüchtiges an ihnen, da sie gewöhnlich aus höheren Beweggründen eingegangen werden. In diese Klasse gehören die Witwer, die um ihrer Kinder willen heiraten, die alten Mädchen, deren Beweggrund der Wunsch nach Mutter­schaft ist, die Männer und Frauen, die heiraten, um ein Heim zu besitzen oder einen Lebensgefährten. Alle diese Gründe sind genügende Rechtfertigungen und alle die Leute, die die Ehe mit einem bestimmten Ziel beginnen, nehmen sie gewöhnlich sehr ernst und sind entschlossen, sie gedeihlich zu gestalten. Solche Ehen erweisen sich gewöhnlich als sehr glücklich, vielleicht gerade, weil so wenig verlangt wird. Der Geist der Zufriedenheit hat einen ausgezeichneten Einfluß im Eheleben, da die Liebe oft durch ihre eigenen übertriebenen Forderungen, wie ich später zu zeigen versuchen werde, getötet wird.

Der Ausdruck Zufallsehe scheint mir am besten jene Verbindungen zu bezeichnen, in welche die Männer ohne besonderen Grund, manchmal beinahe gegen ihren Willen, hineintreiben. Die Natur kümmert sich nicht darum, wie die jungen Leute zusammenkommen, so lange sie nur zusammenkommen, und manchmal gerät ein Mann in die Ehe beinahe, ohne es zu merken. Ich schreibe absichtlich ein Mann, da eine Frau nie in den Ehestand getrieben wird. In diesen Fällen ist es gewöhnlich ihre feste und wohlüberlegte Absicht, die den Mann in den ihm unbekannten Hafen der Ehe gelenkt hat. Er ist bloß den Weg des geringsten Widerstandes gegangen, und hat zu seiner Überraschung gefunden, daß er zum Altar führt. Bernard Shaw hat ein sehr unterhaltendes und trotzdem überzeugendes Bild dieses Mannövers in „Mensch und Übermensch“ entworfen, wo er auch seiner Überzeugung Ausdruck gibt, „daß die Männer, um sich selbst zu schützen, die schwache romantische Vorstellung aufgebracht haben, daß in Geschlechts­dingen die Initiative immer vom Mann ausgehen müsse. Aber diese Behauptung ist so hohl, so unwirklich, daß sie sogar auf dem Theater, dieser letzten Zuflucht des Unwirk­lichen, nur den Unerfahrenen imponiert. In den Stücken Shakespeares ergreift die Frau immer die Initiative. In seinen Schauspielen und Lustspielen konzentriert sich ebenfalls das Lebensinteresse darauf, zu sehen, wie die Frau den Mann zu Tode hetzt . . . . Die Behauptung, daß die Frauen nicht die Initiative ergreifen, ist geradezu possenhaft. Die ganze Welt ist ja mit Schlingen, Fallen, Netzen und Fallgruben besät, mittels welcher die Frauen den Mann einfangen. Man nimmt an, daß die Frau regungslos warten muß, bis um sie geworben wird; ja, sie wartet oft regungslos, so, wie die Spinne auf die Fliege wartet. Die Spinne spinnt ihr Netz und wenn die Fliege gleich meinem Helden die Kraft zeigt, sich loszumachen, wie schnell verläßt da die Spinne ihre vorgebliche Passivität und schlägt Faden um Faden um ihr Opfer, bis sie es für immer gefesselt hat!“