Die Ehe aus Neigung. „Kennen Sie irgendwelche ganz glückliche Ehepaare?“ wird in einem bekannten Stück gefragt.

„Das ist schwer zu sagen. Oh, die Extasen sind nichts für diese Welt, wissen Sie, wenigstens nicht die ständigen Extasen. Man könnte ebensogut ständige hysterische Anfälle haben. Und wie Sie wohl wissen, werden die Ehen nicht im Himmel geschlossen, und so gibt es vielleicht auch keinen Himmel in der Ehe“.

Diese Empfindungen sind geeignet, das unwissende zwanzigjährige Mädchen durch ihre, in ihren Augen gemütlose Unwahrheit abzustoßen und zu ärgern, und die erfahrene Frau von, sagen wir, dreißig Jahren, durch die, in ihren Augen tiefe Wahrheit zu entzücken — so sehr ändern sich unsere Lebens­anschauungen im Laufe von ungefähr zehn Jahren.

Vor sechzig Jahren schrieb George Sand: „Du fragst mich, ob du durch Liebe und Ehe glücklich werden wirst? Du wirst es nicht werden, ich bin fest überzeugt davon, weder durch die eine noch durch die andere. Und doch sind Liebe, Treue, Mutter­schaft, die wichtigsten, die notwendigsten Dinge in dem Leben einer Frau.“

Demselben Gedanken gibt R. L. Stevenson Ausdruck, wenn er sagt: „Ich vermute, daß die Liebe wohl eine zu gewaltige Leiden­schaft ist, um in allen Fällen eine gute häusliche Rolle zu spielen.“ Natürlich wird niemand von den jungen Leuten das glauben wollen, aber es ist eine schreckliche gemeine Wahrheit, daß in der Regel die glücklichsten Ehen diejenigen sind, in welchen sich die Paare nicht zu heftig lieben. Ich spreche von dem gediegenen Alltagsglück, nicht von dem Überschwang und den Verzückungen. Die von der leiden­schaft­lichen Liebe erhobenen Ansprüche und der fieberhafte Gemütszustand, den sie hervorruft, sind oft der Grund ihres Schiffbruches. „Wenn ich ein Scheusal bin, mein Schatz“, sagte ein Mädchen einst zu ihrem Liebsten, als sie einen Streit, den sie selbst herauf­beschworen hatte, wieder beilegen wollte, „so ist es nur, weil ich dich zu sehr liebe“. — „Dann um Himmelswillen, liebe mich weniger und behandle mich besser“, gab der gekränkte Liebhaber zur Antwort, und wir können seine Gefühle nur teilen.

Ich habe absichtlich das Wort Neigung in dieser Abteilung statt eines Wortes gebraucht, das einen höheren Gefühlsgrad bezeichnet, und ich konstatiere ohne Zaudern, daß im allgemeinen die glücklichsten Ehen jene sind, die sich, „wenn der süße Liebeszauber, jenes Süße, das beinahe Gift ist“ nicht mehr wirkt, zu jenen gemäßigteren, anspruchs­loseren, friedlichen und harmonischen Verbindungen entwickeln, die man mit Neigungsehen bezeichnen kann. Den heißblütigen jungen Leuten und jungen Mädchen, die unermüdlich nach der höchsten Lebensfreude streben, von denen keines diesen prosaischen und unrühm­lichen Rat hören mag und die alles auf den Glauben setzen wollen, daß der erste Liebeszauber ewig dauert, denen sage ich: „Trachtet eure Rosenromantik auf andere Weise zu finden, sucht sie nicht in der Ehe, ihr werdet, wenn euer Fall keine Ausnahme der Regel bildet, unvermeidlich einen schreck­lichen Mißgriff tun! O, fragt mich nicht, wie ihr es machen sollt, aber erinnert euch dessen, was ich sage, und heiratet nicht, bis nicht die ruhige, gemäßigte, schöne und friedvolle Neigung, über die ihr jetzt spottet, in euren Augen ein Hafen des Friedens vor den Stürmen und Lasten des Lebens geworden ist, und das höchste Gut, das es euch bieten kann.“

Ein anderer Grund, warum die Neigungsehe am ehesten glücklich wird, ist, weil die gegenseitige Achtung einen so breiten Raum in ihr einnimmt, und wie ungeheuer wichtig diese in dem heiligen Ehestand ist, kann niemand wissen, bevor er heiratet. Ich werde über die außerordentliche Notwendigkeit der Achtung im Eheleben später noch mehr zu sagen haben.

[ II.] Warum Mann und Frau auseinandergeraten: Zwistigkeiten

„Man mag sagen, was man will: der Mann, der der Ehe ausweicht, ist ähnlich demjenigen, der vor der Schlacht davonläuft.“ R. L. Stevenson.

Wir haben über jene Typen von Ehen gesprochen, die von Anbeginn mehr oder weniger zum Mißraten verurteilt sind, und kommen jetzt zu den Ursachen, warum so viele Ehen unglücklich werden, bei denen augenscheinlich alle äußeren Umstände glücklich waren.