„Aber zwei ungerechte Handlungen können nicht eine gerechte hervorbringen, und es kann gewiß für eine Frau nicht das Rechte sein, den Mann über einen so ausschlaggebenden Punkt zu täuschen“, wird der strenge Moralist ausrufen. Möglicherweise nicht, nach dem streng-idealistischen Standpunkt der Ethik; aber vom höheren Standpunkt des Lebens und des gesunden Menschenverstandes aus gesehen erscheint diese Täuschung nur ratsam. Und seien Sie sicher, mein verdrießlicher Moralist (denn ich bin sicher, daß Sie ein verdrießlicher Mensch sind), daß die Sünderin nicht so leichten Kaufes davon kommen wird, wie Sie es zu fürchten scheinen. So mancher Stich wird ihr zuteil werden, denn die Erinnerung ist ein starkes Gift, und jeder Ausdruck der Liebe und des Vertrauens ihres Mannes wird für sie seinen eigenen Stachel haben, während die runden unschuldigen Augen der sie vergötternden kleinen Kinder, für die sie ein Wesen ist, das nie unrecht tun kann, die geeignete Strafe für ein noch weit größeres Vergehen sein würde. Der Mann dagegen wird aller Wahrscheinlichkeit nach durch das Schweigen der Frau nur gewinnen; denn er ist ihr gewiß doppelt teuer, eben weil der erste Mann sie schlecht behandelte, und sie wird vielleicht eine bessere Gattin, eine stärkere und sanftere Frau, eine tüchtigere Mutter sein, eben wegen der Leiden, die sie durchgemacht hat.
Hoffentlich werden wir nun übelwollende Dummköpfe nicht die verderbenbringende Lehre unterschieben, daß eine Frau mit einer Vergangenheit die beste Gattin sei. Ich bin nur der Ansicht, daß eine brave Frau, die sich einem stürmischen Liebhaber ergeben hat und nachher von ihm verlassen worden ist, notwendigerweise soviel durchgemacht hat, daß ihr Charakter dadurch vertieft und ihre Fähigkeit, treu zu lieben, gesteigert wurde. Und eine andere als wahr erkannte Tatsache ist es, daß es seelischer Leiden bedarf, um die besten Eigenschaften der Frauen zur Blüte zu bringen.
Auch die Männer sollten die Einzelheiten ihrer Periode des „Sichauslebens“ streng für sich behalten. Im Eheleben muß es Geheimnisse geben, und die glücklichsten Paare sind jene, die sie zu hüten wissen. Ein sehr gutes Motto für junge Verlobte wäre das des Tom Broadbent in John Bulls „Die andere Insel“: „Erzählen wir uns nichts; vollkommenes Vertrauen, aber keine Erzählungen aus der Vergangenheit; so vermeidet man am besten Mißhelligkeiten!“
[ V.] Einige Worte für eine vernünftigere Mädchenerziehung
Wenn die Mädchen in bezug auf geschlechtliche Dinge vernünftiger erzogen wären, würde es weit weniger unglückliche Frauen in der Welt geben, und weniger Männer würden dazu getrieben werden, ihr Glück außerhalb des Heims zu suchen. Wenn man den Mädchen, sobald sie in die geeigneten Jahre kommen, die elementarsten Umrisse der Lebensbedingungen beibringen würde, anstatt sie wie es jetzt geschieht, in der äußersten Unwissenheit zu lassen, dann würden die außerordentlich falschen Anschauungen über das Geschlecht, die sie jetzt überall auflesen, nicht mehr vorwalten, und viel Kummer könnte so vermieden werden. Jetzt wird den Mädchen schweigend zu verstehen gegeben, daß das Geschlechtsthema abstoßend ist und sich nicht eignet, von ihnen in Betracht gezogen zu werden, und daß die Geschlechtsfunktionen widerwärtig, obgleich notwendig sind. Ich schreibe absichtlich schweigend, denn den meisten Mädchen wird nicht das Geringste über diesen Gegenstand gesagt. Es ist wirklich merkwürdig, wie die Vorstellungen ihnen ohne Worte beigebracht, aber dennoch auf irgendeine Weise eingeimpft werden, und es ist schwer zu verstehen, wie die Mütter diese Unterweisungen mit ihrem offenkundigen Wunsch vereinigen, ihre Mädchen zu verheiraten. Das heutzutage den Mädchen gegenüber aufrecht erhaltene Ideal ist offenbar das geschlechtslose Schicksal der Diana — nicht bloß Keuschheit, sondern Unfruchtbarkeit.
Die meisten jungen Mädchen kennen von früher Jugend auf die gesellschaftlichen Vorteile und die gesellschaftliche Bedeutung der Ehe und wachsen mit dem lebhaften Wunsch heran, sie in angemessener Weise zu erreichen, obgleich sie sich insgeheim wegen ihrer absurden verkehrten Begriffe von der physischen Seite der Ehe vor ihr fürchten. Warum kann man die Mädchen — und auch die Knaben natürlich — nicht die volle Wahrheit in angemessener Sprache lehren, daß das Geschlecht der Angelpunkt ist, um den sich die Welt dreht, daß die Geschlechtstriebe und -empfindungen der ganzen Welt gemeinsam sind, an sich nicht erniedrigend oder herabwürdigend und daß es auch keine Schande ist, sie zu besitzen, obgleich es notwendig ist, daß man sie tapfer überwacht! Warum kann man die Mädchen nicht lehren, daß alle Liebe, selbst die romantische, die einen so breiten Raum in ihren Träumen einnimmt, aus dem Geschlechtstrieb entspringt? (Schopenhauer, Metaphysik der Liebe.) Das kann für eine gefährliche Lehre gehalten werden; aber die gegenwärtige Politik des Stillschweigens über diesen Gegenstand ist noch gefährlicher, da sie das Bestreben hervorbringt, über dem verbotenen Thema zu brüten.
Ich erinnere mich, wie mir eine ungefähr fünfzehnjährige Schulkameradin, als ich etwas über zehn Jahre alt war, anvertraute, daß ein Mann — er war ein harmloser Junge von ungefähr zwanzig Jahren — ihr die Hand geküßt hatte, als er ihr das Tennisrakett reichte. Sie zog entrüstet ihre Hand zurück und sagte: „Wie können Sie es wagen, mir diese Schmach anzutun?“ Dann verließ sie den Tennisplatz und wollte nicht mehr spielen. Ich glaube nicht, daß viele Mädchen so albern sind wie diese, aber der Zwischenfall illustriert den in jener Schule allgemein herrschenden, uns eingeimpften Ton. Und er zeigt, wie emphatisch dem Gemüt des Mädchens alle geschlechtlichen Angelegenheiten dargestellt worden sein müssen, damit sie in einem ganz unschuldigen und galanten Zeichen der Huldigung eine Schmach erblickte. Was für eine trostlose Vorbereitung für die Ehe muß solch eine Unterweisung sein! Aus dieser Art von Unterweisung entstehen jene unglücklichen Flitterwochen, von denen man gelegentlich im geheimen hört, und die unglücklichen Frauen, deren verächtliche Kälte den Gatten zur Verzweiflung bringt. Dieser Mangel an Gefühl und Mangel an Verständnis für die Bedürfnisse stärkerer und wärmerer Naturen ist eine der tiefsten und unheilbarsten Ursachen des Unglücks im Eheleben.
Wenn unsere Mädchen belehrt würden, das Geschlecht sei ein etwas ganz Natürliches, dann würde das unendliche, aus der Auffassung, es sei etwas Außergewöhnliches und Widerwärtiges, entspringende Übel vermieden werden. Erziehen wir sie dazu, den liebenden Ehestand, die leidenschaftliche Mutterschaft als den geeignetsten Ausdruck der Frauennatur und die für sie erstrebenswerteste Lebensform zu betrachten.
In einem sehr interessanten, jüngst veröffentlichten Buch: „Die Frau im Übergangsstadium“ wird diese Ansicht von der Bestimmung der Frau zu wiederholten Malen verhöhnt. Die Verfasserin, Annette B. Meakin, ist eine Assistentin am Anthropologischen Institut und offenbar eine sehr belesene und vielgereiste Dame. Ich will einiges zitieren: „In der glücklichen Zukunft, wenn die höheren Frauenideale in unserer Umgebung festen Fuß gefaßt haben werden, werden alle erkennen, gleichviel welchem Geschlecht sie angehören, daß wir die Verräter an unserer eigenen Rasse und an der Menschheit sind, wenn wir unqualifizierte Mutterschaft jedem Mädchen als ihr höchstes Ideal vor Augen halten.“ . . . „Die englischen Schulvorsteherinnen betrachten es, obgleich sie oft selbst unverheiratet sind, als ihre heiligste Pflicht, den Schülerinnen einzuimpfen, daß die Mutterschaft ihre höchste Bestimmung sei, und die Schülerinnen machen die Ehe zu ihrem höchsten Ziel, und jeder andere Erfolg im Leben muß an zweiter Stelle stehen.“ „Einige sehr brave Frauen in England sagen unseren jungen Mädchen noch immer, daß die Mutterschaft für jede Frau das höchste Ziel ist, ohne zu ahnen, daß die von ihnen gepredigte Lehre in gefährlicher Weise zu jener gesetzlichen Prostitution führt, die euphemistisch als lieblose Ehe bekannt ist, oder zu noch größeren Übeln.“ „Wie kann dem Mädchen, dem man gelehrt hat, daß die Mutterschaft die einzige Bestimmung des Weibes ist, das Risiko wagen, sie zu verpassen?“
Ich antworte auf diese Einwände: Natürlich wird kein vernünftiger Mensch die unqualifizierte Mutterschaft den Mädchen als ihr höchstes Ideal darstellen, und auch kein denkender Mensch wird glauben, daß die Mutterschaft die einzige Bestimmung des Weibes ist. Aber was die höchste Bestimmung, das heißt die edelste, anbetrifft, so muß ich schon sagen, daß wenn gute Mutterschaft (und in dem Wort gut möchte ich die besten körperlichen und geistigen Eigenschaften inbegriffen sehen, durch die gesunde, intelligente und wohlerzogene Kinder hervorgebracht werden), nicht das Ideal erfüllt, ich wohl wissen möchte, wodurch es erfüllt werden kann! Als Antwort auf diese Frage, die natürlich jeder Leser stellen muß, gibt sich Miß Meakin mit der Konstatierung zufrieden, in Finnland und Australien, sowie in Amerika und Norwegen lehre man den Mädchen, daß die höchste Bestimmung des Weibes von jeder Frau erreichbar sei; daß ihre höchste Bestimmung und ihr höchstes Ideal nicht von einem Manne abhängen solle, der daher kommen mag oder nicht, und daß es das höchste Ideal des Weibes sei, eine echte Frau zu werden. Das ist ganz schön, aber es ist viel zu vage, um als allgemeines Ideal der Frauen hochgehalten zu werden. Das Ideal, das wir als erstrebenswert hinstellen, muß enger umgrenzt sein. Was ist zum Beispiel im besonderen eine echte Frau? Ich dächte, die Hauptbestandteile des Rüstzeuges einer echten Frau wären ihre Fähigkeiten für Ehestand und Mutterschaft.