„Nicht, daß ich ihn nicht zärtlich liebe“, vertraute sie mir, als sie sich entschloß, einen anderen Weg zu betreten, „ich möchte ihn nicht für irgend jemand in der Welt hergeben, und du weißt, was die Kinder mir sind, aber dennoch brauche ich auch etwas anderes, etwas Erregendes. Ich spüre, daß ich in meinem Leben keine Lustigkeit gehabt habe, und ich möchte mich gerne ein bißchen austoben, bevor es zu spät ist. Als ich mich verlobte, hatte ich kaum mit jemand anderem getanzt als mit Markus, und in den ersten vier Jahren meiner Ehe bekam ich alle achtzehn Monate ein Kleines. Es gab nichts als kleine Kinder, das eine zu säugen, für das Neuankommende bereit zu sein. Ich hatte ja nichts dagegen, aber die Reaktion mußte kommen, und sie kam. Wenn ich nur dieses Erregende und die Heiterkeit und den Zauber zuerst hätte haben können und dann mit ungefähr fünfundzwanzig Jahren geheiratet hätte, dann wäre ich ganz zufrieden geworden wie Yvonne.“

Yvonne hatte sichs wohl besser eingerichtet. Das Schicksal bewahrte sie davor, sich zu früh zu verlieben. Sie hatte immer eine Schar von Verehrern und konnte so die Macht ihrer Weiblichkeit vollauf genießen. Sie reiste, schloß wunderbare Freund­schaften mit beiden Geschlechtern, lernte die Welt kennen und bildete sich eine Weltanschauung. Als sie mit neunundzwanzig Jahren heiratete, hatte sie genug von den anderen Männern gesehen, um zu wissen, welchen Mann sie für sich brauchte, und genug Erregung gehabt, um den Frieden und die Ruhe in der Ehe zu schätzen.

Die Geheimnisse vieler Frauen lasten schwer auf meiner Seele, während ich dies schreibe, und so manche Frau, die ernsten Anlaß zu Gewissensbissen hat, vertraute mir, daß nur diese verhängnisvolle Sehnsucht nach Erregung ursprünglich ihr Verderben verursachte. Ich werde meinen Sohn lehren, ja nur eine Frau zu heiraten, die die Periode des „Sichauslebens“ hinter sich hat oder eine von jenem altmodischen Typus, die das „Sichausleben“ nicht braucht. Bei dem modernen Temperament muß es früher oder später kommen, und wie weit das moderne Temperament sich entwickelt haben wird, bis der Sohn meines Sohnes heiratsfähig ist, das wissen die ironischen Götter allein!

Junggesellen, merkt es Euch. Eine Frau der Neuzeit, die in der halben Welt herumgekommen ist und so manches erlebt hat, wird eine viel bessere Gattin, eine liebevollere Freundin und ein treuerer Gefährte sein, als jene Mädchen, die einander so ziemlich gleichen, deren erste Erfahrung Ihr seid und die enorme Ansprüche an Eure Liebe und Geduld stellen. Ihr werdet vielleicht sogar ein auf Romanlektüre gegründetes Ideal verwirk­lichen müssen, und das wird Euch sehr lästig fallen, liebe Freunde! Die erfahrene Frau kennt die Männer gründlich, sie erwartet nicht mehr von Euch, als Ihr ihr geben könnt. Sie wird Eure Tugenden aufs Höchste schätzen und sich so gut als möglich mit Euren Untugenden abfinden. „Aber sie hat so schrecklich geflirtet“, sagt Ihr. Gut. Um so besser. Dann ist es wahrschein­licher, daß sie es nach der Verheiratung nicht tun wird. „Aber zum Teufel mit allem anderen — sie ist von anderen Männern geküßt worden“, wendet Ihr ein. Ganz gut, dann hat sie kein Bedürfnis nach weiteren Erfahrungen dieser Art und wird ihre Lippen nie wieder einem anderen Mann bieten, sobald sie die Eure geworden ist. „Wie können Sie dessen sicher sein?“ „Ja, das gehört zu dem großen Risiko der Ehe. Wie kann denn sie sicher sein, daß Ihr euer letztes Verhältnis hattet?“ . . . Oh, mein Lieber, Ihr macht mich wirklich böse; um Himmelswillen, trachtet von den konventionellen Vorstellungen von Recht und Unrecht loszukommen. Beurteilt einmal die Dinge für Euch selbst und sagen wir, wie sie auf dem Boden eines speienden Vulkans erscheinen würden! . . . Alle Dinge, um derentwillen wir so viel Aufhebens machen, würden zweifelsohne rasch in ihrem wahren Lichte erscheinen, wenn wir sie von dieser gefähr­lichen Lage aus betrachteten.

Und selbst in den traurigen Fällen, wo eine Frau wirklich im männlichen Sinne des Wortes „sich ausgelebt“ hat, wie anders würden uns die kleinen sittlichen Regeln und Gesetze, die wir für solche Gelegenheiten bereithalten, angesichts eines plötzlichen, gewaltsamen Todes erscheinen! Ich hörte vor kurzem folgende sehr traurige Geschichte. Ein Mann war knapp dem Ertrinkungstode entronnen, kurz nachdem er seine Verlobung mit einem von ihm aufrichtig geliebten Mädchen rückgängig gemacht hatte, als sie ihm gestand, daß sie vor vielen Jahren den Bestürmungen eines leiden­schaft­lichen Liebhabers einmal nachgegeben hatte. Ich weiß nicht, was er in dem schreck­lichen Augenblick empfunden hat, als das Wasser über ihm zusammenschlug und er jenes entsetzliche Ringen nach Luft durchmachte, das von jenen, die es kennen lernten, als die fürchter­lichste Empfindung geschildert wird. Augenscheinlich fielen ihm durch den Umstand, daß er mit knapper Not dem Tode entronnen war, die Schuppen von den Augen, und er befreite sich von der konventionellen Meinung, die ihn bis dahin geblendet hatte. Anstatt sich als einen tief gekränkten Mann zu betrachten, erkannte er, daß er sich gegen das unglückliche Mädchen schrecklich benommen hatte, und sie auf diese Weise durch sein Geschlecht doppelt gekränkt worden war. Er suchte sie auf und bat sie, ihn wieder anzunehmen, aber sie war eine zu gescheite Frau und weigerte sich, sich einem Manne von so engen Ansichten und so hartem Urteil anzuvertrauen.

Diese Behandlung steigerte seine Liebe natürlich ins Tausendfache. Sie quälte ihn Tag und Nacht und zum Schluß gewannen seine verzweifelten Bitten die Oberhand, und sie gab nach. Ihre Ehe wurde keine glückliche, wie man sich’s denken kann. Sie hatten einander wahnsinnig geliebt, und das Gespenst dieser erloschenen Leiden­schaft reckte sich unsichtbar zwischen ihnen empor und vergiftete ihre Freude aneinander. Nach einer Zeit verfiel die Frau in tiefe Melancholie und ließ sich von einer geringfügigen Krankheit so überwinden, daß sie daran starb.

Als sie starb, soll sie zu ihrer treuen Freundin gesagt haben: „Wenn du je einer anderen Frau begegnest, die einen kleinen Fehltritt begangen hat — etwas, was ihr damals so natürlich und unvermeidlich erschien, daß es gar keine Sünde war — dann sage ihr, daß sie es nie, nie dem Manne, den sie heiraten wird, gestehen soll, am allerwenigsten, wenn sie ihn liebt. Wenn das Geständnis sie nicht ganz trennt, dann wird es immer zwischen ihnen sein. Man legt es ab in dem Bestreben, aufrichtig zu sein, aber es ist der schreck­lichste Irrtum, den eine Frau begehen kann.“

Ihr Bestreben, aufrichtig zu sein, hatte diese arme Frau nicht nur das Glück ihres ganzen Lebens und ihr Leben selbst gekostet, sondern auch das Glück des geliebten Mannes, in dessen Interesse sie das so schwere Geständnis gemacht hatte. „Wie teuer habe ich es bezahlt! Wie teuer habe ich es bezahlt!“ pflegte sie immer und immer wieder während ihrer letzten Krankheit zu sagen.

Das ist eine völlig wahre Geschichte, und es scheint mir eine schreiende Ungerechtigkeit, daß eine Frau so bitter für das leiden muß, was bei einem Manne gar nicht beachtet würde. Ich bin sicher, daß es viele ähnliche Fälle gibt, und ich erkläre nachdrück­lichst, daß solche Geständnisse schädlich sind. Der konventionell denkende, in solche Umstände versetzte Mann würde entweder eine Frau stehen lassen oder sie gegen seine Überzeugung heiraten. Das außergewöhnliche männliche Sittengesetz, das aus verschiedenen Gründen über mein weibliches Fassungsvermögen geht, erkennt nicht an, daß ein Mädchen, das einen Geliebten hatte, oder auch nur einen Fehltritt machte, geeignet ist, geheiratet zu werden, und trotzdem hätte kein Mann etwas dagegen, eine Witwe zu heiraten und sehr viele Männer heiraten auch geschiedene Frauen.

Selbst, wenn es sich um einen selten großmütigen, einsichtigen und verständigen Mann handelt, der das Vergehen richtig einschätzt, würde eine Kenntnis desselben nur störend wirken und eine Quelle von Unsicherheit für das eheliche Glück bilden. Mit einem Wort: das Geständnis kann von keinerlei Nutzen sein und die Erleichterung, welche es, gemäß dem Sprichwort, dem Sünder verschaffen soll, würde um einen sehr hohen Preis erkauft sein.