Ich muß sagen, daß jene jungen Männer, die nicht denken, sondern nur fühlen und handeln, meiner Ansicht nach kaum zum höchsten Typus gehören, und daß, wenn es allgemein als Zeichen edler Natur anerkannt würde, sich zu paaren wie die Vögel, die Adelsnaturen gewiß viel weniger selten wären, als sie es heutzutage sind.

[1.] Im Jahre 1903 war ein Zehntel aller in Frankreich geborenen Kinder unehelich, in Paris allein war der Prozentsatz noch weit höher, ungefähr 1 auf 4.

[ IV.] Das „Sichausleben“ für Frauen

„Nichts, was zu sagen der Mühe wert ist, ist schicklich.“ G. Bernard Shaw.

„Ich glaube nicht an die Existenz der puritanischen Frauen. Ich glaube nicht, daß es eine Frau in der Welt gibt, die sich nicht ein bißchen geschmeichelt fühlen würde, wenn man ihr den Hof macht. Das eben macht die Frauen so unwiderstehlich reizend.“ Oscar Wilde.

Sollte es irgendwelche Leser geben, deren Feinfühligkeit bei diesen Zitaten verletzt würde, dann werden sie ergebenst gebeten — nein es wird ihnen befohlen — nicht weiter zu lesen. Und sollte es welche geben, deren Empfind­lichkeit schwankt, ohne jedoch einen direkten Stoß erlitten zu haben, dann werden sie liebevoll — nein flehent­lichst — ersucht, einige Male das obige Zitat aus Shaws unsterb­licher „Candida“ zu lesen, sich dann aufzuraffen und den Sprung zu wagen. Ich kann ihnen versprechen, daß es nicht halb so schrecklich sein wird als sie hoffen

, ja, daß die ausgesprochene Schick­lichkeit dieser Zeilen sie wahrscheinlich bitter enttäuschen wird. — Es ist merkwürdig genug, daß die Frauen, obgleich sie mehr als die Männer zu heiraten bestrebt sind, und alles in ihrer Macht stehende tun, um das zustande zu bringen, wogegen die Männer sich oft sträuben, — trotz allem in der Ehe gewöhnlich am unzufriedensten sind. In den letzten Jahren ist ein seltsamer Geist der Unruhe über die verheirateten Frauen gekommen, und sie rebellieren häufig gegen Bedingungen, über die zu murren unseren Großmüttern nie im Traume eingefallen wäre. Es gibt eine Menge Gründe dafür: der eine ist, daß die Ehe die Erwartungen der Frau sehr enttäuscht (wie ich in dem einleitenden Kapitel sagte). Ein anderer, daß sie sich nicht nach Frauenart ausleben können. Ich bitte genau die gesperrt gedruckten Worte „nach Frauenart“ zu beachten und mich freund­lichst nicht mißverstehen zu wollen. Ich bin nicht dafür, daß die allgemein den Männern zugebilligte Freiheit auch auf die Frauen ausgedehnt wird.

„Das Sichausleben“ dieser Art, anders gesagt, ein vorehelicher „Freiheitsrausch“, war gewiß keine Notwendigkeit für unsere Großmütter. Aber ein gewisser, ziemlich zahlreicher Typus moderner Frauen scheint bessere Gattinen abzugeben, wenn sie dieses Stadium hinter sich haben. Nehmt z.B. die Fälle von Yvonne und Yvette, die ich beide persönlich kenne. Yvette verlobte sich mit achtzehn Jahren und heiratete mit einundzwanzig, im Alter von sechsundzwanzig Jahren war sie Mutter von vier Kindern. Sie hatte kaum Zeit gehabt, die Jugend zu erkennen und zu genießen, ehe ihre Mädchenhaftigkeit unter den Verantwortlich­keiten der Ehe und der Mutter­schaft erstickt wurde. Sie hatte ihren ersten Bewerber genommen, und er war wirklich der einzige Mann, von dem sie irgend etwas wußte. Außer ihm hatte sie nichts von den Männern oder der Welt gesehen. Sie hat gewiß nie geflirtet oder Freunde gehabt, und keine andere Bewunderung genossen als die ihres Bräutigams.

Mit sechsundzwanzig Jahren begann Yvette zu erkennen, daß sie um einen sehr kostbaren Teil ihres Lebens und eine unschätzbare Erfahrung betrogen worden war. Obzwar sie eine recht glückliche Gattin und eine hingebungsvolle Mutter war, fühlte sie, daß sie diese Genüsse ebensosehr wie die häuslichen Freuden hätte haben können, und diese Erkenntnis empörte sie.

In ihr Herz schlich eine gefährliche Neugier und eine noch gefähr­lichere Sehnsucht nach Abenteuern und Erregungen. Sie erkannte, daß es auch noch andere Männer als Markus gab, die sie bewunderten, und daß sie noch eine ganz hübsche und junge Frau war. Mit dreißig Jahren war Yvette eine Meisterin in der Kunst der Intriguen, hatte einige gefährliche Herzensaffären eingefädelt und hätte großen Kummer heraufbeschworen, wenn nicht Markus ein besonders kluger, zärtlicher und verständnisvoller Gatte gewesen wäre.