Der Plan der Sparter, den Eheleuten nur verstohlene Zusammenkünfte zu gestatten, zeigt ein scharfes Verständnis für die menschliche Natur und hat viel für sich, wenn es sich darum handeln sollte, die Zeit der Leidenschaft zu verlängern. Aber wir haben es nicht mit der Leidenschaft zu tun, sondern mit der gewöhnlichen Zuneigung zwischen Leuten, die unter den erschwerenden Verhältnissen der modernen Ehe zu leben haben, und in diesen Verhältnissen muß man, was die durch die Gewohnheit hervorgebrachten Wunder anbetrifft, mit Dumas übereinstimmen.
Wenn die Leute es nur anerkennen wollten: die Gewohnheit ist der Kitt, der das Gebäude der Ehe zusammenhält. Wenn nur die leichteste Grundlage gegenseitiger Harmonie gegeben ist, so wird einem im Lauf der Jahre der Gefährte ganz unentbehrlich, und zwar nicht wegen seines Zaubers und der Liebe, die wir für ihn hegen, sondern einfach, weil er oder sie ein Teil unseres Lebens sind. Darum halte ich die Politik der steten Trennung für töricht. Sie basiert wohl auf der irrtümlichen Annahme, daß die Abwesenheit zärtlicher macht. Dort, wo die Grundlage gegenseitiger Harmonie nicht besteht, mag es richtig sein. Und wenn zwei Leute sich nicht mögen und schlecht miteinander auskommen, kann eine kurze Trennung dazu dienen, die Spannung zu lösen und sie mit dem Vorsatz zurückzuführen, in Zukunft die Dinge ruhiger zu nehmen; aber dort, wo eine Neigung besteht, scheint mir die Trennung ein Mißgriff. Man gewöhnt sich, ohne einander zu leben, und jene verbindende Kette kleiner täglicher Vertraulichkeiten, oft wiederholter Späße, teuer gewordener Gewohnheiten ist für eine Zeit entzweigerissen, und es ist nicht leicht, sie wieder zusammenzufügen. Meine Freundin Miranda sagte mir vor einiger Zeit: „Wenn Lysander einen Tag von mir weg war, habe ich ihm bei seiner Rückkehr eine Menge Sachen zu erzählen — aber wenn wir einen Monat getrennt waren, fällt mir absolut nichts ein, was ich ihm sagen könnte.“
Ich glaube de la Rochefoucauld sagt: „Die Trennung vertieft große Leidenschaften und vermindert kleine, gerade wie der Wind die Kerze auslöscht und das Feuer anfacht.“ Das ist vom literarischen Standpunkt aus sehr fein gesagt, aber ist es auch wahr? Meine Erfahrung sagt mir: nein. Während der Abwesenheit scheint dieses Aphorisma allerdings wahr zu sein. Die Enttäuschung kommt erst beim Wiedersehen. Wer erinnert sich nicht an jene erste Trennung von dem Geliebten, die zahllosen Briefe, die endlosen Gedanken, die unaufhörliche Sehnsucht und die unerschöpflichen Pläne für das herrliche Wiedersehen. Was für ein Wiedersehen das werden soll! Wie verweilt man in Gedanken bei der ersten lieblichen Freude, durch den Blick begehrt zu werden; bei der noch lieblicheren des Händedrucks und bei der lieblichsten von allen: wenn ein herrlicher Kuß die Lippen verschließt und die Umarmung nicht enden will, in deren Seligkeit alle Traurigkeiten der Trennung versinken sollen — und ach! Gelächter der Hölle! wie ganz anders ist es in Wirklichkeit! Was für eine abscheuliche Enttäuschung ist das Wiedersehen! Wie anders sieht der Liebste aus als in unseren leidenschaftlichen Träumen; seine Haare sind schon viel zu lang; seine Stiefel gefallen uns nicht; seine Krawatte ist nicht nach unserem Geschmack; seine Art zu sprechen gefällt uns gar nicht; in seinem Kuß ist kein Beben; seine Bemerkungen sind langweilig; seine Anwesenheit reizt einen: kurz und gut, wir haben uns daran gewöhnt, ohne ihn zu sein, und so erscheint uns nichts recht, was er tut. Armer Geliebter! Dachtest du dasselbe von uns? Bist du auch enttäuscht? Sagtest du dir auch: „Wie müde sie aussieht! Bei Gott, sie bekommt ein Doppelkinn! Ich dachte, rosa steht ihr gut! Was hat sie mit ihrem Haar angefangen? Ihre Stimme klingt schärfer. Warum lacht sie so? Ihre Zähne gefallen mir nicht. Bei Gott, sie ist häßlich!“ Kurz und gut, „er hat sich auch daran gewöhnt, ohne uns zu sein.“ Wenn die Gatten das einmal durchgemacht haben, dann gerät das Schiff ‚Eheglück‘ in gefährliche Strömungen, aus denen die Gefahr des Schiffbruchs drohend emportaucht.
Aber es ist ebenso verhängnisvoll, in das andere Extrem zu verfallen, und ich gebe jener Schriftstellerin (wie heißt sie?) ganz recht, die sagte, daß es in keinem Haus gut gehen könne, wenn die männlichen Mitglieder der Familie nicht mindestens täglich sechs Stunden auswärts sind, ausgenommen Sonntag. Ich bedaure jene Frau tief, deren Gatte durch seinen Beruf oder in Ermanglung eines solchen den ganzen Tag zu Hause ist. Wenn man außer seinem Frühstück und seinem Mittagessen noch seinen Lunch zusammenzustellen und anzuschaffen hat, so muß schon das eine harte Prüfung sein. Schon aus diesem Grunde — und noch so manchem anderen — sollte eine Frau nie einen Mann heiraten, der nicht irgend etwas zu tun hat. Wenn er keinen Broterwerb hat, der ihn aus dem Bannkreis der weiblichen Tätigkeit täglich für einige Stunden entfernt, dann muß er eine Passion haben oder eine Spielmanier oder sonstige, ihn in Anspruch nehmende Pflichten, die demselben Zweck dienen. Wo das nicht der Fall ist, da muß die Frau von übermenschlicher Güte sein und unendliche Liebe, Takt und Geduld besitzen, wenn beide glücklich miteinander leben sollen.
Dasselbe gilt auch für die Frauen, obzwar es nicht allgemein anerkannt ist. Ich bin davon überzeugt, daß eine große Anzahl der Ehen des Mittelstandes bloß deshalb unglücklich werden, weil die Frau nicht genug zu tun hat. Da sie genug Dienerschaft hat, so nehmen ihre Wirtschaftspflichten einen sehr kleinen Teil ihrer Mußestunden in Anspruch, und wenn die Kinder in der Schule sind (oder sie hat vielleicht keine), dann hat sie nichts Absorbierenderes zu tun als Romane zu lesen und Besuche zu machen. Die Folge davon ist, daß die einen ihre Nerven beobachten und halbinvalide Neurasthenikerinnen werden; die anderen sich für das männliche Geschlecht interessieren und ihre freie Zeit mit unerwünschten Liebeleien ausfüllen; daß die dritten sich Launen, melancholischen Stimmungen oder eifersüchtigen Phantasien hingeben usw. — und alle sind sie bloß aus Mangel an genügender Beschäftigung untauglich geworden, die richtige Lebensgefährtin des Mannes zu sein.
[ III.] Das Heiratsalter
„Das Merkwürdige für mich ist nicht, daß so viele Leute unverheiratet bleiben, sondern, daß sich so viele in die Ehe stürzen, wie sie auf eine Bahnstation losstürzen würden, um einen Zug zu erreichen. Wenn man den falschen Zug erwischt, was dann? Alles, was einem zum Troste bleibt, ist die Tatsache, daß man gereist ist.“ Robert Hichens.
Eine große Zahl unglücklicher Ehen könnte vermieden werden, wenn die Leute das richtige Heiratsalter finden könnten. Da es bei jedem Individuum ein andres ist, kann man unmöglich eine Regel darüber festlegen. Manche Männer sind imstande, mit zweiundzwanzig Jahren eine gute Wahl zu treffen, andere wieder kennen sich selbst nicht einmal, wenn sie doppelt so alt sind. Manche Mädchen sind schon unter zwanzig Jahren für den Ehestand und die Mutterschaft geeignet, andere sind es nie.
Im Interesse der abstrakten Moral sind frühe Heiraten wünschenswert, und in England tut das Gesetz alles, was es nur kann, um sie zu ermuntern. In Frankreich wird die Erhaltung der Familienautorität als hochwichtig betrachtet, und das Gesetz versucht augenscheinlich, frühe Verbindungen durch alle ihm zu Gebote stehenden Mittel zu verhindern, unbekümmert um den hohen Prozentsatz der unehelichen Geburten, welche die direkte Folge davon ist[1].
Im allgemeinen sollte keine Frau heiraten, ehe sie nicht etwas vom Leben versteht, eine Menge Männer kennen gelernt hat, eine gewisse Kenntnis der Physiologie und ein klares Verständnis des wirklichen Wesens der Ehe gewonnen hat. Keine Frau sollte heiraten, ehe sie nicht den Wert des Geldes und die Führung des Haushalts kennen gelernt hat, ehe sie nicht genügend jugendliche Heiterkeit erfahren hat, und so vorbereitet ist für die ernsteren Dinge des Lebens. Nicht früher ist sie geeignet, in der Einförmigkeit der Ehe glücklich zu sein, und ihr Herz der Notwendigkeit der Treue für einen Mann, in Gedanken ebenso sehr als in der Praxis, anzupassen. Auch der Mann ist, im großen und ganzen genommen, nicht geeignet, sich glücklich zu verheiraten, ehe er nicht genügend vom Leben gesehen, sich eine Philosophie ausgearbeitet, und eine tüchtige Kenntnis der Frauen sowie das daraus folgende Verständnis erworben hat, wie man eine Frau glücklich macht. Das ist nicht so leicht geschehen, wie die Männer glauben, und es verlangt Lehrzeit. Wenige Männer unter dreißig sind geeignet, eines Weibes Hort zu sein, und der Himmel bewahre ein Mädchen vor einem jungen Gatten, der noch ein Bengel ist. Gewiß wird sie herrliche Augenblicke haben, denn es liegt etwas Berauschendes in der Glut sehr junger Herzen, und darum finden wir die Ehen zwischen Jünglingen und ganz jungen Mädchen so reizend — in der Theorie. Manchmal, wenn es sich um ein Ausnahmspaar handelt, das besonders gut zueinander paßt, ist so eine Ehe auch wirklich reizend, und dann ist es die schönste Ehe, die man sich denken kann: zwei junge Leute, Hand in Hand die Lebensreise antretend, tapfer, liebend, von den höchsten Hoffnungen geschwellt. Aber gewöhnlich ist die Herrlichkeit nur auf Augenblicke beschränkt; junge Mädchen sind zumeist seicht und leichtfertig. Sehr junge Männer sind oft schrecklich egoistisch und rücksichtslos. Sie sind so stolz darauf, der einzige Besitzer eines reizvollen Weibes zu sein, daß ihre Einbildung, die immer groß ist, zu ungeheuerlichen Proportionen anschwillt, und sie einfach unerträglich werden. Wenn für das junge Paar trübe Tage kommen sollten, hat der knabenhafte Gatte keine Philosophie, um sich aufrecht zu erhalten, keine Kenntnis der Frauen, die ihn befähigen könnte, seine Frau zu verstehen und mit ihr glücklich zu leben, und nicht genug Selbstbeherrschung, um ihr zu helfen. Sie hat dieselben Fehler der Jugend, und das Resultat ist das Fehlschlagen der Ehe. Stevenson drückt das sehr gut wie folgt aus: „In die Schule könnt ihr gut mit bloßen Hoffnungen gehen, aber bevor ihr heiratet, solltet ihr Euch die vielfältigen Lehren, die das Leben gibt, angeeignet haben.“ Andererseits sagt Grant Allen, „daß die besten Männer sozusagen verheiratet auf die Welt kommen“, und daß nur der egoistische, niedrige und berechnende Mann mit dem Heiraten wartet, bis er eine Frau erhalten kann. „Diese gemeine Phrase bemäntelt kaum verborgene Untiefen von Sittenverderbnis“, fährt er fort. „Der richtige Mann klügelt nicht mit sich selbst über alle diese Dinge. Er sagt nicht mit selbstsüchtiger Kälte: ‚Ich kann eine Frau nicht erhalten‘ oder: ‚Wenn ich heirate, verderbe ich mir die ganze Zukunft‘; er fühlt und handelt. Er paart sich wie der Vogel, weil er nicht anders kann.“