Unter den vielen niedrigen Ursachen der Reibung in der Ehe bildet die verschiedene Empfind­lichkeit gegen Temperaturen ganz gewiß eine sehr reiche Quelle von Zwistigkeiten. Wenn der eine bei offenem Fenster zusammenschaudert und der andere ein Freiluftfanatiker ist und nicht atmen kann, wenn es geschlossen ist, dann ist eine Kette von Unglücks­möglichkeiten die Folge davon. Ich glaube, es war Napoleons zweite Frau, Marie Louise, die sich, wenn sie wollte, ihren Gatten fernhalten konnte, bloß dadurch, daß sie ihre Gemächer kalt hielt. Dem großen Mann war es nur gemütlich in einem sehr heißen Zimmer mit einem flackernden Kaminfeuer.

Der Mangel an Humor, etwas sehr Bedauerliches, ist noch eines jener winzigen Felsenriffe, an denen das eheliche Glück so oft scheitert. Das ist ganz natürlich, denn die Abwesenheit dieser unschätzbaren Eigenschaft gehört zu den ärgsten Entbehrungen eines Reisenden auf der Fahrt durch das Leben. Unter den Männern ist die Überzeugung verbreitet, daß alle Frauen unter diesem Mangel leiden, aber ich glaube, wir können es uns leisten, ihnen diese Täuschung zu belassen, da sie ihnen so viel Befriedigung bereitet. Ich hatte einmal einen journalistischen Freund mit einer schrecklich unverdau­lichen und außergewöhnlich betrübenden literarischen Gewohnheit. Dieser arme Teufel bildete sich ein, ein Humorist zu sein, und ich mußte oft das Vorlesen vieler Seiten voll trostloser und mühseligster Scherze über mich ergehen lassen, die er für ein Blendwerk an Witz und Geist hielt. Mein geduldiges, langmütiges Zuhören verschaffte meinem obgesagten mangelhaften Verständnis für Humor nur bitteren Hohn, aber meine Kritik inspirierte den jungen Mann zur Abfassung eines zynischen Artikels über „die Frauen und den Humor“, eines Artikels von jener Sorte, an der die Verleger — da sie Männer sind — Gefallen finden und daher schweres Geld dafür bezahlen.

Tatsache ist, daß das, was die Männer zumeist unterhält, die Frauen langweilt und umgekehrt. Aber es ist gewiß unlogisch, daraus abzuleiten, daß der Sinn für Humor bei den Frauen geringer ist als bei den Männern, oder daß er gar nicht besteht. Da jedoch diese scheinbar so unbedeutende Sache von solcher Bedeutung im ganzen Leben ist, gleichviel ob es in einem Palast, in einem Kloster, in einer Villa oder einem Arbeiterhaus dahinfließt, so glaube ich, eine Frau täte gut daran, Heiterkeit zu heucheln, wenn sie keine fühlt, mit ihrem Herrn und Gebieter zu lachen, selbst wenn sie die Pointe nicht versteht und sich nichts daraus zu machen, wenn er nicht mit ihr lacht.

Die Leute, die über die Ehe geschrieben haben, scheinen diesem wichtigen Punkt keine Bedeutung beigemessen zu haben. Stevenson bildet eine Ausnahme, er sagt: „Wenn die Leute über denselben Spaß lachen oder so manchen alten Scherz gemeinsam haben, der durch die Zeit nicht verblaßt und die Gewohnheit nicht flau wird, so wird das — mit Verlaub gesagt — eine bessere Vorbereitung für das gemein­schaftliche Leben sein, als so manche Dinge, die in der Welt einen edleren Klang haben. Man kann, wenn man will, Kant für sich allein lesen, aber einen Scherz muß man mit jemandem teilen.“

Und wirklich bildet ein gemein­schaft­licher Scherz, eine alte Anspielung, über die beide zu lachen gewohnt sind, ein mächtigeres Band als so manches tiefere Gefühl. Man erinnert sich an diese Kleinigkeiten noch lange, nachdem man die ergreifendsten Augenblicke der Leiden­schaft, den atemraubenden Herzschlag und die stürmischen Umarmungen vergessen hat, die einst unsterbliche Erinnerungen zu geben versprachen. Alles, alles ist vergessen, aber der dumme kleine Spaß hat noch immer die Macht, Tränen in unsere Augen zu locken, wenn der eine, mit dem wir den Scherz durchlebt haben, für immer dahin ist.

Eine Menge Leute sind unglücklich, die mit einem anderen Gefährten oder einer anderen Gefährtin ganz glücklich geworden wären. „In der Ungleichheit der Temperamente liegt die Hauptursache des Unglücks in der Ehe. Mangelnde Harmonie der Geschmacks­richtungen macht viel aus, aber das Nichtzusammen­passen des Temperaments noch mehr“. Manches Paar paßt so lächerlich schlecht zusammen, daß man sich wundert, wie sie je davon geträumt haben können, das Glück beieinander zu finden. Daran sind wieder zumeist die unsinnigen konventionellen Sitten schuld, die das gegenseitige Kennenlernen der ledigen Männer und Frauen so sehr erschweren. Es ist jedoch in dieser Hinsicht während der letzten zehn oder zwanzig Jahre um soviel besser geworden, daß wir nicht murren sollten; aber selbst jetzt, wenn ein Mann dem Beisammensein mit einem Mädchen den entschiedenen Vorzug gibt, wird sein Name in einer Weise mit dem ihren verknüpft, die einen jungen, aller Eheabsicht ermangelnden Mann in Unruhe zu versetzen geeignet ist. Jene Reliquie aus alten Zeiten, der nach den „ernsten Absichten“ fragende Verwandte, ist durchaus nicht ausgestorben, und so manche vielversprechende Freund­schaften, die vielleicht in einer glücklichen Ehe geendet hätten, sind durch das plumpe Eingreifen dieses barbarischen Verwandten verdorben worden.

Ein mir befreundeter Rechtsanwalt — nennen wir ihn Anthony — versuchte einst aus Berufsrücksichten, sich einem töchterreichen Gerichtsrat angenehm zu machen. Da er sehr schlau war, wählte er für seine Aufmerksamkeiten eines der Mädchen, die noch in der Schulstube steckten, und entging so der Notwendigkeit, ihren ältern und heiratsfähigen Schwestern ein besonderes Interesse zu zeigen. Sein vertrauter Verkehr in der Familie machte gute Fortschritte, und der Vater wurde ihm ein sehr nützlicher Chef. Jedoch entdeckte er mit der Zeit zu seinem Mißvergnügen, daß seine kleine Freundin Amaryllis herangewachsen war und er in der Familie als ihr besonderes Besitztum betrachtet wurde. Nun übertrug er rasch seine Anhäng­lichkeit auf Aphrodite, das damals jüngste Schulmädchen der Familie, und dadurch rettete er sich vor den Verpflichtungen gegen Amaryllis, wahrte sich aber doch gleichzeitig die wertvolle Freund­schaft des Vaters. In einer unglaublich kurzen Zeit war jedoch Aphrodite auch heiratsfähig, und die Familie erwartete neuerdings, sich Anthony als ständiges Familienmitglied zu sichern. Er führte wieder dasselbe Manöver aus und wählte diesmal die kleine Andromeda, die direkt ein Kind aus der Kinderstube war. Obzwar die Familie enttäuscht war, hegte sie noch Hoffnungen und so gingen die Jahre friedvoll dahin, brachten einige Schwiegersöhne mit sich und eine Menge Bonbonnièren für die harmlose Andromeda. Als jedoch auch diese heranwuchs, fürchtete der schlaue Anthony, daß seine einträgliche Freund­schaft nun unvermeidlich ein Ende haben müsse, da die einzige übrigbleibende Tochter schon das gefährliche Alter von fünfzehn Jahren erreichte und überdies den unsympathischen Namen Anactoria trug.

Eine lange Freund­schaft und eine kurze Verlobung sind vielleicht die beste Zusammenstellung. Eine lange Verlobung gehört zu den gefähr­lichsten Beziehungen zwischen den Geschlechtern, die man sich denken kann. Für die Frau bedeutet sie die Nachteile der Ehe ohne deren Reiz eines ruhevollen Abschlußstadiums oder irgendwelche Vorteile der Welt gegenüber. Für den Mann wieder bedeutet sie die Lästigkeit des Ehejochs ohne seine Befriedigung und sein Behagen. Wirklich, für den Mann ist eine lange Verlobung besonders hart, da der Frau wenigstens die Last der Anordnung der Speisen und der Beschäftigung mit der Diener­schaft erspart bleibt. So manche wahre Neigung ist schon durch die Einschränkungen und Aufreibungen einer langen Verlobung zugrunde gerichtet worden. So manche echte Leiden­schaft ist in ihrem trüben Lauf versandet, bis nur ein schwacher Schimmer der großen Flamme übrig blieb, um das Eheleben zu erhellen, und Mann und Frau das Zeichen der niedergehaltenen Glut tragen, welche unter glücklicheren Umständen zu freudigem Genießen geführt hätte. Auch ihren Kindern fehlt es oft an Lebenskraft, und man merkt ihnen an, daß die Glut erlosch, bevor sie gezeugt wurden.

Ich weiß nicht, wer zuerst das Wort von der „schrecklichen Intimität des Ehelebens“ geprägt hat. Es ist gewiß ein richtiger Ausdruck, und man möchte wissen, zu welcher Zeit der Geschichte der Menschen man begonnen hat, diese Intimität „schrecklich“ zu finden. Es klingt wie eine recht moderne Klage, und man fühlt, daß sie nicht von unseren Großmüttern geäußert wurde, die ihre Gatten als eine Art sichtbare Verkörperung des Willens des Herrn betrachteten und dementsprechend verehrten. Es würde ihnen nie beigekommen sein, das lästig zu finden, was Mrs. Lynn Linton die „enge Stuben­abgeschlossenheit des englischen Heims“ nennt.

Es ist viel über die Herabwürdigung der Liebe durch die Gewohnheit gesprochen worden, und Alexander Dumas beurteilt die ganze Frage erschöpfend in einem kristallklaren Satz: „Wo in der Ehe Liebe ist, tötet die Gewohnheit sie; doch wo keine ist, da ruft sie sie wach.“ Das ist durch und durch wahr und für jede Leiden­schaft, welche die Gewohnheit ertötet hat, hat sie wohl umsomehr echte Neigungen hervorgerufen.