»Einstmals, da ich bei euch geträumt, erfuhr ich in meinem Herzen dies: schöner als eine schöne Tat, schöner noch sei ein schöner Gedanke. Und soll nun dennoch sterben. Schön ist der Leib, aber es tut besser, daß er leide denn der Geist. Hätt’ ich von euch gelassen, wie hätte das ewig meine Seele betrübt! Und mein Tod jetzt kann euere Heiterkeit nicht verdunkeln, denn nur den Vorhof eueres Tempels soll mein verschüttetes Blut färben . . . .«
Und sie neigte sich nach den inneren Höfen, darin Tauben von Korn zu Korn sprangen; sah auf die Pflanzen, auf die Tiere und auf das Leben, das ihr nie etwas war, und diese letzte Sekunde schien ihr ein Köstliches.
Und sie tat einen Schleier über ihr Antlitz und erschien vor den Augen des Volks auf der hohen Treppe.
Die Menge flutete vor ihr zurück, denn ihr Schreiten war einer Göttin Schreiten, und keiner sah ihre Lippen von Blut leer. Und aber ihre Kräfte verließen sie vor ihrem Mut, und ohnmächtig stürzte sie auf die Steine.
Und wie die Kinnladen eines reißenden Tiers schloß sich der Pöbel neu . . . . die Gliedmaßen der Jungfrau zermalmt . . . . und unter ihren Helmen und unter ihren Adlern grinsten die Barbaren zu dem Blutraub und Mord und besudelten die Majestät des Kaiserreichs und das Bahrtuch der Antike.
Auf den Abend, während Alexandrien, die Verräterin der alten Jahrhunderte, sich in Fieberschrecken wälzte und schrie, wie mit dem Tode Ringende schrein oder Gebärende, lasen Amaryllis und Lucius die heiligen Gebeine der Jungfrau des Serapis auf.
So ließ unter den Fäusten Fanatischer und angesichts der Barbaren die letzte der Hellenen ihr Leben für ihren Glauben; und nur eine Dirne und ein Wüstling waren es, die ihre letzten Minuten ehrten. . . . Doch was verschlägt das dir, du unvergänglich Reine! weit über jenen blinden Pöbel siegte und viele kommende peinliche Jahrhunderte überdauerte dein heiliges Sterben, und die Enkelkinder jener, die zu deinem Märtyrertum grinsten, knien vor dir — schamrot über ihre Väter — und beten zu dir um Vergebung . . . . und das Dunkle und Wirre, das jene von einst gegen deine Heiterkeit aufreizte, drängt die Edelsten von heut’, zum elfenbeinernen Turm zu flüchten und dein Leben und deine Lehre anzuschaun.
ARKADIA
EIN JAHRBUCH
FÜR DICHTKUNST
HERAUSGEGEBEN VON MAX BROD
BUCHAUSSTATTUNG VON E. R. WEISS