Nur von uns sei Böses, vermeinen sie; aber sie selber

Schaffen durch Unverstand, auch gegen Geschick, sich das Elend.

und bezieht sich dann darauf, daß selbst er mit den Warnungen, die er durch Hermes hinabsandte, den Aigisthos nicht verhindert habe, Klytemnästra zu ehelichen und Agamemnon zu töten. Wenn die Menschen außerdem noch das passiv wirkende Schicksal nehmen und Gottheiten, die nach Laune entscheiden, so wird eine besondere Gottheit für das Schlimme entbehrlich. Bei den Griechen und Römern zeigt sich dieses am deutlichsten. Dann bei den Babyloniern, den Germanen (denn Loki ist nicht eigentlich das Prinzip des Bösen, nur Wagner hat ihn dazu in dem genialen Loge gemacht) u. a. Die Ägypter haben im Set ein solches Prinzip, aber nicht entfernt von der Großartigkeit und Bedeutung des Ahriman. Er ist auch nicht das Prinzip des moralisch Bösen, eher das des Naturverderblichen, wie sein Verhalten gegen Osiris zeigt. Auch der Indier Çiva und ihre Kali sind wie Set mehr Prinzipe der Vernichtung als des Bösen, und Çivas Natur ist keineswegs eine entschiedene, sie zeigt sich auch schaffend, wie Wischnu-Krishna Schöpfer und auch Vernichter ist. Überhaupt müssen wir das Vernichtende von dem eigentlich Bösen scheiden. Ahriman ist vernichtend und böse, die entsprechenden Gottheiten anderer Völker, wo solche vorhanden, sind nur oder fast nur vernichtend. Sie sind nicht einmal immer oder nicht ausschließlich Unterweltsgottheiten wie Ahriman, sie stehen nur mit der Unterwelt in Verbindung. Die Eranier haben das böse Prinzip mit als Gottheit anerkannt, weil sie den Monotheismus des guten Prinzips nicht durchzuführen wußten. Und sie sind wenigstens konsequent darin gewesen, indem sie ihm fast die Größe und Macht gegeben haben wie dem guten Prinzip. Unberührt davon bleibt ihr sonstiger Polytheismus, der teils die Naturerscheinungen betrifft (Sonne, Wetter, Himmel usf.), teils mehr begriffliche Dinge und Dinge der Anschauung, wie in den Amesha Çpenta: Herrschaft, Weisheit, Unsterblichkeit usf.; Raum, Zeit, Kraft, Stoff usf. Die Bedeutung des Kampfes zwischen Gut und Böse wird uns aber später noch viel beschäftigen. Denn auf einer anderen Stufe, auf der das Böse in das „Fleisch“ verlegt wird, tritt das Leben in Kampf mit der Materie, und die Anschauung gewinnt ein philosophisch-naturwissenschaftliches Gepräge, trotz ihrer Bedeutung für das Ethische, und sie geht auf das All, seinen Zweck, seine Entwicklung und sein Ende.

18. Monotheistische Anschauungen.

Der Monotheismus bildet eine Religionsanschauung, die — wenn außerordentliches Wirken und Walten in Frage kommen soll —, dem Gedanken die höchste ist. Die Erfahrung hat aber gelehrt, daß es zugleich diejenige Anschauung ist, welcher der Mensch am heftigsten und am meisten widerstrebt. Der Einzige ist dem Menschen zu übergeordnet, zu unnahbar. Und leitet Einer alles im All, so hat er nicht nur Unzähliges zu versorgen, sondern auch Unzähliges nach unzähligen Richtungen. Wie sollte das Individuum dabei mit seinen Sonderwünschen Berücksichtigung finden! Der Allgott kann nicht Hausgott sein, kaum Volksgott. So wenigstens spricht es allgemein im Menschen. Wir sehen denn auch geschichtlich, daß keine monotheistische Anschauung auf dem Wege der Entwicklung erstanden ist, daß alle, die wir kennen, von bestimmten Personen ins Leben gerufen sind ([S. 81]), von Menschen, die gewaltigen Geistes den Gang der Entwicklung unterbrochen haben und die Menschheit in Bahnen leiteten, die ihr ganz fremd gewesen sind, denen sie höchst widerwillig folgte, die sie bei jeder Gelegenheit verlassen hat, und die sie noch heute scheuend möglichst meidet. Daraus schon kann man schließen, daß der Monotheismus nicht aus irgendeinem Polytheismus sich sublimiert hat. Aber ein noch stärkeres Argument besteht in folgendem. Wir kennen keine einzige polytheistische Anschauung, in der nicht neben dem männlichen Prinzip das weibliche vertreten wäre, und zwar nicht etwa bloß untergeordnet nebenbei, sondern meist durchaus nebengeordnet und hauptsächlich. Istar ist ein absolutes Hindernis für eine Monotheisierung der babylonischen Anschauungen, Hathor oder Isis für eine solche der ägyptischen, Dione, Hera, Athena für eine solche der griechischen, usf. durch ausnahmslos alle wirklich polytheistischen Anschauungen. Im ältesten Monotheismus, der Grundlage für alle anderen entsprechenden Anschauungen, findet sich auch nicht die leiseste Spur eines weiblichen Prinzips neben dem männlichen. Ich habe schon bemerkt, daß polytheistische Anschauungen nicht einmal zu einem wirklichen Henotheismus geführt haben. Jetzt sehen wir, daß sie dahin auch gar nicht führen können. Sie vermögen nur bis zu einem Duismus, zu einem Gottheitpaar (unterschieden vom Dualismus der Gegengottheiten der Eranier) aufzusteigen, nicht zu einem einzigen Gott. Gäbe es polytheistische Anschauungen ohne ein weibliches Prinzip, so wäre ein solches Aufsteigen, wenn auch, nach der Art des Menschen, nicht wahrscheinlich, doch wenigstens möglich. Solche Anschauungen aber hat kein Polytheismus ausgebildet. Das gewaltige Hindernis des weiblichen Prinzips für wirklichen Monotheismus hat auch der ebenso große Orientalist wie außerordentliche Babylonierbewunderer F. Delitzsch anerkannt. Wenn er und andere, wie namentlich der so verdienstvolle Pfarrer Jeremias, wenigstens von „monotheistischen Unterströmungen“ bei gewissen Völkern, namentlich aber den Babyloniern, sprechen, so muß es richtiger „henotheistische Unterströmungen“ heißen. Was Friedrich Delitzsch sagt, muß ich anführen („Babel und Bibel“, erster Vortrag 1905, S. 81 f., Anmerkung 42). Seine babylonischen Zitate gebe ich aber in Übersetzung nach Greßmann („Altbabylonische Texte“) und vollständig, damit der Leser selbst urteilen kann. Der Text — als Tafel des Kudurru Sohnes des Mastukku unterzeichnet und als kollationierte Kopie eines älteren Textes angegeben — ist neubabylonisch; aus welcher Zeit er stammt, ist nicht entschieden. Greßmanns Übersetzung ist insofern nicht vollständig, als vor dem Namen die Bezeichnung „Gott“ (il) fehlt. Die Formel lautet immer: „Gott (Name) ist Marduk in bezug auf...“ Nur dreizehn Götter sind lesbar: Tu, Lugal-Akila, Ninib, Nergal, Zamama, Ellil, Nabium, Sin, Samas, Adad, Tishu, Râbu, Sukamuna. Diese also sind Marduk mit Bezug auf: Pflanzung, Quelltiefe, Kampf, Schlacht, Herrschaft und Entscheidung, Erleuchtung der Nacht, Recht, Regen, Heer,?, Bewässerungsröhren. Auf der Rückseite als Fortsetzung können wir noch fünf Zeilen wenigstens teilweise lesen, nach der Formel: Eigenschaftsname (Untersucher, Üppiger sind noch zu entziffern), Bild, Göttername. Darunter steht: „Zusammen acht Bilder der großen Götter“; Zamama, Nabium, Nergal, Sulmânu, Pabilsag sind als solche Götter noch zu entziffern. Diese Rückseite, die drei Namen enthält, die auch auf der Vorderseite stehen und die von demselben Schreiber herrührt, läßt keinen Zweifel, daß es sich überall um Götter, mindestens zum Teil sogar um große Götter handelt, falls die Vorzeichnung il = Gott zur Feststellung noch nicht ausreichen sollte. Also ist Marduk einfach diese Götter, er hat ihre Verrichtungen. Friedrich Delitzsch sagt nun: „Marduk ist sowohl Ninib als Nergal; sowohl Mondgott wie Sonnengott usw.“ Das von ihm sogar gesperrt gesetzte „ist“ steht nicht im Text, bei Greßmann ist es als von ihm zugesetzte Erläuterung in Klammern getan. Doch mag das sein. Wie darf man aber aus einer solchen Festsetzung schließen, daß der biblische Monotheismus babylonisch ist? Es kommt hier nicht darauf an, daß es sich gerade um Bibel und Babel handelt, sondern ob jene Festsetzung einen Monotheismus bedeutet. Da ist es mir schwer begreiflich, wie man den Charakter des Monotheismus so verkennen kann. Im Monotheismus ist Gott weder Sonnengott, noch Mondgott, noch überhaupt ein Erscheinungsgott. Wir haben hier Jehova als Beispiel. Wo steht in der Bibel auch nur ein Wort davon, daß Jehova Sonnengott, Mondgott, Pflanzengott, Besitzgott usf., sogar Bewässerungsröhrengott ist? Gott steht im Monotheismus über alle Welt, er ist nichts von dem in der Welt; er schafft die ganze Welt (in der Bibel einfach durch Befehl) und regiert die ganze Welt. Marduk, selbst in der Deutung durch Delitzsch, ist nichts weiter als so und so viele Götter bestimmter Gegenstände und Erscheinungen, die der betreffende Verfasser des Textes sogar sämtlich aufzuführen sich gezwungen sieht, gewisse acht „großen Götter“ (als Bilder) zusammenzählend. Das steht tief selbst unter der Auffassung, die die Griechen von Zeus hatten, den sie ja auch Zeus-Helios, Zeus-Hades nennen und der ihr Gottherrscher gewesen ist. Und was sagen alles die Ägypter von fast jedem ihrer Götter aus, und wie außerordentlich viel Höheres und Umfassenderes! Delitzsch schwächt im Laufe seiner Auseinandersetzung seine Ansicht auch ab, indem er meint: „Es läßt sich, soweit dieser Text in Betracht kommt, höchstens von einer monotheistischen Unterströmung reden.“ Ich selbst glaube, kaum von einer henotheistischen Unterströmung. Ich darf mich mit diesen Auseinandersetzungen begnügen, aus denen wohl hinreichend erhellt, was unter Monotheismus zu verstehen ist und wie er sich zu Polytheismus und Henotheismus verhält. Von den monotheistischen Anschauungen braucht nichts gesagt zu werden; wir sind alle in ihnen erzogen. Und worin wir dabei mit uns selbst in Kampf geraten, das gehört vor das Forum des Philosophisch-Naturwissenschaftlichen. Dahin — wenn nicht in das Gebiet der Gedankenunfähigkeit oder Gedankenträgheit — gehört auch, was über Atheismus zu sagen wäre, denn Atheismus als Religionsanschauung ist natürlich ein Widerspruch in sich und hat auch nie existiert.

19. Anschauungen von Welt, Menschheit und Weltkatastrophen.

Die mythischen und sagenhaften Anschauungen über die Entstehung der Welt und des Menschen habe ich in meinem besonderen Buche hierüber dargestellt. Manches ist hier wiederholt, ergänzt und weitergeführt, jedoch nur soweit der Zweck dieses Buches es erforderte. Von allgemeinerer menschlicher Bedeutung ist dabei die Annahme eines Urwesens oder mehrerer Urwesen. Wo nur ein Urwesen in Frage kommt, ist es Gott, Rā, Jehova oder Brahma. Ob Nun (auch Ptah, Rā, Amun usf.) der Ägypter Gott oder Urmaterie (Urwasser) bedeutet, ist nicht zu entscheiden. Als „Vater der Götter“, als das er in einem Tempel aus der Zeit Seti I. bezeichnet und mit Federn auf dem Haupte (Zeichen der Beseelung) und der Geißel in der Hand (Zeichen der Leitung) dargestellt ist, möchte man ihn für Gott halten, zumal er auch „nutr“ heißt. Ebenso wenn er der „Herr der Acht“ ([S. 132]) und unmittelbar „Schöpfer“ genannt wird. Aber Nun heißt auch der Nil zur Zeit seines höchsten Standes, und sogar das Meer; Brugsch bringt Belege dafür. So wird es sich wohl um eine Urmaterie in Verbindung mit einem Urgeist handeln, was der pandeisierenden Richtung der ägyptischen Anschauungen ([S. 228]) entspricht. Bei zwei und mehr Urwesen kann es sich nur um Gottheiten handeln, oder um Gottheiten in Verbindung mit Materie. Auch hier sind die Anschauungen nicht immer gesichert. Was sind Okeanos und Tethys, Gottheiten oder Urwasser und Urkraft? Homer spricht von ihnen wie von Personen, doch von Okeanos sicher auch wie von einem Weltstrome. Und Chaos und Ge, Tartaros und Eros? Chaos möchte man für Urmaterie halten, doch zeugt Chaos die Finsternis (ἔρεβος) und die Nacht (νύξ). Tartaros scheint mehr ein Begriff zu sein, wie etwa Unendlichkeit; später ist es ein Ort. Ge, Gaia, trägt die Züge einer Göttin, außerdem ist es freilich auch die klobige Erde. Nur Eros ist lediglich Gottheit bei Hesiod, hat aber hier gar keine kosmogonische Bedeutung. Die Eranier kannten außer den Gottheiten Ormuzd und Ahriman noch vier andere kosmogonische Urwesen: Twasha, Zrwana akarana, Anaghra raocâo, Anaghra temâa, die als Raum, Zeit, Licht, Finsternis gedeutet werden; die beiden letzteren sollen auch Kraft und Materie darstellen. Sind auch die Amesha Çpenta, zu denen Vohumano, Ashavahista, Kshatra, Aurwatat, Ameretat, Armaiti gehören, als Urwesen aufzufassen, so kämen noch Eigenschaften hinzu: Erhaltung, Wahrheit, Ordnung (Herrschaft), Vollkommenheit, Unsterblichkeit, Weisheit. Die Eranier hätten dann freilich alles, was zur Schaffung, Ordnung, Wirkung und Leitung einer Welt gehört, schon im voraus angenommen. Den Germanen galten als Urwesen eine Gottheit und Materie, da die Götter Burs Söhne heißen, und aus Ymir, dem Riesen, die Welt gebaut wird, wie bei den Indiern aus Purusha (Person). Ob die Hebräer außer Jehova auch die Materie als Urwesen ansahen, ist nicht sicher. Es ist nicht nötig, den ganzen Erdball zu durchwandern, wir finden immer Urwesen gleich den hervorgehobenen, bald in dieser, bald in jener Zusammensetzung. Manche Völker haben je nach der Lehre verschiedene Arten von Urwesen angenommen, wie besonders die Indier, außer dem absolut Seienden und dem absolut Sinnenden, Tad und Tapas, auch persönliche Gottheiten und persönliche Weltwerkmeister (z. B. Varuna) und Weltmaterie (was ja Purusha ist). Die noch vor zehn Jahren Modernen haben es versucht, den alten Indiern nachzutun und dichterisch die Welt aus sich zu schaffen. Da wir uns schon so lange mit schwierigen und ernsten Dingen beschäftigen und noch schwierigere und ernstere Dinge uns bevorstehen, darf ich vielleicht auch für das Vergnügen des Lesers etwas tun, indem ich ein Gedicht, das die Kreuzzeitung vor mehreren Jahren aus gleichem Grunde mitgeteilt hat, nachdrucke. Der Dichter heißt — ich will’s lieber nicht sagen.

Im Donnersang, da ich erschuf das Meer,

War seine Schöpfung alt, schon tausend Jahre her,

Und ich selber uralt,