Andere Völker haben auch Gottheiten, die die Sitte wahren, wie die Germanen Freyr, Freia und Fricka, aber nicht ganz von der Bedeutung und der Hoheit der behandelten. Bei manchen finden sich „Söhne“ der Gottheiten, wie Söhne des Rā in Ägypten, die Sonnensöhne des Inkalandes, die Himmelssöhne des Reiches der Mitte, die Nachkommen der Amaterasu in Japan. Dann haben diese als Fürsten und Herrscher die Bedeutung ethischer Gottheiten, neben ihren sonstigen göttlichen Eigenschaften. Ethos wird dann freilich meist von diesen Herrschern definiert. Und wenn dabei Eigennutz, Grausamkeit, Schwäche und Urteilslosigkeit mitspielen, so ist das Volk dieses auch von seinen Gottheiten gewöhnt. Aber Ordnung schafft diese Anschauung. Und mitunter in so bewunderungswürdiger Weise wie in Peru, da der Mensch über den Menschen mehr unmittelbare Macht hat als die Gottheit, er also jeden zu seinem willenlosen Sklaven zwingen kann. Später tritt das Gesetz als diese Gottheit auf und die gesellschaftliche Sitte; die Gesamtheit ist die Exekutive, oder Organe sind es, die bestellt sind. Keine höhere Stufe aber gibt es, als wenn das sokratische Daimonion in uns wohnt, wir das Ethos aus uns selbst schöpfen.

Wir kommen zu der letzten Klasse von Gottheiten, zu den Begriffsgottheiten. Es versteht sich von selbst, daß je höher die Gedanken von den Gottheiten steigen — ohne daß diese Gottheiten in das All selbst einverleibt werden, was der Pandeismus vollbringt, dessen Betrachtung später folgt —, diese um so mehr der irdisch-menschlichen Eigenheiten, Eigenschaften entkleidet werden. So nähern sie sich stetig dem rein Begrifflichen, und das Persönliche macht sich nur noch in der Art des Begrifflichen geltend, und darin, daß auch dem Begrifflichen Wirkung zugeschrieben wird. Die Indier allein haben es hier zur letzten Konsequenz gebracht. Ihre begriffliche Urgottheit ist Tad, nichts weiter als Das ohne jede Eigenschaft; nicht einmal Sein oder Nichtsein wird diesem reinen Begriff zugesprochen. Doch weil mit einem solchen einzelnen Begriff absolut nichts anzufangen ist, haben die Indier freilich noch andere Begriffsgottheiten eingeführt, wir das Wort oder der Spruch oder der Gedanke, die Ordnung, das Opfer. Ist die Welt vorhanden, so können diese Dinge als weltregierende Prinzipe angesehen werden, die Prinzipe sind vergottheitet. Mußte die Welt jedoch erst geschaffen werden, so ist den Begriffen eine tätige Macht zuzuschreiben. Davor sind die Indier nicht zurückgeschreckt, sie sind konsequenter gewesen als Platon, zwischen dessen Ideen und den Dingen eine unüberbrückbare Kluft besteht. Die Begriffe wirken wie der Logos, λόγος, von dem wir noch zu sprechen haben, und sie werden auch so persönlich gefaßt wie dieser λόγος. Andeutungen einer solchen Begriffsanschauung finden sich bei den Indiern schon in frühester Zeit. So heißt es in den Vedânta-Upanishaden: Am Anfang war das Sat. Max Müller übersetzt Sat mit das Seiende, τὸ ὄν; an einer anderen Stelle wird gesagt: Am Anfang war das Asat, also das Nichtseiende, τό μὴ ὄν. Wie in einer Polemik gegen diese sich anscheinend widersprechenden Angaben wird in der Bhagavad-Gîtâ behauptet: „Das anfangslose Brahma heißt nicht Sein noch Nichtsein“. Daher auch andere Formeln vorhanden sind wie: „Im Anfang war das Selbst“, was wohl Tad bedeutet. Oder Tad twam asi: „Das Selbst bist du.“ Es ist ganz natürlich, daß so abgrundtief-abstrakte Auffassungen dem Ausdrucke, der doch immer an dem Materiellen hängt, widerstreben, und daß darum selbst noch so weitgehende Umschreibungen doch immer an Materielles erinnern. Aber freilich kommt hinzu, daß, indem aus dem Immateriellen Materielles folgen soll, ersteres selbst auf der höchsten Stufe unwillkürlich Materialität gewinnt und so zu dem äußersten Seienden wird, das alles umfaßt. Hier nun verschmilzt die Begriffsanschauung einerseits mit dem Deismus und Pantheismus, sowie mit der Theosophie und dem Emanismus, die bald zu besprechen sind. Andererseits geht sie in den Materialismus insofern über, als, sobald sie materialistisch ist, sie in die Anschauung einer Allmaterie führt, oder zu etwas, das in der materiellen Welt wahrgenommen wird. So heißt es in denselben Upanishads, die von dem Selbst als von dem Urding sprechen, auch: Am Anfang war Finsternis; und gar: Am Anfang war Wasser; auch: Am Anfang war Pragâpati, der Herr alles Geschaffenen.

Sehr nahe den Begriffsreligionen scheint der von Lao tsse (etwa um 600 v. Chr.) bei den Chinesen weitergebildete ([S. 122]) „Taoismus“ zu stehen. Das Urwesen ist Tao, ein absolutes Sein und absolutes Wissen, also etwa wie das indische Tad mit Tapas vereint. Zu diesem Tao kommt Yin, das gebärende weibliche Prinzip, und Yang, das tätige, gestaltende männliche. Ihnen gesellt sich das Khi, eine Art Eros. Damit sind neben Tao noch drei kosmogonische Prinzipe gewonnen. Die ganze Welt, bis ins einzelne, existiert von je in Tao. Durch jene drei, wohl auch in ihm gedachte Prinzipe, kommt sie zur Wirklichkeit. Und so ist Tao auch der höchste Gott, dem aber als abstraktem Wesen weder Opfer, noch Gebet, noch Geschenk frommt, sondern nur ein tadelloses Leben ([S. 122]). Eine solche geistige Lehre konnte für die Chinesen so wenig bedeuten, wie die entsprechenden hohen Lehren anderen Völkern. Sie ist bald in Verfall geraten und hat sich der staatlichen Religion gegenüber nicht halten können. Die Griechen sind spät erst zu Abstrakten als kosmogonischen Prinzipen gelangt, wie δύναμις, νοῦς, ἀνάγκη, πιστίς; Schaffenskraft, Vernunft, Notwendigkeit, Glaube und Ähnliches. Die römischen Begriffsgottheiten darf man nicht hierher rechnen; die Indigetes sind allmählich ersonnene, Tätigkeiten und Geschehnisse darstellende, und darum ihnen vorstehende Gewalten, die der Römer auf Schritt und Tritt vor sich fand, und die nichts mit den höheren Fragen der Menschheit zu tun hatten, sondern nur mit ihren Verrichtungen und den Vorgängen in ihrem Leben. Es sind vergeistete Begriffe; jeder einem engen Gebiet angehörend und insgesamt, trotz der sehr großen und beliebig zu vermehrenden Zahl, für die Weltanschauung nicht bedeutender als die Geister selbst. Das sieht man an solchen Vergeistungen wie Adeona (für die Rückkehr der Kinder), Afferenda (für die Zubringung der Mitgift), Fabulinus (für das Sprechen der Kinder), Mutunus Tutunus (für die Begattung und Befruchtung) usf. Nicht wenige im Heer der Indigetes sind überhaupt Erscheinungen, wie der berühmte Aius Locutius, die mächtige Stimme, welche dem Plebejer M. Caedicius in der Nacht verkündete, daß die Gallier auf Rom rückten, und andere. Von weiteren Völkern ist in dieser Hinsicht noch weniger zu sagen, sofern es sich um Anschauungen im Gebiete des Religiösen handelt. Erst in einer monotheistischen Anschauung finden wir eine Bezeichnung Gottes, die ganz der begrifflichsten der Indier entspricht. Da Mose in der Szene am Dornbusch Gott um seinen Namen fragt, um sich dem Volke gegenüber darauf berufen zu können, wird ihm zur Antwort: Eheje ascher Eheje, „Ich werde sein, der ich sein werde“, so solle er dem Volke sagen. Wie das indische „Tad twam asi“ klingt dieses. Und der Name, den wir Jehova lesen, steht ja auch mit Sein in Verbindung. Und auch darin ist viel Ähnlichkeit zwischen den in Religionsanschauungen von allen Ariern am weitesten gekommenen Indiern und den in gleicher Weise unter allen Semiten am meisten sich auszeichnenden Hebräern, daß neben dem Abstraktesten als Gottheit auch so Konkretes aufgefaßt und ausgesagt wird, nur daß hier das Konkrete bei anthropomorphistischer Redeweise endet, dort darunter noch tief hinabgeht. Namentlich aber fehlt den Hebräern die Mehrheit der Begriffsgottheiten, die sich bei den Indiern in Tad, Tapas, Om, Ritam, Satyam, Brahman, Purusha, Sat, Asat usf. kundtut und eben dem Polytheismus angehört, im Gegensatz zum Monotheismus.

Die religiösen und die mit ihnen zusammenhängenden Weltanschauungen im Polytheismus haben sich noch nach anderer Richtung hin entwickelt, nach der des Henotheismus. Ich muß aber hier eine Bemerkung, die ich über diese Heraushebung einer gewissen Erscheinung in den Religionsansichten in meinem Buche „Die Entstehung der Welt“ gemacht habe, zurücknehmen. Ich halte jetzt den von Max Müller betonten Unterschied zwischen Henotheismus und Monotheismus für durchaus berechtigt, ja notwendig. Bekanntlich hat man früher dazu geneigt, der Menschheit den Monotheismus als das Ursprüngliche, den Polytheismus als das Spätere zuzuschreiben. Der lange und heftig darüber geführte Streit ist im Grunde wesenlos. Wenn ein Mensch mit dem Begriff Gottheit nicht das verbindet, was wir damit verbinden, sondern nicht mehr als was der Naturmensch darunter versteht, oder höchstens die Annahme einer besonderen Übermacht, so ist es ziemlich gleichgültig, ob er mehrere Götter setzt oder nur einen Gott. Indessen müssen wir doch auch sagen, daß der Naturmensch praktisch sicher sich niemals mit einem Gott begnügt. Die Idee, die er von Gott hat, ist so ganz auf ihn und seine Bedürfnisse zugeschnitten, daß er immer eine große Zahl von Gottheiten braucht. Wie er, wenn er steigern will, einfach die Worte wiederholt, zum Beispiel viel-viel für mehr, ferne-ferne (vgl. das griechische Tar-Taros) für sehr ausgedehnt, so nimmt er zwei und mehr Gottheiten, um sein Ziel desto sicherer zu erreichen. Und da die Gottheiten auch so beschränkt sind, wie er selbst sich fühlt, bedarf er für jeden besonderen Fall auch eine besondere Gottheit. Ich habe schon erwähnt, daß oft in Hütten unzählige Gottheiten vorgefunden werden, und daß dem Wilden und dem nicht unterrichteten Volke überhaupt die ganze Welt mit Geistern aller Art erfüllt ist. Es mag sein, daß manches Volk schon in sehr frühen Kulturzuständen eine reinere Religionsanschauung besitzt. Curtius spricht in diesem Sinne von den Pelasgern und ihrem Dienst zu Dodona, der sich wesentlich nur auf ein Götterpaar, Zeus und Dione, bezogen haben soll. Allein Religionen entwickeln sich in der Regel mit steigender Kultur zu immer höheren Anschauungen und immer reineren Diensten. Wenigstens von dem Moment ab, wo letztere mit vollem Bewußtsein geübt werden; während vorher, da der ursprünglich so rohe Dienst fehlt, anscheinend, eine edlere Religion besteht, die aber bewußt überhaupt noch nicht vorhanden ist, sondern nur dumpf gefühlt oder geahnt wird. Es verhält sich mit solchen Religionsanschauungen, die also als Menschen-Gemeingut sich einstellen, wie mit der Kultur selbst.

Anders ist es mit den anormal von Einzelnen den Menschen verkündeten und ihnen aufgedrängten Lehren. Deren Hoheit freilich geht mit den Stiftern zugrunde, oder erhält sich nur kurze Zeit nach ihnen. Und die Anschauungen sinken mitunter in erschreckender Weise, bis Propheten und Reformatoren kommen, die ihnen für einige Zeit den ursprünglichen Sinn wieder verleihen oder wieder zu verleihen sich mühen. An solchen Fall des Geistes nur zu denken ist widerwärtig, geschweige darüber zu schreiben, zumal in unserer Zeit, wo Menschen und Völker sich in Erfindungen überbieten, sich gegenseitig zu vernichten, ganz im Gegensatze zu den edelst gemeinten Religionslehren. Von vorgetragenen Anschauungen ist aber noch nicht die Rede, sondern von den spontan auftretenden. Auch bei diesen ist es möglich, daß die Zahl der Gottheiten steigt, statt ständig abzunehmen. Wenn Stämme sich friedlich vereinigen, tun sich auch ihre Gottheiten zu einer Gesellschaft zusammen. Brugsch hat das für die Ägypter klar erwiesen, deren Gaugottheiten, nach Vereinigung der Gaue, alle zu Landesgottheiten geworden sind. Selbst wenn Stämme oder Völker durch das Übergewicht eines Stammes oder Volkes gewaltsam in eine Herrschaft gezwungen werden, gehen ihre Gottheiten im allgemeinen nicht verloren, sobald der Zwang nicht eben aus Religionsanschauungen heraus geübt worden ist. Die bezwungenen Gottheiten bleiben geduldet, meist sogar anerkannt und zu denen der Eroberer kollegial, vielleicht in niederer Stellung, gesellt. Welchen Synkretismus haben nicht die Römer geübt! Und gleiches zeigt sich bei den Indiern, Mexikanern u. a. Die Hebräer sind in dem Lande Kanaan sogleich tief von den Lehren Mose gesunken, indem sie die Gottheiten der unterdrückten ersten Besitzer dieses Landes aufnahmen. Auch durch einfachen Import können die Götter sich vermehren, wie, wahrscheinlich, bei den Griechen aus dem Verkehr namentlich mit den semitischen Völkern (Phöniziern, Lydern, Assyrern) und mit Ägyptern, sicher bei den Römern; man denke an die einfach aufgenommenen, ja herbeigeholten griechischen Gottheiten und an den Isisdienst.

Bei allem aber geht nebenher das unbewußte Bestreben, die Gottheiten zu zentralisieren. Daraus erwächst zunächst die Heraushebung gewisser Gottheiten als Mittelpunkte, um die sich die anderen Gottheiten gruppieren. Gehören diese anderen Gottheiten dem Stamme selbst an, so kommt dieses in der Weise zum Ausdruck, daß sie als Söhne, Töchter, Enkel, Brüder, Schwestern usf. jener Gottheiten aufgezählt werden. Daher die Theogonien. Sind sie feindlichen oder niedergeworfenen Stämmen entnommen, so spielen sie die Rollen böser Geister oder gestürzter Götter. Die Beispiele bei den Griechen sind jedem Leser bekannt. Gesellt sich noch zu den Anschauungen der Kult, so zwingt auch dieser zu einer gewissen Ökonomie und Hervorhebung. So kann zuletzt ein Volk, ein Stamm, ein Gau, eine Stadt, eine Familie, bei voller Anerkennung aller anderen noch vorhandenen Gottheiten, die Verehrung auf eine einzige Gottheit beschränken, und damit haben wir den Henotheismus. Dem allein verehrten Gott werden dann naturgemäß auch alle Eigenschaften zugeschrieben, die auf alle Gottheiten verteilt sind. Er nimmt die Stelle des Oberherrschers im Gottheitenkreise ein, die zur absoluten werden kann, wenn die anderen Götter nur noch die seinen Willen ausführenden Mächte sind, wie die Engelscharen Gottes. Einen solchen äußersten Henotheismus hat es nie und nirgends gegeben, die Gottheiten haben stets überall ihre persönliche Bedeutung behalten. Nicht Zeus, noch Marduk, Rā, Indra, Huitzilopochtli, Wuotan usf. konnten je eine solche Stellung in der Religionsanschauung erreichen, trotz ihrer Übermacht. Der Henotheismus ist also keine vollendete Anschauung, sondern eine solche, der sich Völker mehr oder weniger genähert haben, von philosophischen Ansichten natürlich abgesehen. Dabei waren freilich die Ideen dem Kult voraus, wie immer. Der Grieche mochte also an sich Zeus als den Weltherrscher und Weltlenker in der Idee anerkennen. Daneben verehrt hat aber der Athener seine herrliche Stadtgöttin Pallas Athene, die Demeter, Dionysos und viele andere; der Spartaner seinen Apollon und Herakles usf. Immerhin kommt der Henotheismus dem Monotheismus ganz nahe. Am nächsten vielleicht ist er ihm bei den Ägyptern, unter dem so seltsamen König Amenhotep IV (um 1370 v. Chr.) gekommen, der einzig die Sonne, Rā, als Gottheit anerkannt wissen wollte. Wir besitzen aus seiner Zeit eine außerordentlich schöne, dem Amenhotep-Echnaton (als Totem) in den Mund gelegte Hymne an die Sonne, von der ich es bedaure, daß ich sie wegen ihrer Länge nicht wiedergeben kann (in Greßmann, Altorientalische Texte, S. 189 ff.). Darin wird Rā als der glänzende Gott gefeiert, der alles geschaffen hat, Welt, Menschen, Gebirge, Flüsse, Städte, Dörfer, Wege, alles Getier, bis zum niedrigsten Wurm, und der über alles machtvoll herrscht. Warum der Henotheismus in Monotheismus nicht übergehen kann, und auch nicht übergegangen ist, werden wir im nächsten Abschnitt sehen.

Zuletzt müssen wir noch eine sehr bedeutungsvolle Anschauung hervorheben, die als dualistische bezeichnet wird, hier aber da sie auf der Annahme von zwei Gegengottheiten beruht, als antagonistische darzustellen ist. Daß gute und böse Geister geglaubt und verehrt werden, ist schon hervorgehoben und ausgeführt worden. Ein sich bewußt bekämpfendes Götterpaar haben aber die Eranier geschaffen. Ormuzd als Prinzip des Guten, des Lichtes, und Ahriman als Prinzip des Bösen, der Finsternis, bilden dieses Paar. Sie sind, sobald Ahriman die Welt des Lichtes entdeckt, in Kampf und bleiben in Kampf. Ormuzd schafft alles Gute, Ahriman vernichtet es oder sucht es zu vernichten und schafft alles Böse. Gutes und Böses sind eben in der Welt vorhanden und ringen miteinander; Zarathustras Anschauung ist eine Übertragung in das Göttliche. Die Welt stammt von Ormuzd, von ihm ressortieren alle guten Gottheiten und guten Geister. Die Unterwelt ist das Werk Ahrimans, und ihm gehorchen alle Dämonen aller Krankheiten und Übel. Der Kampf aber soll mehr und mehr zum Siege des Guten führen, und dazu sind die Menschen hervorgebracht. Das folgt schon aus der geistigen Höhe der Eranier und mehr wohl noch aus der des Zarathustra. Der Entwicklungsgang zeigt, daß erst das Böse so sehr überwiegt, daß das Gute kaum in Betracht kommt, wie auch viele Völker nur dem bösen Prinzip opfern und schmeicheln, aus Furcht. Dann gewinnt das gute Prinzip mehr und mehr an Boden und Einfluß. Es stehen aber noch beide Prinzipe indifferent nebeneinander, gute Geister und böse Geister wirken getrennt. Im weiteren Verlaufe beginnt der Kampf und das Übergewicht des Guten. Ich darf aber nicht unterlassen hervorzuheben, daß nach anderen Anschauungen Ormuzd und Ahriman nicht als getrennte Gottheiten aufzufassen sind, sondern daß die höchste Gottheit, nennen wir sie Ormuzd, zwei Prinzipe in sich vereinigt, nämlich als Vohu manô, der „gute Geist“, der alle Wirklichkeit und Güte hervorbrachte, und als Akem manô, der „böse Geist“, aus dem alles Unwirkliche und Üble entstanden ist. Und diese Prinzipe sind auch im Menschen vereinigt, wie in Ahuramazda. Bei letzterem treten sie als sein Çpenta mainyu, sein „wohltätiger Geist“, und als Angra mainyu, sein „schädlicher Geist“, auf. Das soll die eigentliche Lehre Zarathustras gewesen sein. Dann wäre freilich ihr Dualismus kein Antagonismus, sondern Gott wäre so dualistisch in seinem Wirken aufgefaßt wie der Mensch. Dem Naturmenschlichen liegt dieses sicher bei weitem näher. Max Müller, der ebenfalls Zarathustras Lehre so deutet, weist darauf hin, daß oft Eigenschaften der Gottheiten von ihnen getrennt und zu besonderen Gottheiten gemacht werden; so sei es später mit dem Angra mainyu geschehen, und mit allen besonderen Eigenschaften Ormuzds. Jenes wurde zum Ahriman, diese gaben das Heer der weiteren Götter und der Engel. Wie Ormuzd sei dann auch der von ihm abgetrennte Ahriman gespalten und so mit einem Heer von Unterweltgeistern und Dämonen versehen worden. Das sind Ideen, die schon oft geäußert und auch auf andere Religionsanschauungen angewendet worden sind, wir begegnen ihnen noch in der Emanationslehre. Ahriman ist oft als der gefallene Engel, aus dem Satan hervorgegangen ist, der Widersacher, gedeutet worden. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß ein Teil der persischen Lehren in das alexandrinische Judentum und in das Christentum eingedrungen ist. In der Tat trägt auch Satan alle Züge des Ahriman. Es ist aber dieser Satan nicht der im Hiob, welches ja als eines der ältesten Bücher der Bibel, vielleicht das älteste, angesehen wird, vorkommende, da der letztere nicht als Prinzip des Bösen auftritt, sondern lediglich als eine Art Mephistopheles, ein Ankläger. Gott fragt ihn, ob er schon einen so gerechten Mann wie Hiob gesehen habe. Da antwortet er, Hiob sei ja mit allen Glücksgütern gesegnet. Wenn Gott ihm diese nähme, so würde er ihm schon absagen. Auch erscheint dieser Satan im Kreise der „Göttlichen“ vor Gott. Ich darf auf den Prolog im Himmel zum Faust verweisen. Die Sage von dem gefallenen „Engel“ ist höchst dunkel und unbefriedigend. Man sieht, daß sie eigentlich eine Art Erklärung für ein angenommenes Fremdes bieten soll, und weder Milton noch Klopstock haben im Grunde das Fremde von dieser großartigen Figur des Luzifer abstreifen können. Ich habe mich selbst mit ihr beschäftigt und sie mir verständlich zu machen versucht; was ich darüber erdichtet habe, kann ich aber hier nicht vortragen, ich wills in einem Drama „Adam und Lilith“ veröffentlichen.

Indessen ist der Kampf zwischen Gut und Böse so sehr Menschengemeingut, daß selbst monotheistische Anschauungen unwillkürlich auch ein Prinzip des Bösen einführen; man denke an die Schlange der Bibel. Ja, polytheistische Anschauungen können ein Prinzip des Bösen mehr entbehren als monotheistische. Denn da ihre Gottheiten beschränkt in der Macht sind, vermögen sie schon von selbst nicht alles aus der Natur der Dinge und Menschen fließende Böse und Schlimme zu verhindern. Fast naiv sagt Zeus gleich im Beginn der Odyssee:

Wunder, wie sehr doch klagen die Sterblichen wider die Götter!