Einen Saal sah ich stehen, der Sonne fern,

Auf Nastrands Flur; nordwärts stehen die Türen,

Es fallen Gifttropfen hinein durchs Fenster;

Dieser Saal ist geschmückt mit Schlangenhäuten. —

Da sah ich waten durch schlammige Ströme

Meineidige Männer und Mordgesellen

Und die eines andern Geliebte verführten,

Da saugt Nidhoggr die Leichen der Toten,

Es zerfleischt der Wolf die Männer.

Ähnlich sind andere Schilderungen. Die Totenherrscherin Hel, auch Hellia, ist Tochter Lokis und der Schwester des Fenriswolfes und einer „ungeheuren Schlange“. Und nichts gibt sie zurück, was ihr zukommt. Selbst die Götter können ihr niemand entreißen, Baldr war ihr verfallen. Übrigens wird die obige Schilderung der Voluspa schon von christlichen Elementen durchsetzt sein. Spätere Sagen schmücken Hel und Hels Reich weiter mit Furchtbarem aus. Hel ist halb schwarz halb weiß; was sie besitzt, drückt unersättliche Gier aus. Zu ihrem Reich führt nach neun Tagen Weges, der durch dunkle, tiefe Täler geht, die die Dunkelelfen bewohnen, über den Fluß Giöll eine mit Gold gedeckte Brücke, die eine Jungfrau Modgudhr, Seelenkampf, bewacht. Den Fluß Giöll stellt Jakob Grimm mit der Lethe in Parallele. Die Toten fahren oder reiten hin. So haben wir eine wirkliche Höllenfahrt der Brunhild, und auch ein „Helreidr“ dieser Walküre, und das Sternbild der Wagen (der große Bär) soll zuweilen Helwagen heißen. Hel bedeutet übrigens die Göttin wie den Ort, was auch bei Hades und Orcus der Fall ist. Die ursprüngliche Anschauung von diesem Reich wird wohl einfach die eines Nebellandes gewesen sein, ähnlich der homerischen vom Hades, eines Aufenthaltes der Toten allgemein, da selbst Gottheiten hinziehen wie Baldr und Brunhild. Die Hölle wird sogar als Herberge, Gasthaus, Valhöll, bezeichnet. Doch scheint die Absonderung der auf dem Schlachtfelde gefallenen Helden zum Aufenthalt im Göttersaal Odins, in Walhall, gleichfalls alt zu sein. Später sind die Fürsten noch hinzugefügt, wovon schon die Vala in der Edda spricht. Einen eigentlichen Todesgott hatten die Germanen nicht. Doch sendet Odin seine Walküren in die Schlacht, die gefallenen Helden zu ihm zu geleiten. Daß Wasser- und Meergeister, wie die Meergöttin Rân, Menschen in den Tod ziehen, ist ein naheliegender Gedanke. Der Tod als tötende Person ist eine späte Anschauung des Christentums; der ihm gleichbenannte griechische θάνατος nimmt nur die Toten an sich. Und so sind auch unsere so ergreifenden Totentänze ohne Beispiel im Altertum. Ebenso ist der Höllenfürst eine späte, vielleicht dem Parsismus unter Vermittlung des Judentums entnommene Anschauung ([S. 149] f.). Aus allem aber ist zu ersehen, daß die Germanen, wenn nicht eine allgemeine, doch mindestens eine partielle Unsterblichkeit kannten. Und es ist bemerkenswert, daß die Walhall bewohnenden Helden fast die Aufgabe der eranischen Fravarshis ([S. 192]) haben, der Gottheit im letzten Kampfe beizustehen.