Von der slawischen Eschatologie weiß ich nichts zu sagen, bis auf das schon erwähnte Naturmenschliche ([S. 85] f.).
Den Kelten werden Anschauungen beigemessen, die denen der Indier von der Seelenwanderung entsprechen. Gewährsmann ist freilich Cäsar. Wir haben davon schon gehandelt ([S. 94]), und kommen darauf noch zu sprechen ([S. 216]).
Wir kehren nach Asien zurück, um nur noch einiges zu behandeln. Der heidnischen Araber Anschauungen waren rein naturmenschliche. Mohammed jedoch hat unter dem Einfluß des Judentums und Christentums eine Hölle und ein Paradies gelehrt; zwischen beiden einen Damm, auf dem sich die Nichtschlechten = Nichtguten befinden, wie das Christentum eine Hölle für die guten Heiden besitzt. So heißt es in Sure VII, Vers 39 ff. des Korans von der Sünde: „Ihnen sei Dschahannam, der Pfuhl, und über ihnen seine Decken (aus Feuer), und also belehren wir die Sünder“. „Diejenigen aber, welche glauben und das Rechte tun — nicht belasten wir eine Seele über Vermögen — jene sollen des Paradieses Gefährten sein und darin ewig verweilen.“ „Und zwischen ihnen ist eine Scheide; und auf den Wällen sind Männer, die Alle an ihren Merkmalen erkennen (die Höllengefährten sind schwarz, die Paradiesesgefährten weiß); und sie rufen den Paradiesesgefährten zu: ‚Friede sei auf euch‘, sie können es aber nicht betreten, wiewohl sie es begehren. Und so ihre Blicke zu den Gefährten des Feuers gewendet werden, sprechen sie: ‚Unser Herr, bring uns nicht zu den Ungerechten‘.“ Der Koran kennt auch eine Auferstehung. Die Überlieferung, Sunna, hat Mohammeds Lehren viel interpretiert und näher ausgeführt. So wird der Tote schon im Grabe von Munkir und Nakir unter Folterung verhört. Der dabei Rechtbefundene verbleibt in Ruhe und atmet Paradiesesluft, der Sünder wird mit Keulen geschlagen und mit dem Grabe zerdrückt (Eranische Sage [S. 192]). Am Tage des Jüngsten Gerichts wird vom Engel Israfil die Posaune des Schreckens und die des Gerichts geblasen, da vergeht zunächst alle noch lebende Kreatur. Nun versammeln sich alle Seelen und gewinnen jede ihren Körper wieder, Mohammed erscheint an ihrer Spitze. Gabriel hält eine Waage mit Schalen: Paradies und Hölle; Keiner kann dem Anderen helfen, Jeder muß für sich allein stehen. Gnade waltet nicht, nur Gläubigkeit und gute Taten entscheiden. Die Ungläubigen verfallen überhaupt ewig der Hölle und Pein. Den Gläubigen wird die Strafe nach Maß der Sünden bemessen. Nun müssen die Seelen die Totenbrücke Serat beschreiten, sie ist scharf wie ein Messer und heißer als Feuer. Sie spannt sich über dem Höllenschlund von der Erde zum Himmel. Jeder Ungläubige und Sünder stürzt hinab. Mohammed mit den Gläubigen und Rechtschaffenen überschreiten sie, denn ihnen breitet und kühlt sie sich, während Engel zu beiden Seiten mit den Flügeln den Abgrund verdecken. Im Himmel aber wird der Platz nach der Würdigkeit zuerteilt. Der Gedanke der Totenbrücke ist höchst poetisch und von Rückert in diesem Sinne bearbeitet. Er ist aber sicher, wie namentlich die Einzelheiten zeigen, den Persern entnommen ([S. 192]). Die Hölle hat sieben Stockwerke: je eines für milde Strafen der Mohammedaner und für die Juden, zwei für Christen und eine gewisse Sekte von ihnen, je eines für die Feueranbeter (Parsen), für Götzenanbeter, für Ungläubige und Heuchler aller Religionen. Nur im obersten Stockwerk ist die Strafe endlich, in allen anderen Stockwerken währt sie ewig. Vom Paradies sagt schon Mohammed in der Sure LXXXIII des Koran: „Siehe, die Gerechten werden wahrlich in Wonne sein. Auf Hochzeitsthronen (sitzend) werden sie ausschauen. Erkennen kannst du auf ihren Angesichten den Glanz der Wonne. Getränkt werden sie von versiegeltem Wein, dessen Siegel Moschus ist — und hiernach mögen die Begehrenden begehren — und seine Mischung ist Wasser von Tasnîm, eine Quelle, aus der die Allah Nahestehenden trinken.“ Dieses ist dann mit aller derjenigen glühenden Sinnlichkeit ausgeschmückt worden, die so großen Eindruck auf naturmenschliche Gemüter macht und so außerordentlich zum erstaunlichen Erfolg des Mohammedanismus beigetragen hat.
Der Chinesen naturmenschliche Anschauung vom Nachleben und Jenseits ist schon geschildert ([S. 120] f.). Ob Konfucius ihr huldigte, ist nicht gewiß. Er gebrauchte Fragenden gegenüber Ausflüchte. Wenn er jener Anschauung zustimme, fürchte er, daß die Menschen über der Pflege der Seele der Verstorbenen ihre eigene Seele vernachlässigen möchten; wenn er ihr widerspreche, müsse er besorgen, daß die schöne Pietät gegen Verstorbene verloren gehe. So ist denn auch oft behauptet worden, daß die Lehre des Konfucius an sich nur das Diesseits betreffe, nicht Strafe noch Lohn im Jenseits drohe und verspreche. Die Lehre des edleren und geistigeren Lao-tsse ist mehr philosophisch und geht auf eine schließliche Vereinigung mit dem Allgeist Tao ([S. 220]). Aber Paradies und Hölle scheint sie gleichfalls nicht zu kennen. Die Glückseligkeit beruht für den Guten in der Ruhe, mit der er dem Tode entgegensieht, die Strafe des Bösen in der Angst vor dem Tode. Also Paradies und Hölle hat jeder in sich, was ja auch die Ansicht sehr vieler höchstgeistigen Europäer ist. Die Eschatologie der Japaner wird trotz ihres schönen Göttersaales kaum eine andere sein. Von der Eschatologie der amerikanischen Kulturvölker ist mir, abgesehen vom Naturmenschlichen, schon Mitgeteilten ([S. 124] f.), nichts bekannt geworden.
Der Rundgang zeigt, daß, bei aller Ähnlichkeit der Grundideen auf der Erde, im einzelnen zwischen den Kulturvölkern doch erhebliche Verschiedenheiten vorhanden sind. Selbst so nahe Stämme wie die Indier und Eranier, die Hebräer und Babylonier weichen in ihren Anschauungen über das Nachleben gar sehr erheblich ab. Und andererseits bestehen Übereinstimmungen zwischen so fernen Völkern wie Hebräer und Griechen-Römer. Nur das Gefühl von Unsterblichkeit der Seele, von Lohn und Strafe findet sich fast überall. Hier mehr, dort weniger deutlich, hier real, dort geistig gedacht, immer aber nach dem Leben beurteilt und in den höchsten Religionen oft nicht viel anders aufgefaßt als in den für uns niedersten. Einbildung auf seine Kultur ist nirgends weniger angebracht als hier.
23. Seelenwanderung und Wiederbekörperung; Sansara, Nirvana.
Ein höchst merkwürdiges Kapitel in der Lehre von den Anschauungen der Menschheit bildet das in der Überschrift gekennzeichnete. Die Anschauung von der Seelenwanderung und Wiederbekörperung mag ihren Ursprung aus dem naturmenschlichen Animismus genommen haben. Ihre eigentliche Bedeutung gab ihr jedoch die kulturelle Ethik und die eschatologische Metaphysik. Wir tun am besten, sie sogleich für dasjenige Volk zu schildern, das diese Anschauung am meisten ausgebildet und am tiefsten durchdacht hat, die Indier. Die Anschauungen anderer Völker lassen sich leicht daran erklären. Das Wesentliche ist, daß die Seele von je war (was auch Platons Ansicht ist) und nur ständig die Körper wechselt, bis sie geläutert und gereinigt (was das bedeutet, richtet sich nach der Lehre) zum ewigen Seelenleben oder zur ewigen absoluten Ruhe eingeht. Danach steht der Seele nach dem Tode zweierlei bevor: entweder ein neues körperliches Leben oder ein Seelenleben, indem wir noch von der absoluten ewigen Ruhe absehen. Sie hat zwei Wege: den Dêvayana, den Götterpfad, und den Pitriyana, den Väter-Ahnenpfad. Vom Dêvayana lesen wir in einem Upanishad — die Upanishaden zählen wie die Veden, denen sie an Alter fast gleich sind, die sie aber an geistigem Inhalt außerordentlich übertreffen, während sie sie teilweise kommentieren, zu den heiligen Büchern der Indier. Der Name besagt: „ein Niedersitzen zu Füßen des Lehrers“ — in Max Müllers Übersetzung: „Sie (die die höchste Stufe der Vollkommenheit erreicht haben) gehen zum Lichte, vom Lichte zum Tage, vom Tage zur Monatshälfte des zunehmenden Mondes, von der Monatshälfte des zunehmenden Mondes zu den sechs Monaten, wo die Sonne nach Norden geht, von diesen sechs Monaten zu der Welt der Devas (niederen Götter), von der Welt der Devas zur Sonne, von der Sonne zur Stätte des Blitzes. Wenn sie die Stätte des Blitzes erreicht haben, nähert sich ihnen eine Person, nicht ein Mensch, und führt sie in die Welten Brahmans. In diesen Welten Brahmans verweilen sie immer und ewig, und es gibt keine Rückkehr für sie“. Was der Leser in dieser Angabe nicht verstehen sollte, das vom Tage, dem Halbmonat, den Sechsmonaten Gesagte, haben andere auch nicht verstanden; es scheinen hier uralte Termini technici versteckt, deren Sinn verloren gegangen ist, und den die Vedantaphilosophen in ihren Kommentaren (Sûtras) nur mit Zwang und Mühe wiederherzustellen versucht haben. Das übrige aber ist klar. Das wird in anderen Stellen und anderen Werken noch sinnfälliger und genauer geschildert: wie, daß der betreffende Mensch durch die Sonne hindurchgeht, ebenso durch den Mond, daß er die Welten der einzelnen Götter durchmißt, einen Fluß Vigarâ (Nichtalternd) überschreitet, vor die Halle (Vibhu) Brahmans gelangt, deren Hüter Indra und Pragapati sind, und vor den Thron Brahmans tritt, dessen einzelne Teile als Einsicht, Glanz, Umschau, Verstand, Geist usf. bezeichnet werden. Aber das Wesentliche ist immer das gleiche: Eingehen der Seele in den Raum zum höchsten Gott.
Von den Nichtvollkommenen aber heißt es: „Sie gehen (bei der Verbrennung, die hier vorausgesetzt ist) in den Rauch ein, vom Rauch in die Nacht, von der Nacht in die Monatshälfte des abnehmenden Mondes, von dieser Monatshälfte zu den sechs Monaten, wo die Sonne nach Süden geht. Von den sechs Monaten gehen sie in die Welt der Väter, von der Welt der Väter zum Äther, vom Äther zum Monde. — Das ist Soma, der König, das ist die Speise der Götter, die Götter nähren sich davon. — Nachdem sie dort solange verweilt als noch ein Rest (von guten Werken) übrig ist, kehren sie auf dem Wege, auf dem sie gekommen sind, zum Äther zurück, von da zur Luft. Wenn er (der Geist) zu Luft geworden ist, wird er zu Rauch, nachdem er zu Rauch geworden ist, wird er zu Nebel, nachdem er zu Nebel geworden ist, wird er zur Wolke, nachdem er zu einer Wolke geworden ist, fällt er als Regen herab. Dann werden sie (die Seelen) als Reis und Korn, Kräuter und Bäume, Sesam und Bohnen geboren. Von da ist das Entkommen sehr schwer. Denn, wer immer diejenigen, welche diese Speise essen und Samen ausstreuen, sein mögen, er wird gleich ihnen. Diejenigen, deren Lebenswandel gut gewesen ist, werden wahrscheinlich irgendeine gute Geburt erlangen, wie als Brahmana oder als Kshatriya oder als Vaisya. Diejenigen aber, deren Lebenswandel schlecht gewesen ist, werden wahrscheinlich eine schlechte Geburt erlangen, wie als Hund oder als Schwein oder als Kandâla“. Auch hier sind viele Abwandlungen vorhanden, ohne das Wesentliche zu ändern. Namentlich haben Manu’s Schriften für jedes Verbrechen, für jede Schlechtigkeit und Gedankenlosigkeit genau das Geschöpf angegeben, in das die Seele eingehen muß. Diese Wanderung der Seele dauert so lange fort, bis der Mensch in einem Leben es zur höchsten Vollkommenheit gebracht hat. Die ganze Lehre ist verhältnismäßig einfach. Auch wissen wir was Sünde, Vergehen, Gedankenlosigkeit usf. bedeutet. Die Schwierigkeit liegt in der Bedingung der Vollkommenheit. Unzählige Ausführungen und Bücher haben die Indier darüber geschrieben, aber naturgemäß sind die Definitionen sämtlich negative. Als Grundprinzip gilt: eine Seele ist von je und bleibt in alle Ewigkeit. Es kann Seelen geben, die immer nur von Körper zu Körper gehen, denn es heißt am Schluß des letzten Zitats: „Auf keinem dieser zwei Wege (Dêvayana, Pitriyana) ziehen jene kleinen, oft wiederkehrenden Geschöpfe fort. Für sie gilt der dritte Zustand, von dem es heißt: leb und stirb.“ Aber auch sie haben keinen Anfang und kein Ende.