Die gegenseitige Wirkung ist hiernach nur eine ideelle. An sich liegt sie in Gott, indem Gott bei Schaffung der Dinge überhaupt für jede Monade mit Bezug auf alle anderen Monaden bedacht war. In diesem Bedachtsein Gottes bei der Schaffung jeder Monade auf alle anderen Monaden, wodurch deren geordnete Wirkungen aufeinander nach ewigen Gesetzen sich erklärt, ist die prästabilierte Harmonie begründet. Jede Monade wirkt zwar nur nach ihrer Art, aber diese Art ist von vornherein so beschaffen, wie es die Rücksicht auf alle anderen Monaden erforderte, so daß jede Monade nach ihrer Art ihre bestimmte Stellung in der Welt von vornherein einnimmt. So hat jede Monade Bewußtsein vom ganzen All. Indessen doch immer wieder in ihrer Art. Und so schaut die Welt vom Gesichtspunkte (point de vue) jeder Monade anders und anders aus. Aber wie eine Stadt von verschiedenen Standpunkten verschiedene Anblicke bietet und doch nur immer dieselbe Stadt ist, so die Welt. Sie ist nur eine, wenn auch von den verschiedenen Monaden verschieden aufgefaßt. Gott ist aber der allgemeine Grund aller Dinge, in ihm erscheint jedes wie es ist. Und wie es ist, mußte es aus der Natur Gottes sein, der die Welt nicht nach einem willkürlichen Plan so oder anders hätte schaffen können, sondern wie er sie geschaffen hat, als Gott schaffen mußte. Denn Gott ist absolut vollkommen; sein Können, sein Wissen, sein Wollen — bei den Monaden: Subjekt (Eigen), Perzeption, Appetition — sind absolut unbeschränkt. Und weil sie absolut sind, konnte es sich nicht um die „Wahl eines Besseren“ handeln, das ja ein endliches Wissen bedeutet.

Alle Dinge sind aus Monaden zusammengesetzt. Da die Wirkung der Monaden aufeinander nur eine gedachte ist, so besagt die Zusammensetzung nicht ein Zusammenhalten, sondern ein deutlicheres Bewußtsein dieser Monaden von einander als von anderen Monaden, die nicht dem betreffenden Dinge angehören. In dem Wechsel des Bewußtseins von dem anderen ist es begründet, wenn Monaden aus den Dingen ausscheiden. So ist alles Wachsen nur ein Zunehmen von Monaden mit Bewußtsein vom Vorhandenen und im Bewußtsein des Vorhandenen. Und umgekehrt, alles Schwinden eine Abnahme von Monaden mit solchem Bewußtsein und in solchem Bewußtsein. Und so sind auch räumliche Form und Materie nur solche Bewußtseinszustände. Alles dieses liegt in den Monaden und der prästabilierten Harmonie. Und die Welt ist ein „Phainomenon bene fundatum“, eine gewaltige Maschine, deren einzelne Teile, die Monaden, gleiche Maschinen sind. Im Kleineren werden wir diese Vergleichung später bei dem philosophischen Biologen Driesch wiederfinden. Die Welt ist nirgend und niemals unterbrochen, sie ist kontinuierlich und lebt kontinuierlich nach Gottes Harmonie. Die Unvollkommenheiten liegen in der Endlichkeit der Monaden, hinsichtlich ihres Subjekts, ihrer Perzeption und ihrer Appetition, die ja notwendig war, sollte überhaupt eine Welt vorhanden sein, da, wenn diese Endlichkeit aufgehoben wird, alles ja Gott ist. Dem Preis Gottes und dem Verhältnis des Menschen zu ihm ist die berühmte Théodicée gewidmet. Diejenige Monade in einem Ding, welche namentlich Bewußtsein von allen anderen Monaden hat, ist die Zentralmonade, bei den Lebewesen die Seele. Nur sofern eine solche Zentralmonade vorhanden ist, darf von einem „Körper“ gesprochen werden, der im übrigen nichts bedeutet als Monaden, hauptsächlich im Bewußtsein der Seele. So gibt es keinen Leib ohne Geist. Aber auch keinen Geist ohne Leib, denn das würde bedeuten, daß eine Monade überhaupt von anderen Monaden kein Bewußtsein hätte. Freilich besagt dieses, daß im Grunde jeder Leib unendlich ist wie das All, so daß an sich die ganze Welt, jedes darin Seele und Leib wäre, und das was wir Leib nennen, nur den Teil bedeutete, der besonders zum Bewußtsein gelangt ist. Dieser Schwierigkeit kann man nur entgehen, wenn man annimmt, daß die Monaden von gewissen Monaden so gut wie gar kein Bewußtsein haben. Sie ist aber auch allen panpsychistischen und pandeistischen Anschauungen inhärent. Da die Monaden keine Ausdehnung haben, und da die Welt als Kontinuum besteht, so sind die Dinge nicht bloß dem Gedanken nach ins Unendliche teilbar, sondern tatsächlich ins Unendliche organisiert. Charakteristisch aber für Leibniz, in dem wir ja auch einen großen Mathematiker und Physiker besitzen, ist, daß er nach Prästabilierung der Harmonie nur die Weltgesetze walten und ein stetes Eingreifen Gottes, wenn es vorhanden ist, immer nur in den Weltgesetzen sich äußern läßt. Und seine Naturerklärung ist eine mechanische; unvermittelte Wirkungen lehnt er ab, so die Newtonsche Attraktionswirkung in die Ferne, die er für ein stetes Wunder erklärt. Das gehört schon in das folgende Buch. Wie man von der Leibnizschen Anschauung zur Unsterblichkeit der Seele kommen muß und zur Seelenwanderung kommen kann, ist klar. Wie aber die Unsterblichkeit hier eine ganz andere Bedeutung hat als die theologische, ist ebenso klar. Die irdische Persönlichkeit kann ja gar nicht bestehen bleiben, wenn die Zentralmonade sich von den anderen Monaden, dem Körper, getrennt und so das deutliche Bewußtsein ihrer verloren hat. Sie kann dann von ihnen kein anderes inneres Bewußtsein haben als im Leben von den ihrem Körper nicht gehörigen Monaden, also nur das allgemeine Weltbewußtsein, das gegenüber dem Bewußtsein vom Körper so gut wie gar nicht besteht.

Zum Schluß noch eine Bemerkung. Es ist mehrfach behauptet worden, daß die von Leibniz eingeführte Perzeption im Gegensatz zur Apperzeption ein rein unbewußtes Vorstellen sein soll. Das ist, wie ich glaube, nicht richtig. Leibniz scheint mir unter Perzeption nur eine passive, automate Art des Vorstellens zu verstehen, die stufenweise von völliger Unbewußtheit zu Höchstbewußtsein steigt. Leibniz hat sich freilich nicht bestimmt genug ausgedrückt. Allein seine ganze prästabilierte Harmonie hätte ja gar keinen besonderen Wert neben der einfacheren Mechanistik, wenn er unter Perzeption in der Tat nur ein absolutes Unbewußtes verstanden hätte. Außerdem könnte man nicht, wie Leibniz es tut, von verschiedenen Perzeptionen sprechen; was unbewußt ist, kann nicht verschieden sein. Ich glaube, es ist verwechselt worden das Eintreten der Vorstellung, das allerdings unbewußt sein soll, mit der Vorstellung selbst, die alle Stufen der Deutlichkeit durchlaufen kann.

Die Monadenlehre Leibniz’s ist von Droßbach in zwei lesenswerten Büchern: „Die persönliche Unsterblichkeit“ und „Die Genesis des Bewußtseins“ ins Atomistische übertragen und nicht unerheblich ausgebaut worden. Ich muß mich aber auf diesen Hinweis beschränken. Eine „Harmonie der Welt“ hat der große Kepler (1571–1630) an die Spitze seiner Anschauungen gestellt, freilich mehr in pythagoreisch-mathematischem Sinne.

Daß des „Professors der Menschheit“ und großen philosophischen Systematikers und Polyhistors Christian Wolff (geboren zu Breslau 1679, gestorben 1754) letzte Elemente, Corpuscula derivativa, der Dinge mit Leibniz’s Monaden und sein Determinismus mit dessen prästabilierter Harmonie übereinkommen, ist schon zu Lebzeiten des bedeutenden Mannes erkannt worden. Nur will er den Monaden statt des geistigen Weltbewußtseins, -vorstellens, -kennens mehr Kräfte zuschreiben, durch die sie wirken und leiden; Kräfte jedoch, die mit dem, was wir gewöhnlich Kraft nennen, keine Ähnlichkeit haben, überhaupt sich nicht aus der physischen Natur verstehen lassen. Es findet also gegen Leibniz eigentlich nur ein Namentausch statt, der aber nicht zum Vorteil des Systems ausschlägt. Diese Philosophia corpuscularis soll aber die wahre Ratio der besonderen Phänomene beibringen, denn diese sind begründet in den Qualitäten der Korpuskeln und der Art, wie diese untereinander verbunden sind. Die schöne Poesie des Leibnizschen Systems fehlt hier, im Grunde auch die Konsequenz. Sobald es sich jedoch um die Wirkung zwischen Körper und Seele handelt, erkennt Wolff die prästabilierte Harmonie als die beste Erklärung an.

Determinist im Leibnizschen Sinne, soweit seine Rechtgläubigkeit es zuließ, war auch Moses Mendelssohn (1729 zu Dessau geboren, 1786 in Berlin gestorben). Indessen war er es nur unter der Bedingung der Unsterblichkeit. Wenn die Hoffnung dieser nicht wäre, sei der Mensch das elendeste Tier auf Erden und bliebe ihm nichts übrig, als in Betäubung dahinzuleben und zu verzweifeln. Und wie er bemüht war die Unsterblichkeit zu erweisen und zu ihr mit aller Kunst eines gottgläubigen und edlen Gemütes zu überreden, zeigt sein Phädon, der erst als Übersetzung des gleichnamigen Gesprächs des Platon beabsichtigt ist, dann aber das Vorbild verläßt und schärfer noch als dieses, und mit besseren Waffen, für unsere Seele kämpft. Aber überall tritt bei ihm der Deismus hervor und spielt die Contemplatio eine viel größere Rolle als die Ratio. Seltsam ist, daß, obwohl er selbst pandeistische Neigungen verrät, die außerordentliche Philosophie seines geistesgewaltigen Glaubensgenossen Spinoza ihm so zuwider war, daß der Kampf gegen die Meinung, sein Freund Lessing sei in den letzten Lebensjahren Spinozist gewesen, ihm das Herz brach und ihn früh ins Grab senkte.

Es ist möglich, das Lessing in der Tat zuletzt sich dem Pantheismus Spinozas zugewandt hat; ursprünglich aber war er Leibnizianer, namentlich in bezug auf die letzten Wesen und die Harmonie. Was Gott denkt, ist; dachte er sich selbst insgesamt, so ward der ihm identische Sohn, Christus. Stellte er sich in seinen Vollkommenheiten zerteilt vor, so ward die Welt. Diese muß darum von allen möglichen Welten die vollkommenste sein, die vollkommene Stufenleiter der Vollkommenheiten darstellen. Der unmittelbare Gegenstand dieser schöpferischen Tätigkeit sind einfache Wesen, alles Zusammengesetzte ist nur eine Folge dieser Schöpfung. Alles was in der Welt vorgeht, ist aus der Harmonie der einfachen Wesen zu erklären. Die einfachen Wesen sind „gleichsam eingeschränkte Götter“. Sie sind voneinander unterschieden durch größeres oder geringeres Bewußtsein ihrer Vollkommenheit. Das Gesetz des Menschen sei: „Handle deinen individualischen Vollkommenheiten gemäß“. Im Grunde steckt schon hier ein Stück Pandeismus, denn die Welt ist: die Vollkommenheiten Gottes zerteilt gedacht. Und Lessing sagt auch, daß er sich die Wirklichkeit einer Welt außer Gott nicht denken könne. Aber Spinozas Pantheismus ist das gleichwohl nicht. Die Unsterblichkeit betrachtet er wie Platon, die Indier u. a., als Mittel zur steten Vervollkommnung. Und gleicherweise die Seelenwanderung. Paragraph 93 und folgende in „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ heißt es: „Eben die Bahn, auf welcher das Geschlecht zu seiner Vollkommenheit gelangt, muß jeder einzelne Mensch (der früher, der später) erst durchlaufen haben... Warum könnte jeder einzelne Mensch auch nicht mehr als einmal auf dieser Welt gewesen sein?... Warum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin? Bringe ich auf einmal so viel weg, daß es der Mühe, wieder zu kommen, etwa nicht lohnet? Darum nicht? — Oder weil ich es vergesse, daß ich schon dagewesen?... Und was ich auf jetzt vergessen muß, habe ich denn das auf ewig vergessen? Oder weil so zuviel Zeit für mich verloren gehen würde? — Verloren? — Und was habe ich denn zu versäumen? Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?“ Das wiegt tausend Räsonnements eines trockenen Theologen auf. Schwierig damit, daß nämlich der Einzelne sich fortschreitend vervollkommnet, zu vereinen ist Lessings Ansicht, daß die Vollkommenheit der Welt keine fortschreitende sondern eine (durchschnittlich) stabile ist, was eben daraus folgen würde, daß Gott sie geschaffen hat. Ob dem Fortschritt Rückschritte entsprechen? Daß ein Lessing die Leibnizschen Lehren von Himmel und Hölle des Orthodoxen entkleiden mußte, versteht sich von selbst. Lessing wird auch zu den Popularphilosophen, Aufklärungsphilosophen gerechnet.

Von Herbart (1776 in Oldenburg geboren, 1841 gestorben) gehören wenigstens die Realen hierher. Darin, daß sie absolute Einheiten, unteilbar, zeitlos, raumlos sein und Aggregate von ihnen die Dinge bedeuten sollen, gleichen sie den Leibnizschen Monaden. Sie sind auch uranfänglich voneinander verschieden. Jede Reale soll ihre Qualität stetig und in Ewigkeit behalten. Das einzige, ihr inneres Leben Bedeutende ist lediglich die „Selbsterhaltung“. Diese macht sich geltend den „Störungen“ anderer Realen gegenüber, und in dieser Selbsterhaltung besteht alles Leben und Vergehen in der Natur. So sind alle unsere seelischen Tätigkeiten wie Denken, Fühlen, Wollen usf. nur Selbsterhaltungen gegen Anderes; und das Bewußtsein ist der Inbegriff all dieser Selbsterhaltungen. Die Dinge sind wie bei Leibniz ein Zusammensein von Realen, aber nicht in dessen geistigem Sinne, da die Realen keine Vorstellung haben, sondern ein mehr zufälliges. Wenn verschiedene Reihen von Realen einen gleichen Ausgangspunkt haben, so fassen wir sie als Ding auf. Gegenüber der Klarheit des Leibnizschen Systems weiß man sich hier kaum durchzufinden. Da die Realen absolut einfach und ohne jede Vorstellung von Anderem sein sollen, namentlich ohne jeden Wechsel in ihrem Inneren, wie erfährt da eine Seele die „Störung“, also die Gegenwart einer anderen Seele? Was kann Selbsterhaltung anderes bedeuten als Tätigkeit zur Erhaltung eines Vorhandenen, eben des Selbst? Wie ist das aber mit der absoluten, einfachen Wechsellosigkeit zu vereinigen? Was führt die Realen zusammen? Herbart spricht auch von Vorstellungen. Zeller (Geschichte der deutschen Philosophie seit Leibniz) meint, die Konsequenz dieses Systems wäre, „daß die Form, unter der uns die Realen erscheinen, ihre Verbindungen und die Änderung dieser Verbindungen, nicht in ihnen selbst und ihrem objektiven Verhältnis, sondern nur in unserer subjektiven Auffassung begründet sei“. Aber auch das geht nicht. Wir sind ja selbst Reale; wie kommen wir denn zu Auffassungen, ob subjektiven oder objektiven? In Herbarts Naturphilosophie machen sich die Übel dieser Unbegreiflichkeiten so schwer geltend, daß zuletzt — eben aus absolutem Mangel an jedem ideellen oder wirklichen Zusammenhang zwischen den Realen, wodurch auch ein Raum und eine Zeit, selbst nur gedacht „intelligibel“, ausgeschlossen wird — sogar Möglichkeiten von Zusammensein von Realen, erst als Bilder und dann als Reale selbst, behandelt werden, wie geometrische Konfigurationen, und daß auch teilweise Durchdringlichkeit der Realen angenommen wird. Ich darf hier aufhören, weil ich doch nicht weiß, wie eine deutliche Anschauung zu gewinnen ist. Nur das möchte ich noch erwähnen, daß Herbart Gott aus teleologischen Gründen setzt. Bringt Gott den Zusammenhang hinein? Und wie?