Viel wichtiger ist das zweite. Woher kam das Urwesen, oder woher kamen die Urwesen? Die beiden Hauptansichten darüber sind schon im Altertum geäußert worden. Nach den Mechanisten müßte es sich gerade so gebildet haben wie jeder unbelebte Körper. Damit hängt die sogenannte generatio equivoca, die Selbstzeugung, zusammen, an die noch Schopenhauer geglaubt hat. Ließen doch manche Griechen die Lebewesen einfach aus Schlamm oder Erde unter der Einwirkung der Hitze der Sonne auf diesen Schlamm oder die Erde erwachsen sein. Gerade die moderne Naturwissenschaft hat die Selbstzeugung als nichtig erwiesen. Unter den Umständen, die wir nur herzustellen vermögen, sagen die Materialisten strenger Observanz; aber unter anderen Umständen? — Darüber läßt sich nicht streiten, es liegt außerhalb der wissenschaftlichen Methode. Ich verweise aber, um Mißverständnissen vorzubeugen, durchaus auf die Definition der Lebewesen, wie wir sie unserem Kant verdanken und die wohl auch für den Materialisten allerstrengster Observanz gültig sein wird. Die zweite, schon im Altertum bekannte Annahme ist die neuerdings als Panspermie bezeichnete. Keime aller Dinge, auch der belebten Wesen, sollten durch das ganze Weltall verteilt sein, und wenn letztere in geeignete Verhältnisse kamen, sollten sie sich zu den betreffenden Lebewesen entwickeln. Die Entwicklung wurde mitunter nach der Evolutionslehre gedacht, deren neuerer intensiver Vertreter Albrecht von Haller gewesen ist. In jedem Keim (nach der Hauptansicht in der Eizelle, nach anderen Ansichten in der Samenzelle) steckt schon das Wesen in kleinster Gestalt, in diesem eingehüllten Wesen ein von ihm eingehülltes usf., so daß jeder Keim eine unendliche Zahl immer ineinander eingekapselter Wesen einer Art enthielte. Ein Keim ist so in der Lage, durch stete Fortpflanzung eine unbegrenzte Reihe von Wesen einer Art herauszuwickeln, und es genügte, wenn von jeder Art auch nur ein Keim von je vorhanden war. Wir wissen jetzt (bereits seit Caspar Friedrich Wolff 1759), daß diese Evolutionslehre in dieser Form nicht zutrifft. Auch in einer anderen Form, die Weismann ihr gegeben hat, und die lange in der Biologie großes Ansehen genoß, daß nämlich zwar nicht die vollständigen Wesen, aber doch die letzten Teile, aus denen sie sich bilden, in den Keimen schon vorhanden seien, so daß es sich um eine Trennung dieser Teile und dann um ein Wachstum handelt, muß die Evolutionslehre gegenwärtig abgelehnt werden. Denn gegenwärtig meint man: die Wesen entwickeln sich durch Sprossung oder Teilung aus einer Zelle, unter sehr verwickelten Erscheinungen auf Grund des Stoffwechsels, eine Lehre, die als Epigenesis bezeichnet wird, indem alles erst in der Entwicklung entsteht, aus gewissen Eigenschaften der Keimteile. Aber die Panspermie behält gleichwohl ihre Bedeutung. Eine Hauptschwierigkeit für sie kannten die Alten nicht, nämlich die sehr tiefe Temperatur des Weltalls, die wohl 150° C unter Null beträgt. Moderne Forscher, wie W. Thomson und Helmholtz, haben darum mehr gelegentlichen Transport von Keimen durch Meteorite für nicht ausgeschlossen gehalten und so Verbreitung von Weltkörper zu Weltkörper. Arrhenius hat dann, nach den Forschungen der neuesten Zeit über Strahlen- und Elektrizitätsdruck, gezeigt, daß kleine Keime auch ohne Meteorite von Weltkörper zu Weltkörper geschleudert werden können, und daß die Fluggeschwindigkeit dabei so groß sein kann, daß die Keime zwischen Körper und Körper die furchtbare Kälte des Weltraumes überdauern können. Das alles muß man jetzt zugeben; und so ist in der Tat die Verbreitung von Leben durch das Weltall möglich, zumal wenn man Keime aller Art zuläßt, namentlich auch solche, die unter ganz anderen Verhältnissen sich entwickeln können als auf der Erde herrschen, etwa unter solchen auf dem Monde, wo atmende Wesen in unserem Sinne nicht vorhanden sein können usf. Ich wüßte nicht, was dem entgegenstehen sollte. Atome werden ja auch von allen möglichen Arten angenommen, und wie wenig bei Keimen in ihrer Struktur dazu gehört, sie nach ganz verschiedenen Richtungen sich entwickeln zu lassen, ist ja bekannt; die Keimzellen (z. B. Ei und Sperma) differentester Lebewesen sind für uns mitunter kaum zu unterscheiden. Gleichwohl müssen sie jede ein Eigenes haben, das sie veranlaßt, sich gerade zu dem bestimmten Wesen zu entwickeln. Sind einmal Keimzellen gegeben, so hat es weiter keine Not, denn nun entwickeln sich solche Zellen im Laufe des Lebensprozesses immer weiter, wie gesagt, durch Sprossung oder Teilung; der Intervention einer neuen Urzelle bedarf es dann nicht.

Das alles betrifft die Entwicklung der Wesen-Reihe, die Phylogenie. Die Entwicklung der Einzelwesen, die Ontogenie, wäre sehr einfach, wenn die Evolutionstheorie sich als zutreffend erwiesen hätte; die Keime mit ihren ins Unendliche ineinandergekapselten Wesen gleicher Art wären von je, oder geschaffen, das Weitere beträfe nur die Auswicklung, sozusagen aus der Hülle, wobei der betreffende Urkeim von Geschlecht zu Geschlecht weiter und weiter gegeben würde. Nur die Umstände, unter denen die Auswicklung erfolgt und die Art, wie sie erfolgt und wie das Wachstum geschieht, böten, freilich recht bedeutende, Schwierigkeiten. Allein wir sollen es mit der Epigenesis zu tun haben, und da handelt es sich nicht bloß um diese Schwierigkeiten, sondern auch um die Frage, warum sich aus Ei und gegebenenfalls Samenzelle jedesmal ein den Eltern gleiches Wesen entwickelt. Hier gilt nun, wie man sagt, das Gesetz der Vererbung; und es wird darum als erwiesen angesehen, daß die Entwicklung der Einzelwesen in den ersten Stadien die der Wesenreihe bis zu einem gewissen Grade wiederholt. Die Phylogenie spiegelt sich in der Ontogenie wieder, oder noch schärfer: Die Ontogenie ist eine Rekapitulation der Phylogenie. Die Untersuchungen darüber sind außerordentlich verwickelt. Ich darf wegen dieses biogenetischen Grundgesetzes namentlich auf unseres greisen, dem Vaterlande zum Stolz gereichenden Forschers Häckel Schriften verweisen, denen nur grobe Unbedachtheit, um nicht ein härteres Wort zu benutzen, aus kleinen Irrtümern und Versehen, wie sie bei sorgfältigster Arbeit sich nicht vermeiden lassen, absichtliche Unrichtigkeiten unterschieben konnte. Wie weit die Ontogenie als Palingenesie in der Tat Phylogenetisches wiederholt, ist wohl noch strittig. Häckel selbst hat hervorgehoben, daß manche Stufen in der Ontogenie fehlen, andere abgekürzt auftreten und viele Stufen nachträgliche Erwerbungen, zenogenetisch sind, die sich in der Phylogenie nicht finden. Aber alles würde immer nur beweisen, daß Bestehendes möglichst erhalten wird, selbst wenn es längst vergangen ist, um so mehr, wenn es noch blüht. Tatsachen der Vererbung gibt es aber unzählige, sie sind durch die Deszendenztheorie fast Gemeingut geworden. Was veranlaßt aber die Vererbung, daß Wesen verschiedener Art nicht einmal Nachkommen hervorbringen können? Der Grund muß in den Elementen, aus denen die Lebewesen sich entwickeln, liegen, in Ei und Samen. Aber worin er besteht, wissen wir nicht. Der Inhalt von Ei und Samenzelle (Protoplasma, Nukleus, Chromatin, Zentrosom und vielleicht noch anderes) ist außerordentlich kompliziert gebaut. Noch komplizierter, abgesehen von den Einzelligen und den Amöben, trotz Feststellung typischer Vorgänge, wie namentlich der Gastrulation, ist die Entwicklung selbst. Es scheinen auch polare Kräfte mitzuspielen, für die wir noch keinen Ausdruck haben, und Struktur- und Beschaffenheitsdifferenzen in den Inhalten der Elemente. So ist das Gesetz der Vererbung einstweilen nur eine Umschreibung für eine Reihe von Tatsachen. Es muß aber mit außerordentlicher Energie wirken, da es aus einer unendlichen Zahl von Möglichkeiten immer nur ein Bestimmtes zuläßt und selbst noch Dinge, rudimentäre Organe, erhält, die für das Wesen nutzlos oder gar schädlich sind, worüber Darwin so eingehend geschrieben hat. Und dabei wirkt die Vererbung, indem sie sich nicht bloß auf das Ganze erstreckt, sondern sogar auf die kleinsten Einzelheiten; alle Organe, alle Gliedmaßen, alle Nerven, Muskeln, Knochen usf., und alles dieses in den feinsten histologischen Feinheiten, werden vererbt. Wir wollen diese Vererbung die morphologische nennen und setzen ihr an die Seite die biologische, indem die Vererbung auch die Folge in der Entwicklung der einzelnen Teile betrifft, sowie die funktionale, welche sich auf die Tätigkeiten der einzelnen Teile bezieht.

Allein die Vererbung geht selbst auf die Stellen des Eies, aus denen die Entwicklung geschieht; bestimmte Stellen entwickeln sich in bestimmter, immer gleicher Weise, wenn die Entwicklung ungestört geschieht. Das ist eine Lokalisationsvererbung. Driesch spricht darum von einer morphologischen Bedeutung der einzelnen Stellen im Ei, indem die Bedeutung dasjenige ist, was aus dieser Stelle bei ungestörter Entwicklung hervorgeht. Die Vererbung sorgt, daß auch hier immer das gleiche folgt; das nun ist um so wunderbarer, als die neuere Biologie wohl unzweifelhaft nachgewiesen hat, daß aus derselben Stelle sich sehr vieles andere entwickeln kann und unter Umständen in der Tat sich entwickelt, daß Stellen die Entwicklung anderer Stellen übernehmen und durchführen können. Der gleiche Forscher spricht deshalb auch von einer morphologischen Potenz dieser Stellen, welche viel umfassender ist als die morphologische Bedeutung. Unter allen Potenzen einer Stelle treibt die Vererbung bei normalen Verhältnissen also immer nur eine in die Aktualität, in die Bedeutung hinaus. Und nun kommt noch das weitere Wunderbare, daß, wenn die Verhältnisse bei der Entwicklung anormal sind, diese Entwicklung, trotz des dadurch bedingten Wechsels der in die Wirklichkeit gebrachten Potenzen der einzelnen Stellen des Eies, doch ein durchschnittlich normales richtiges Wesen zutage fördert. So mächtig ist das Gesetz der Vererbung im Kleinsten wie im Großen. Es ist ein morphologisches Gesetz von zwingender Gewalt. Also regelt die Vererbung Gestalt, Entwicklung aus dem Kleinsten in das Kleinste und Große, und in das Ganze, den Gang der Entwicklung, die Wirksamkeit aller Teile, ja auch Geistestätigkeit, wie jeder weiß. Es ist ein großzügiges Gesetz, da es Abweichungen zuläßt, ohne das Wesentliche zu beeinträchtigen. Als Erhaltungsgesetz steht es in einem gewissen Gegensatz zu dem Anpassungsgesetz, wirkt aber auch mit ihm zusammen, indem es immer das erhält, was nach dem Anpassungsgesetz eingetreten ist.

Zu der morphologischen Potenz möchte ich selbst noch folgende Bemerkung machen. Sie ist zunächst ontogenetisch verstanden, bezieht sich also auf dieselbe Wesensart, eigentlich auf eine bestimmte Zelle. Wenn man aber beachtet, daß die Ontogenie der Phylogenie entspricht, so möchte man fast glauben, daß die morphologische Potenz noch eine viel allgemeinere Bedeutung hat, nämlich auch eine phylogenetische. Alsdann würde sie besagen, daß aus dem Eiinhalt an sich überhaupt jedes mögliche Wesen entstehen kann. Von vornherein hätte der Eiinhalt die Eigenschaft, nicht bloß aus jeder Stelle jedes zu dem betreffenden Individuum Gehörige hervorzubringen, sondern auch jedes beliebige Individuum jeder beliebigen Art. Er sei morphogenetisch gänzlich universell, und die phylogenetische Entwicklung bedeute lediglich ein immer weiteres Zutagetreten der Potenzen des Eiinhaltes zu immer neuen Formen. Es wäre dieses eine Art phylogenetische Evolution, jedoch nicht vorhandener Formen, auch nicht von Differenzierungen vorhandener Bausteine, sondern von Potenzen, die dem protoplasmatischen Stoffe, der den Eiinhalt bildet, von vornherein innewohnen, Potenzen, wie im Individuum zu allen seinen Teilen, so in der Wesenreihe zu allen Wesen beliebiger Art. Eine derartige Anschauung würde den Zusammenhang zwischen Ontogenie und Phylogenie ins klare setzen und die Entstehung der verschiedenen Wesenformen in den Gang der Entwicklung eines Wesens und den durch äußere oder andere Einflüsse herbeigeführten Abschluß dieser Entwicklung verlegen. Die bestehenden Wesen wären nicht die vollendeten Entwicklungen, sondern Stufen in der allgemeineren Entwicklung der Gesamtpotenz des protoplasmatischen Stoffes. Und das Steigen in der Reihe der Wesen wäre bedingt durch das immer später eintretende Abschließen der Stufen. Kennen wir doch Lebewesen, die unmittelbar Stufen in einer bestimmten Entwicklung sind und als solche ihr ganzes Dasein verbringen, wenn sie nicht später die Entwicklung fortsetzen. Manche halten sogar das Weib für ein Wesen, das gegenüber dem Mann auf einer früheren Stufe der Entwicklung stehen geblieben ist. Vielleicht ist nicht bloß eine Art des betreffenden Stoffes vorhanden, sondern es bestehen zwei Arten, mit abweichenden phylogenetischen Potenzen; eine für die Reihe der Tiere, die andere für die Reihe der Pflanzen. Vielleicht sind auch selbst für die Reihe der Tiere mehrere Arten des protoplasmatischen Stoffes anzunehmen. In einer so ungemein verwickelten Sache hat man das Recht, auch allgemeine Ideen zu äußern. Doch mag es bei dieser Äußerung selbst verbleiben; der Phantasie sei es überlassen zu träumen, wie viele neuartige Wesen noch als weiterer, später eintretender Abschluß der Entwicklung aus dem protoplasmatischen Stoff entstehen können.

Ein ferneres Erhaltungsgesetz können wir in der Restitution, die als Sonderfall die Regeneration enthält, sehen, wonach Lebewesen ihren Körper ergänzen und erneuen, vollständig oder wenigstens zum Teil. Die Beispiele hierfür streifen mitunter das Verblüffende; so wenn von manchen Tieren abgeschnittene Stücke sich zu ganzen, gleichen Tieren wieder auswachsen, unmittelbar oder nachdem sie zuvor eine Rückverwandlung fast in den ersten Zustand erfahren haben, so weiter, wenn von gewissen Zellen einer Pflanze neue Zweige oder Blätter oder gar eine ganze neue gleiche Pflanze hervorwächst usf. Je höher wir in die Reihe der Lebewesen kommen, desto mehr verliert allerdings der Körper die Fähigkeit, sich zu ergänzen. Aber selbst bei dem Menschen ist sie noch nicht ganz erloschen. Und wo die unmittelbare körperliche Restitution, hier oder bei anderen Wesen, fehlt, tritt wenigstens Nebenbildung, Umbildung, Weiterbildung oder Funktionsübertragung ein. Für Nebenbildung sind Beispiele die adventiven Restitutionen, indem in der Nähe eines verlorenen Organs ein anderes entsteht wie bei Pflanzen, wozu auch die Bildung von neuen Organen neben nur teilweise entfernten Organen gehört wie „der Gliedmaßen und des Schwanzes bei Amphibien, des Kopfes der Planarien, der Wurzelspitze der Pflanzen“; für Umbildung bei Pflanzen die Umwandlung von Schuppen in Blätter oder die Umbildung von verletzten Augen bei gewissen Krebstieren in Antennen; Weiterbildung durch kompensatorische Hypertrophie zeigt sich in der Vergrößerung von Organen, wenn das Gegenorgan verloren ist, wie einer Niere nach Verlust der zweiten Niere; endlich Funktionsübertragung finden wir oft bei Gehirnkrankheiten, wenn zum Beispiel bei Lähmung des Sprechzentrums andere Stellen des Gehirns allmählich die Sprechermöglichung übernehmen.

Zu diesen Erhaltungsgesetzen kommt noch ein morphologisch-biologisches Ordnungsgesetz, das schon erwähnte und in Kants Auseinandersetzungen vom Naturzweck ([S. 369]) behandelte Gesetz der Harmonie, das die Zusammenstimmung aller Teile in der Ordnung, der Ursache und Folge und in der Wirksamkeit vermittelt. Doch es ist in einem so außerordentlich dunkeln und schwierigen Gebiet, auf dem sogar die speziellen Fachleute, weil eben die Beobachtungen noch nicht entfernt hinreichen und darum die mannigfachste Deutung zulassen, gefährlich, von bestimmten Gesetzen nach bestimmten Richtungen zu sprechen.

Ich habe darum nur dasjenige vorgebracht, was mir gegenwärtig noch am sichersten zu sein scheint, wenngleich es wohl sehr vieles andere gibt, das nicht minder bedeutungsvoll ist. Und alles betrifft, wie der Leser sieht, meist den Körper und dessen Funktionen. Und die Gesetze sind Regulation für den Körper und dessen Funktionen, morphologisch-biologische Regulation, und zwar nicht bloß für die Einzelwesen, sondern auch für die Wesenreihe, also ontogenetisch und phylogenetisch. Wie es sich mit der Psyche verhält, werden wir noch sehen. Aber auch das obige wird noch zu ergänzen sein.

52. Energetische Anschauungen; Ostwald und Häckel.

Es muß hervorgehoben werden, daß kein Vorgang in der Natur ohne Änderung von Energien in ihrer Menge oder Umwandlung in andere Energien vorhanden ist. Wir sprechen allgemein von Umwandlung von Energien. Ein Stein, den ich halte, hat Schwereenergie; lasse ich ihn fallen, so geht ein Teil dieser Energie in Bewegungsenergie über, ist der Stein auf die Erde gestürzt, so wandelt sich die Bewegungsenergie in Wärme oder Energie beim Zerschlagen usf. um. Die Schule der Energetiker, deren Führer Wilhelm Ostwald ist, setzt an Stelle aller Vorgänge Energieumwandlungen. Die Welt enthält eine gewisse Zahl von Energien in bestimmter Gesamtmenge; das Leben der Welt bedeutet die stetige Umwandlung dieser Energien hier und überall, unter Wahrung der Gesamtmenge, die unveränderlich ist. Bewegungsvorgänge, Lichtvorgänge, Wärmevorgänge, chemische Vorgänge usf., alles ist nur Energieumwandlung. Das soll nun ebenso für die Vorgänge des Lebens gelten, und zwar nicht bloß des animalischen, sondern auch des seelischen und geistigen. Ostwald, in seinem Buche „Die Energie“, sagt: „Dieses Verhältnis (des Begriffes der Energie zu dem des Geistes) glaube ich so auffassen zu dürfen, daß die geistigen Geschehnisse ebenso sich als energetische auffassen und deuten lassen, wie alle übrigen Geschehnisse auch.“ Diese Theorie wird an den Tatsachen des Lebens erläutert. Zunächst das rein Animalische bietet keine Schwierigkeit, die Vorgänge im Körper sind ja die gleichen wie sonst in und an beliebigen Körpern. Sind die Vorgänge in der physischen Welt überhaupt nur Energieumwandlungen, so sind sie es auch im Körper der Lebewesen. Die Sinneswahrnehmungen sollen gleichfalls nur solche Umwandlungen bedeuten. Energien gelangen an und in unsere Sinnesorgane, dort werden sie in andere Energien umgewandelt (z. B. wie die Lichtenergie im Sehpurpur des Auges auch in chemische Energie), dann findet eine Leitung durch den Nerv (seinen Achsenzylinder) statt, als „Nervenenergie“, deren Art Ostwald selbst als noch nicht bestimmbar angibt. Im Zentralorgan, Gehirn oder Rückenmark (in den Ganglien) angelangt, erfährt die Energie eine abermalige Umwandlung in „psychische Energie“ (vielleicht Energie chemischer Zersetzung, Dissimilation). Ein Teil wird Wahrnehmung, der andere geht als Nervenenergie zurück, wandelt sich in den Organen des Körpers um und veranlaßt dort die Energieumwandlungen, die wir in der Bewegung, Ausscheidung usf. sehen. Also nur Umwandlung von Energien in Energien. Und Ostwald sagt ausdrücklich: „Daß die geistigen Vorgänge in all ihrer Mannigfaltigkeit eben nicht als Begleiterscheinungen der betreffenden Energie, sondern als diese Energie selbst aufgefaßt werden müssen“. Also die ganze psychische Tätigkeit ist Energie und deren Umwandlung. (Übrigens behaupten die Mechanisten das gleiche in bezug auf Bewegung: die psychistische Tätigkeit ist Bewegung und deren Umwandlung. Ostwald faßt die Mechanistik anders auf: die psychistische Tätigkeit soll danach Begleiterscheinung der Bewegung sein; das ist aber, wie ich glaube, nicht die Ansicht Demokrits und seiner Nachfolger.) Was dazu zu sagen ist, werde ich im nächsten Abschnitt beibringen.

Hier will ich nur einen der interessantesten Punkte dieser Energetik hervorheben. Ostwald meint, die wesentlichste Energie in uns sei die chemische. Nun lassen sich chemische Anordnungen ersinnen und aufweisen, welche wiederholte Vorgänge leichter ausführen als erstmalige. Dieses vergleicht Ostwald mit dem Gedächtnis in den Lebewesen sowohl hinsichtlich des Eigenlebens als hinsichtlich der Vererbung, also die chemische Erinnerungsfähigkeit mit der psychischen. Indem er dann weiter das Bewußtsein des Ich gleichfalls in die Erinnerung und die Erinnerungsmöglichkeit setzt, gewinnt er einen Zusammenhang dieses Bewußtseins mit der chemischen Erinnerung. So sagt er dann: „Hier schützt uns die Energetik alsbald gegen die kindliche Vorstellung von der ‚Aufbewahrung der Erinnerungsbilder‘ in den Zellen des Gehirns, indem sie an die Stelle der Bilder die entsprechenden Vorgänge, das heißt an die Stelle einer gedachten räumlichen Mannigfaltigkeit, für welche kein Substrat nachzuweisen ist, eine zeitliche Reaktionsfolge setzt, die allein dem zeitlichen Charakter der geistigen Vorgänge gerecht wird“. Ostwald hat mit der Ersetzung des Raumes durch die Zeit sicher recht, wenn jemand die Bilder im Raume annehmen würde. Der Psychiker tut das aber nicht; er setzt sie in die Seele, die mit dem Raum gar nichts zu tun hat. Der Mechanist muß freilich die Bewegungen im Gehirn verteilt annehmen. Der Energetiker hebt — so muß man wohl Ostwald verstehen — den Begriff des Raumes überhaupt auf, da er den der Masse auflöst. Darüber später. Gleichwohl ist es schwer einzusehen, wie aus der Reaktionsfolge Erinnerung und Erinnerungsvermögen sich ergeben sollen. Jeder Schritt in einer Reaktion ist ja geschwunden, sobald er beendet ist; er hat ja kein Bleibendes eben als Folge. Wie soll da im Laufe einer Reaktionsfolge ein vergangener Schritt zum Vorschein kommen? Wir entwickeln einen Gedankengang, das wäre eine Reaktionsfolge. Wir können ihn nur entwickeln, wenn wir alle Schritte dieses Ganges uns fortwährend vorhalten; sobald ein Schritt uns nicht gegenwärtig ist, haben wir den Faden verloren, wie wir sagen. Also soll eine physische Reaktionsfolge bei jedem Schritt die ganze voraufgegangene Reaktion zugleich darstellen. Das ist notwendig; die einfache Nachwirkung von Reaktionen, wie sie in der Physik und Chemie bekannt sind — ein Kautschukfaden dehnt sich anders, wenn er vorher schon gedehnt gewesen ist, als wenn er das nicht war — genügt nicht. Die ganze verflossene Reaktion muß bei jedem Schritt der Reaktion immer wieder da sein. Es ist dieses ein Seitenstück zu der Darlegung der organisierten Körper als Maschinen mit ganz gleichen Maschinen als kleinsten Teilchen derselben. Ich weiß nicht, wie man das verstehen soll. Nun gar das Erinnerungsvermögen. Hier soll irgendeine Reaktion längst verflossene Reaktionsfolgen hervorrufen, die mitunter mit ihr nicht die geringste Ähnlichkeit haben, wie wenn man einen Ton hört und sich dabei einer Farbe erinnert oder eines Gegenstandes oder einer Begebenheit. Die Vorstellungen ohne Substrat müssen ja nach dieser Theorie gleichfalls Reaktionsfolgen von Energien sein. Ich hebe diese Bedenken schon hier hervor. Über die Auffassung unserer geistigen Tätigkeiten, unserer Gefühle, unserer Anschauungsformen, unserer Kategorien (ob erworben oder nicht erworben) im Sinne der Energetik, hat sich Ostwald nicht ausgesprochen; er hat selbst anerkannt, daß das meiste noch sehr dunkel sei.