Wir kommen zur dritten Klasse; sie umfaßt das Tätigkeitsgebiet der sensiblen Nerven; Reize der physischen Energien bringen psychische Erscheinungen, und zwar fast alle — die Physizisten sagen, überhaupt alle — hervor. Teilen wir die psychischen Erscheinungen ein in: Wahrnehmen (physisch und psychisch), Vorstellen (Anschauen, Phantasieren, Erkennen, Erinnern usf.), Empfinden (Fühlen, Begehren usf.), Denken (Schließen, Glauben usf.), Wollen, so würden also im Extrem alle diese Erscheinungen von physischen Energien hervorgerufen werden können. Dagegen läßt sich nichts sagen, jeder weiß es. Und wenn der Körper mit der Außenwelt in Verbindung sein soll, muß es ja auch selbstverständlich so sein. Es fragt sich nur wie? Wenn jemand unsere zur Faust geschlossene Hand ergreift und öffnen will, so löst diese Energie unseren Willen aus, und dieser löst die physische Gegenwirkung unserer Muskeln gegen den Angriff aus. Das ist einfach: ein explodierender Pulverhaufen kann von Feuererscheinungen begleitet sein, die den erloschenen Funken, der ihn zur Explosion gebracht hat, wieder entzünden. Ähnlich brächten physische Energien in den Sinnesorganen psychische Sinneswahrnehmungen hervor, wie die fünf bekannten, dazu noch Kälte- und Wärmeempfindung, Schmerzempfindung, Gleichgewichtsgefühl, Körpergefühl usf., wobei nicht entschieden zu werden braucht, ob spezifische oder nur graduelle Verschiedenheiten zwischen einigen dieser Wahrnehmungen bestehen. Schwieriger ist es schon, zu begreifen, wenn Reize Erkennen, Erinnern, Denken, Fühlen auslösen, und noch mühevoller, wenn dieses mit mehreren Seelentätigkeiten der verschiedensten Art zugleich geschieht.

Ich habe bei den bisherigen Betrachtungen die unbewußten Seelentätigkeiten von den bewußten nicht getrennt; um so mehr aber muß jetzt ein Unterschied gemacht werden. Über das Verhältnis der ersteren zu den physischen Energien kann man die Behauptungen nicht prüfen, denn es fehlt hier auch die innere Untersuchung, von der äußeren ganz zu schweigen. Bei den bewußten Seelentätigkeiten aber haben wir die innere Prüfung zur Verfügung. Hier glaube ich nun behaupten zu dürfen, daß zwischen Reiz und ausgelöster Seelentätigkeit stets ein anderes sich schiebt, die Kausalität. Es ist bekannt, daß die physische Anschauung apriorische Eigenschaften der Psyche nicht anerkennt. Mit allen Kategorien soll die Kausalität erworben, aus der Erfahrung jedes einzelnen oder ganzer Geschlechter erschlossen, abstrahiert sein. Die Kausalität ist dann, wie alle Kategorien, selbst psychisch wesenlos, denn die Seelentätigkeit ist das Schließen, nicht das Ende des Schließens, der Schluß. Und eine andere Ansicht kann die physische Anschauung vom Leben auch gar nicht haben. Von diesem Standpunkte aus folgt die Kausalität, wie jede Kategorie, den durch Reize ausgelösten Seelentätigkeiten. Der Gegenstand ist außerordentlich schwierig. Ich glaube aber, wie schon bemerkt, in meinem Buche „Philosophische Grundlagen der Wissenschaften“ naturwissenschaftlich das getan zu haben, was Kant philosophisch geleistet hat: erwiesen zu haben, daß Reize bewußte Seelentätigkeiten gar nicht auslösen ohne Mitwirkung der Kausalität, daß diese Mitwirkung — wenn nicht gar Vorwirkung — die unausweichliche Bedingung ist für jedes bewußte Leben in der physischen Welt. In dieser Hinsicht nimmt die Kausalität für das Leben die gleiche Stellung ein wie das Bewußtsein selbst. Ja, man könnte wohl sagen: es gibt gar kein Bewußtsein von der Einheit des Ich im Verhältnis zur äußeren Welt und zu der Mannigfaltigkeit der inneren Welt ohne Kausalität, denn ohne Kausalität ist ein Erkennen sowohl des Verschiedenen als des Gleichen völlig ausgeschlossen, also das Erkennen überhaupt und jeder Zusammenhang. Ich glaube sogar erwiesen zu haben, daß selbst die Anschauung, die wir von den Besonderheiten des Raumes haben, nicht ohne die Kausalität hat gewonnen werden können, gerade wenn naturwissenschaftlich gesprochen wird. Ist dies aber alles zutreffend (man vgl. auch [S. 409], [414] f.), wie soll man sich dann die Verbindung zwischen Kausalität — und das gilt auch für alle anderen Kategorien — und physischen Energien vorstellen? Kann da auch nur von einer Auslösung gesprochen werden? Ich glaube, so wenig wie bei der Zeit- und Raumanschauung. Und diese haben wir ununterbrochen im bewußten Zustande, die Kausalität tritt aber hier jedesmal erst auf, wenn ein Reiz ausgeübt wird, und dann folgt die betreffende Seelentätigkeit als Erkennung des Reizes.

Endlich die vierte Klasse, die Verbindung der psychischen Tätigkeiten miteinander. Häckel sagt geradezu: „Jede Psychomform kann in eine andere übergeführt werden“. Also Umwandlung der psychischen Energien ineinander. Hierfür scheint manches zu sprechen. Wir haben die Empfindung „Hunger“; wir essen, und allmählich schwindet diese Empfindung, und es wächst die Empfindung „satt“ heran, die bis zu „übersatt“ steigen kann, die eine oder andere als Äquivalent für die verlorene Empfindung Hunger. So wandelt sich auch mitunter das Gefühl der Verehrung in das der Gleichgültigkeit oder gar der Verachtung, das der Liebe in Haß usf. Indessen kennen wir auch Fälle, in denen von einer Umwandlung des einen in das andere doch wohl nicht die Rede sein kann. Es scheint, als ob die Seelentätigkeiten in Gruppen zu teilen sind, die sich getrennt voneinander halten, sich nicht ineinander wandeln. Worin soll sich das Bewußtsein wandeln, da es doch überall dabei sein muß und, wie das Auge die Gegenstände, so die anderen Seelentätigkeiten wie ganz außer und über ihnen betrachtet? Wer Kategorien, wie die Kausalität, anerkennt, wird auch wegen ihrer in Verlegenheit sein. Sie sind die Regulative für alle inneren Seelentätigkeiten, wie Wahrnehmen, Denken usf. Nehmen wir noch ein handgreiflicheres Beispiel. Es meint ein Mensch, aus Unwissenheit oder aus Aberglauben, oder aus besonderer Stimmung heraus, ein Gespenst zu sehen. Es ist eine innere Wahrnehmung. Bangen, Furcht und Angst ergreifen ihn und dauern mit der Wahrnehmung. Eine Umwandlung der Wahrnehmung in diese Gefühle hat nicht stattgefunden, die Wahrnehmung kann diese Gefühle sogar überdauern. Aus solchen und ähnlichen Beispielen glaube ich entnehmen zu sollen, daß auch die psychischen Energien, um wieder energetisch zu reden, sich nur auslösen, und daß die Umwandlungen nur scheinbar sind, indem immer ein anderes dazwischen tritt, so der Reiz, den die Speisen ausüben, der die eine Empfindung, Hunger, aufhebt und die andere, „satt“ oder „übersatt“, auslöst, neue Wahrnehmungen über den Gegenstand der Verehrung oder Liebe usf. Daß aber außerdem, auch hier wie bei der dritten Klasse, Erscheinungen auftreten, Regulierungen, die keiner physischen Energie zukommen.

Überblicken wir alles bisher Gesagte, so ergibt sich folgendes:

1. Werden die Seelentätigkeiten als physische Energien betrachtet, so hat man sie als auslösende Energien anzusehen. Sie können dann ihr Äquivalent nur ineinander finden, was allgemein nicht zutrifft. Oder sie haben ihr Äquivalent in den physischen Energien der betreffenden Nervenzellen (Ganglien und Ganglienanhäufungen im Gehirn, Rückenmark, Sonnengeflecht), im Psychoplasma, wie Häckel sagt. Das letztere zu behaupten sind die Materialisten und Energetiker naturgemäß am meisten geneigt. Aber haben sie die Behauptung auch schon experimentell bewiesen? Man kann darauf nur mit Nein antworten. Die feststehende Tatsache, auf die sie sich immer berufen, daß Körper und Geist sich stets beeinflussen, ist kein Beweis. Es ist richtig, daß das Gehirn eines müden Menschen durch Dissimilation gewisse Stoffe mehr enthält und andere weniger als das eines nicht müden. Müssen darum diese Umwandlungen Äquivalente der Gedanken- oder Gefühlsenergien sein, können sie nicht indirekt entstanden sein? Man denke an folgenden Fall. Der Wille zwingt einen Muskel, sich zusammenzuziehen oder zu strecken. Während des Zustandes der Kontraktion oder Streckung bildet sich im Muskel als störender Stoff Milchsäure aus, und der Muskel ermüdet und zehrt zuletzt gewissermaßen den Willen auf. Aber unter wie anderen Ernährungsverhältnissen steht der kontrahierte oder gestreckte Muskel gegenüber dem normal liegenden! Diese Änderung der Ernährungsverhältnisse hat die Änderung in der Zusammensetzung des Muskels herbeigeführt, die Änderung ist kein Äquivalent des Willens. Ähnlich ist kaum eine Seelentätigkeit ohne Beeinflussung des Herzens und anderer Teile des Körpers vorhanden. Die dadurch herbeigeführten physischen Änderungen müssen auch die Ernährung der Zellen ändern. Dies alles kann man, wie ich glaube, mit großem Rechte jener apodiktischen Behauptung so lange entgegenhalten, als nicht Beweise im einzelnen beigebracht sind. Und diese fehlen noch, wenn auch zugestanden werden kann, daß die Untersuchung namentlich der Stromschwankungen in den Nerven und der Stoffumsetzungen in den Ganglien einiges in Aussicht stellen mag.

2. Die Seelentätigkeiten bieten Erscheinungen, die bei keiner physischen Energie anzutreffen sind, indem sie namentlich, zur Entwicklung und Erhaltung des Körpers als lebenden Gegenstandes, auch regulierend wirken. Hierüber ist nach dem Gesagten nichts hinzuzufügen.

3. Es gibt Seelentätigkeiten, denen der Charakter von Energien beizumessen nicht angängig ist. Dahin gehört vor allem die Anschauung der Zeit und gehören die Kategorien, wie namentlich die Kausalität, Regulative des inneren Lebens und des Lebens in und mit der äußeren Welt. Auch das Bewußtsein würde ich hierher rechnen als Organ zur Wahrnehmung des inneren Lebens.

Endlich bedenke man noch folgendes: Was haben wir von den physischen Erklärungen der psychischen Tätigkeiten noch außerdem zu verlangen?

4. Alle physischen Vorgänge müssen sich zusammengefaßt als ein Gesamtes erkennen; es entspricht das unserem Bewußtsein von unserem Ich und dem was auf [S. 455] f. davon und von den Ostwaldschen Reaktionsfolgen gesagt ist.

5. Jeder physische Vorgang muß sich außerdem für sich in sich erkennen.