Ist nun die Welt wirklich endlich? Darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Die meisten werden der Ansicht sein, daß das nicht der Fall ist. Indessen haben William Thomson (Lord Kelvin) und Ritter Berechnungen über die möglichen Geschwindigkeiten der Himmelskörper im Weltall aufgestellt, aus denen sich ergibt, daß die materielle Welt nicht wohl unendlich angenommen werden kann. Ich darf auf mein Buch „Die Entstehung der Welt“ usf. verweisen. Wäre diese Welt unendlich, so müßte sie entweder erst seit endlicher Zeit bestehen, geschaffen sein, oder die Himmelskörper sollten außerordentlich viel größere durchschnittliche Geschwindigkeiten aufweisen, als sie solche zeigen. William Thomson geht so weit, die Zahl der Himmelskörper, an der Größe der Sonne gemessen, auf höchstens Tausend oder zehntausend Millionen zu schätzen. Selbstverständlich ist eine solche Schätzung nicht entscheidend, da wir einerseits nicht bis in die unendlichen Tiefen des Raumes tauchen können, andererseits unsere Kenntnisse von den Geschwindigkeiten der Gestirne doch nur sehr beschränkt sind. Aber während die Antinomie der Vernunft an sich Unendlichkeit und Endlichkeit gleich wahrscheinlich läßt, ist für die Endlichkeit doch wenigstens ein Argument aus der Wirklichkeit beigebracht, während die Unendlichkeit nur durch eine Meinung vertreten werden kann. Das Argument müssen wir anerkennen. Und so ist die Endlichkeit der Welt wahrscheinlicher als die Unendlichkeit, und damit die Schöpfung wahrscheinlicher als die Anfangslosigkeit.

Um einer solchen, für den Materialismus ja verhängnisvollen, Schöpfung (als Folge des Endes) zu entgehen, hat Häckel gemeint, jenes dritte Weltprinzip gelte zwar für isolierte endliche Systeme, nicht aber für das Universum, denn in der Unendlichkeit könne manches vorkommen, was das Prinzip durchbricht. (Ich weiß nicht, ob er dabei an die Boltzmann-Planckschen Kohärenzen gedacht hat, die ja aber das Prinzip gerade im Universum nicht durchbrechen.) Das heißt doch eigentlich, Vorgänge im Universum zugestehen, die man für irgendwelche endliche Teile der Welt absolut leugnet. Nun wissen wir freilich nicht viel vom Universum, aber seine Einheitlichkeit ist doch gut erwiesen. Und ferner: will man hier besondere, in dem uns bekannten Teil der Welt verbotene Vorgänge zugestehen, dann fallen alle Naturgesetze, namentlich auch die beiden Erhaltungsgesetze für Materie und Energie, die wir doch auch nur in sehr beschränktem Gebiete prüfen können. Es liegt also hier eine arge Inkonsequenz vor. Man kann nicht monistisch-materialistisch auf einer Seite die absolute Gleichheit in der Natur behaupten, und auf der anderen Seite ein Gesetz, das für noch so große und noch so gelegene Systeme der Welt Geltung haben soll, für die ganze Welt ableugnen, ohne gerade das einzuführen, was ja der Materialist am meisten bekämpft, außerweltliche Eingriffe.

Wir wenden uns zu der belebten Welt. Über die Mechanistik selbst, wie sie vorzustellen sein möchte, ist nichts zu sagen; Bewegung, Stoß, Druck, Strahlung sind allen bekannt. Zehnder hat in einer Schrift: „Das Leben im Weltall“ vielleicht das vollständigste und durchgearbeitetste materialistisch-mechanistische System für die Struktur und die Bildung der Lebewesen gegeben. Ich kann die Lektüre dieser ausgezeichneten und anregenden Arbeit nur auf das angelegentlichste empfehlen. Doch wird der Leser an der Hand der vorstehenden und der noch folgenden Auseinandersetzungen bald ersehen, daß für die Lösung unserer Fragen, trotz der tiefen Untersuchung, nichts gewonnen ist, wie meines Erachtens auf diesem Wege auch gar nichts gewonnen werden kann. Den Ansichten Zehnders über die Fistillen(Röhrchen-)struktur der kleinsten Elemente der organischen Gewebe dürfte aber neben der von Quincke und anderen vermuteten Schaumstruktur des Protoplasma vielleicht dauernder Wert zukommen.

Eingehender muß ich von der Energetik sprechen. Was da zu entwickeln ist, werden wir auf die Mechanistik anwenden, soweit über diese noch etwas bemerkt werden muß. Das physische Leben soll also Energieumwandlungen sein. Über die Art der Energien und ihrer Umwandlung ist nichts gesagt. Etwas kann aber darüber festgesetzt werden, und muß es auch, wenn die Energetik nicht von vornherein abgewiesen werden soll. Es stehen nämlich die Folgen der einwirkenden Energien mitunter in gar keinem Verhältnis zu der Stärke dieser Energien, was sie doch nach dem Prinzip der Erhaltung tun müßten. Hier hilft nur die Erfahrung aus, daß ungeheure Wirkungen durch geringe Ursachen ausgelöst werden können, wie die Explosion eines Pulverfasses durch einen Funken. Der Funke reißt vielleicht nur zwei Atome des Pulverhaufens auseinander, aber das genügt, daß nunmehr alle Atome des Haufens auseinanderfahren. Der Funke hat mit seiner Energie die Spannungsenergie im Pulverhaufen frei gemacht, daß sie sich in furchtbare Explosionsenergie verwandelt.

Ich glaube nun, daß, wenn man die Seelentätigkeiten überhaupt als Energien ansehen will, man sie als auslösende Energien betrachten muß. Daß der Wille wie eine auslösende Tätigkeit wirkt, ist schon lange vermutet und behauptet worden. Ich meine aber, daß alle anderen Seelentätigkeiten gleichfalls nur auslösend sich kundtun. Es seien zur Klarstellung einige Beispiele angeführt. Ein Riß, ein Schnitt in unseren Körper kann keine größere physikalisch-chemische Energie bedeuten, als zum Zerteilen des betreffenden Gewebes erforderlich ist. Diese Energie bringt das Gefühl Schmerz hervor. Und welche enormen physikalisch-chemischen Energien kann dieser Schmerz zur Äußerung bringen: Schreien, Weinen, Umsichschlagen, Krampf aller Muskeln, selbst Selbstverletzung usf., Energien, die schon jede für sich die ursprünglich angewandte Energie beim Riß oder Schnitt bei weitem überragen. Fände nur eine Umwandlung statt, so dürften sie alle zusammen nur höchstens so intensiv sein wie diese letztere Energie. Also sind durch die Seelentätigkeit Schmerz ganz neue physikalisch-chemische Energiemengen ins Leben gerufen, sie können nur ausgelöst sein. Dazu denke man noch, daß wir diese Energien bis zu einem gewissen Grade durch unseren Willen ja auch zu unterdrücken vermögen; wir halten uns tapfer oder wir schämen uns, uns so gehen zu lassen, die Energien sind dann nicht ausgelöst, ein Antagonist gegen den Schmerz, der Wille, hat ihre Auslösung gehemmt. Beispiele entsprechender Art ließen sich unzählige anführen; man denke an die ungeheuren Energieentwicklungen, welche das Ehrgefühl, das Rachegefühl, die Liebe usf. im Gefolge haben können und haben, während die auf uns einwirkende physikalisch-chemische Energie — ein Wort, also ein Schall, der unser Gehör trifft, oder Licht, von der Geliebten Gestalt in unser Auge gestrahlt, und ähnliches — äußerst geringfügig sein kann. Ferner, wir sind imstande, eine Unzahl von Bewegungen mit demselben Willen gleichzeitig auszuführen. Als Knabe habe ich in meinem Heimatorte fahrende Musikanten bewundert, die ein ganzes Orchester waren; Hand und Fuß, Kopf und Mund, kurz, fast jeder Körperteil bearbeitete ein Instrument, und nicht selten klangen alle Instrumente zugleich und machten einen Heidenlärm. Wir vermögen ja auch von einer Zentrale beliebig viele Sprengungen zugleich zu vollführen, alles auslösend. Man könnte im letzten Beispiel freilich sagen, um mehr oder viel zu tun, bedarf es einer entsprechend vergrößerten Willensleistung, wie in dem analogen physikalischen Beispiel die Zahl der erforderlichen elektrischen Funken wächst wie die Zahl der Sprengungen. Wir besitzen noch kein entscheidendes objektives Maß für die Intensität unserer Seelentätigkeiten; was davon nach außen zum Vorschein kommt, steht in gar keinem Verhältnis zu ihnen, wie ja schon daraus erhellt, daß wir bei noch so heftiger innerer Erregung jede Äußerung unterdrücken können, so daß wir wie innerlich völlig tatlos erscheinen. Es ist möglich, daß man noch Mittel und Wege finden wird, auch die im Inneren verlaufenden Seelentätigkeiten physikalisch-chemisch festzustellen und zu verfolgen. Die Wirkungen von Reizen auf das Zentralnervensystem werden ja bereits nach geistvollen Methoden untersucht. Einstweilen aber wenden wir uns noch am besten an uns selbst. Und da glaube ich, daß man zwar seinen Willen stärken und schwächen kann, aber nicht, indem man ihn verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht usf. oder unterteilt, sondern indem man mit dem gleichen Willen andere Seelentätigkeiten wie Gleichgültigkeit, Trägheit, Abschweifung, Bedenken, Furcht usf., kurz, Antagonisten oder Hemmer aus dem Wege schafft. Der „Geübte“ braucht ja auch nur eines relativ kleinen Willens, um die physikalisch-chemische äußere Energie zu entwickeln, die der Ungeübte bei noch so heftigem Wollen nicht zustande bringt, weil eben die Seelentätigkeiten einander nicht beliebig weichen, von den bekannten physiologischen Verhältnissen zu schweigen, da sie im letzten Grunde — selbst wenn für „gewohnte Nervenbahnen“ andere histologische Struktur oder chemische Zusammensetzung oder physikalisches Verhalten nachgewiesen sein sollten, wie für die ungewohnten — doch wieder auf psychologische Verhältnisse zurückführen.

Die obigen Auseinandersetzungen mögen noch Zweifel lassen, im ganzen werden sie aber wohl die aufgestellte Behauptung rechtfertigen, daß die psychischen Energien auslösende sind. Über die Frage, wie sich die psychischen Energien gegeneinander verhalten, wird später gesprochen werden.

Indessen haben die psychischen Energien noch ganz andere Aufgaben zu erfüllen, als nur Energien auszulösen. Vier Klassen von Zusammenwirkungen zwischen physischen und psychischen Energien sind zu unterscheiden: physische Energien gegen physische, psychische Energien gegen physische, physische Energien gegen psychische, psychische Energien gegen psychische.

Die erste Klasse bietet gegenwärtig grundsätzlich kein besonderes Interesse mehr. Es besteht, wie schon oft hervorgehoben, kein Zweifel, daß alle physikalischen und chemischen Vorgänge im Körper der Lebewesen ganz nach den Gesetzen der physikalisch-chemischen Vorgänge überhaupt, wie sie in der unbelebten Welt sich abspielen, erfolgen. Das haben unsere großen Physiko-Physiologen Johannes Müller, du Bois-Reymond, Helmholtz und viele andere unzweideutig nachgewiesen.

Die zweite Klasse ist schon schwieriger zu übersehen. Es handelt sich hier um die Wirkungen der Psyche auf den Körper. Wir nennen sie, nur dem Brauch folgend, motorische Wirkungen. An sich sind sie nicht bloß bewegend, sondern überhaupt auch der Art nach sehr mannigfaltig. Wir haben Bewegungen, wie die der einzelnen Gliedmaßen, mancher Eingeweide, des Herzens, der Augen usf. Der Wille löst hier lebendige Kräfte aus. Dann kommen Ausscheidungen, Sekretionen, wie die in den Verdauungsorganen und den Drüsen. Mit solchen Wirkungen verbinden sich die Vorgänge bei der Aufnahme von Stoffen in den Körper, durch unmittelbare Einführung, durch Absorption, Osmose usf. Kurz, alles was zum Wachstum, zur Ernährung und zur Erhaltung des Körpers dient. Diese Wirkungen sind nicht mehr rein motorischer Art, hier spielen chemische und besondere physikalische Energien mit, aber immerhin handelt es sich noch um Auslösung von Energien. Nun aber kommen Wirkungen der Psyche auf den Körper, die rein regulierend sind. Wir können hierher schon Hunger, Durst, Atemnot, Sekretionsdrang und ähnliches rechnen, die analog den Zentrifugalregulatoren unserer Dampfmaschinen wirken. Sie regulieren den Stoffgehalt, also auch den Energieinhalt des Körpers. Noch wichtiger ist, daß Seelentätigkeiten die physischen Energien zwingen, sich in ganz bestimmter Weise zu äußern und zu wandeln. Das wichtigste Beispiel der morphologisch-biologischen Regulierung haben wir behandelt ([S. 453] f.). Andere Beispiele geben die regulierenden Tätigkeiten mittels des Nervus vagus und anderer Nerven auf Herz, Zwerchfell, Drüsen, Eingeweide usf. Hier handelt es sich also nicht mehr um Umwandlungen von Energien ineinander, sondern um Herbeiführung von bestimmten Verhältnissen in diesen Umwandlungen. Die Psyche, so können wir zunächst sagen, verhält sich hier dem Energieprinzip gegenüber ganz so wie das physische Regulativ, welches gleichfalls die Energieumwandlungen innerhalb jenes Prinzips beherrscht. Die Energien als solche regulieren ihre Umwandlungen selbst nicht, nur daß ihre Summe konstant bleibt, ist gesichert. Aber eine Summe kann aus den verschiedensten Summandenreihen hervorgehen; daß eine bestimmte Summandenreihe sie bildet, erfordert ein eingreifendes Prinzip. Das ist in der Physik und Chemie eben das dritte physische Prinzip. Man könnte sagen, in die Lebenserscheinungen greife ebenfalls das dritte Weltprinzip ein. Das tut es gewiß. Allein wozu sind die regulierenden Gefühle und Nerven vorhanden? Die äußeren Umstände sollten doch, wie in physikalischen und chemischen Vorgängen, allein genügen, die Umwandlungen zu regulieren. Aber immer, wenn die Umwandlungen einen für die Entwicklung oder Erhaltung des Lebens ungeeigneten Verlauf einschlagen, tritt die Regulierung durch besondere Seelentätigkeiten ein. Wir haben eben zwei Regulierungen, eine rein physische Regulierung nach dem physischen Prinzip, bestimmt durch den Zustand des Körpers, die rein mechanisch wirkt, wie in einem unbelebten Körper, ganz ohne Bezugnahme auf das Leben, und eine Regulierung, die unmittelbar auf das Leben gerichtet ist. Diese kommt bei belebten Wesen als neue hinzu. Unser Denken ist diskursiv, nicht intuitiv. Wenn wir Teile haben, die sich vor uns zu einem Ganzen zusammensetzen, so wissen wir, wie das Ganze aus ihnen hervorgegangen ist, haben wir aber nur ein Ganzes, so ist uns die Entstehung aus den Teilen verborgen. Kant begründet damit in der Kritik der Urteilskraft das Prinzip der Zweckmäßigkeit. Das wollen nun die Materialisten nicht anerkennen, sie lehnen es als Einbildung ab. Aber ich weiß nicht, wie man rein mechanistisch oder energetisch die psychische Regulierung bei Entwicklung des Körpers aus den unzähligen Möglichkeiten nach der ganz bestimmten Richtung ([S. 450] f.), und im Körper sich verständlich machen will, die zweifellos ein Besonderes neben der physischen ist, die, ich möchte sagen, immer die Umstände so wandelt, daß das physische Regulativ so reguliert, wie es für die Erhaltung des Körpers erforderlich ist. Das zeigt sich ja schon bei der chemisch-physikalischen Assimilation und Dissimilation der Stoffe in den Zellen (z. B. den Ganglien), die immer im Gleichgewicht gehalten werden, und bei dem Ruhebedürfnis, sobald durch körperliche oder geistige Tätigkeit die Dissimilation vorherrschend geworden ist. Wenn also die psychischen Tätigkeiten physische Energien auslösen, so würden sie auch das physische Regulativ für die Vorgänge zwischen den Energien stetig auslösen. Kann man da die psychischen Tätigkeiten überhaupt noch als physische Energien ansehen? In der Physik und Chemie tun Energien, wie bemerkt, nichts dergleichen. Nur auszulösen vermögen sie und sich ineinander zu wandeln, weiter nichts. Das ist noch der entgegenkommendste Ausdruck für das Verhältnis der psychischen Regulierung zur physischen. Manche werden sogar geneigt sein, die erstere als Kampfregulierung gegen die letztere zu betrachten. Und sie hätten recht, da, sobald die psychische Regulierung fehlt und die physische frei waltet, der Körper zugrunde geht.

Zu dieser Klasse gehören auch noch diejenigen Auslösungen, welche als Ausdruck unserer Seelentätigkeiten nach Außen dienen, wie die der physischen Energien beim Sprechen zum Ausdruck der Gedanken und Wünsche, beim Wechseln der Gesichtszüge zum Ausdruck der Empfindungen, bei vielen anderen Bewegungen zum Ausdruck der Triebe, Gefühle usf. Hier liegen die Verhältnisse anscheinend wieder einfach, physische Energien treten als Folge von psychischen auf. Die Bedeutung, die diese Vorgänge haben, beruht zum großen Teil auf Übereinkommen, wie bei der Sprache. In anderen Fällen ist es naturgemäße Abwehr oder Flucht. In noch anderen, wie bei Schreien aus Schmerz, das so weit in der Tierreihe verbreitet ist, bei Lachen und Singen aus Vergnügen und bei Weinen ist es schwer, die Bedeutung abzuleiten.