Weite Moore mit reichem, nun dem Welken nahen Graswuchs, durchsetzt von Wiesen und Tümpeln, deren Rand kaum Raum genug für die ausgetretenen Fußpfade bietet, ziehen sich bis zu dem im scharfen Herbstwinde wogenden Blättermeer des Waldes hin, in dessen Dickicht sich das Wild und das Raubzeug birgt, vom Meister Petz bis zum listigen Reinecke herab. Odins geheiligte Vögel durchkreisen die Luft, mit heiserem Gekrächze nach Beute spähend, die in dem Grase Unterschlupf vor den nimmersatten schwarzen Gesellen sucht.
Hart am Waldesrand, inmitten regellos umhergestreuter Steinblöcke, die einst, als Wanen und Asen die Erde mit ihrem Kampfgetümmel erfüllt, den Streitenden zur letzten Waffe gedient, liegt ein Gehöft. Aus schweren Stämmen zusammengefügt, die Ritzen gegen den rauhen Gesellen, der vom unfernen Meere nadelscharf herüberstreicht, mit Moos und Erde gesichert, das schilfgedeckte Dach geziert mit dem mächtigen Geweih des Ur, des Herrn der Wälder, den die römischen Fremdlinge mit einem Sagenkranz umgeben, so überragt das stattliche Haus die umliegenden Baulichkeiten, in denen der Herr das Besitztum an Sklaven und Nahrungsmitteln bewahrt.
Ein Wall lose aufeinander geschichteter Steine schützt den Edeling und sein Eigen vor den Einfall beutegieriger Tiere und räuberischer Gesellen.
Aus dem Innern der fensterlosen Halle dringt mit dem Rauche des Herdfeuers und der Kienspäne, deren Lichter sich in den die Wände zierenden Metallwaffen funkelnd und gleißend spiegeln, Stimmgewirr ins Freie.
Die Frauen, die dem Mahle beigewohnt, waren in ihr Gemach zurückgekehrt und hatten den Männern das Feld zum Zechgelage geräumt.[1] Ein Barde, das Haar von der Zahl und den Stürmen der Jahre gebleicht, die kurze Harfe an die Brust gedrückt, singt und sagt von den Kämpfen der Vorfahren zu Wasser und zu Land, von Walhall und ihren Freuden, von Donar, »dem Schirmer der Erde, dem Freund der Menschen«, den ein grausames Geschick fern von der heißgeliebten Heimat festhält – und ehrfurchtsvoll lauschen die ernstblickenden, auf dem fellbelegten Estrich lagernden Männer den zündenden Worten, die in Begeisterung ihre Wangen erglühen lassen. Gemurmel des Beifalls unterbricht und lohnt den Sänger, als er sein Lied beendet. Aus des Hausherrn Hand empfängt der Alte den frischgefüllten Becher – vielleicht den Schädel eines erschlagenen Feindes,[2] wie Gudrun aus den Schädeln ihrer ermordeten Söhne »mit Gold und Silber« Trinkgefäße machen ließ, aus denen sie ihrem Mann Met darreichte[3] – des Hausherrn liebsten Pokal, um in langen Zügen die trocken gewordene Kehle zu laben. Gewaltige Büffelhörner, am Rande mit Silber beschlagen,[4] und ahorne Becher mit goldgelbem Met gefüllt umkreisen die Tafel, die durstigen Lippen der Zechgenossen zu netzen.
Hin und her wogt die Rede von Krieg und Jagd, von dem und jenem, in ungefügen, schwerfälligen Worten, die jäh verstummen, denn eine Jünglingsschar betritt die Halle.
Mit raschem Schwung werfen sie die Felle von den Schultern; ihre kräftigen Glieder recken und strecken sich, die Muskeln strammen sich, gilt es doch vor den scharfprüfenden Augen der Männer in gefährlichem Spiele zu bestehen.
Die Griffe der haarscharfen Schwerter sind in die Erde gesteckt und, erst ruhig und gemessen, dann immer verwegener und tollkühner durchspringen die Jünglinge die Reihen der todbringenden Waffen. Die Augen sprühen in Leidenschaft, die gewölbte Brust wogt stürmisch, die Pulse fliegen, die Körper röten sich, und wilde Kampfeslust ergreift Tänzer und Zuschauer.
Kaum vermögen die kurzhaarigen Sklaven rasch genug den immer ungestümer begehrten Trunk herbeizuschaffen, und wie erst einer, dann immer mehr der Jünglinge erschöpft zu Boden sinken, so lichtet auch das Übermaß des berauschenden Getränks die Reihen der Zecher. Stundenlang schon währt das Gelage, und Stunden werden noch vergehen, ehe der letzte der trinkfesten Mannen, vom Met bezwungen, den schweren Kopf vom Schlaf überwältigt zur Brust senkt. Noch ist es nicht so weit. Die Stimmen werden immer lauter, die Töne rauher.
Da greift einer der Genossen, vom bösen Geist des Met aufgestachelt, zum Schwerte, das ihm ein Besonnener entwindet, denn »die unter Berauschten natürlich häufigen Zänkereien enden selten bloß mit Schimpfworten, häufiger mit Mord und Blutvergießen«.[5]