»Aber dick biste geworden, eppes dick, Regieleben.«

»Paß nur auf, gleich wird ihr etwas nicht recht sein«, wandte sich die Mutter an Arnold, doch mit lauter Stimme.

»Die Dicke taugt nischt. Das ist ungesund … Ich war ach emol so dick, haben do die Kinderl e Freid gehabt, daß ich dick bin. So die Ärme haben sie mr gedrückt. Aber es war nix gut … Und e dörre Nachbarin haben wir gehabt, die hat gesogt damals: Mei Mo tut mich auslachen, weil ich so dörr bin. Ich will Dich mit e Zündholz anzünden, sogt er. Da könnten Sie mir eppes abgeben, Frau Goldberger, hat sie gesogt, Na ja, wenns geht, so nehmen Se sich nur e Stückele, hab ich gesogt. Do wär uns beiden recht …« Die Großmutter wurde zusehends munter. Sie plauderte mit sichtlicher Lust. Arnold, der immer nur einige Worte verstand, labte sich an ihrem Feuer, den ausdrucksvollen Biegungen der Stimme, die jetzt, ohne stärker geworden zu sein, ohne sich geändert zu haben, wie ihm schien, etwas Metallisches, Helles wie bei guten Schauspielern hatte und etwas so Jugendliches, wenn sie Freundliches schildern wollte. Diese Stimme mochte aus dem Halse kommen, obenhin, nicht aus den Tiefen der Brust, und dennoch klang sie stark, mannigfaltig, mühelos, sie war süß.

»Es brennt schon« rief die Mutter vom Ofen her. »Das ist halt Dein Kuksöwile, was, Mutter.« Sie wollte der Großmutter einen Gefallen machen, indem sie ihren Ausdruck gebrauchte. Die Großmutter merkte es aber gar nicht, sondern meinte nur ganz ernst: »Ja das is mei Kuksöwile, e guts Öwile.« – »Da brauchst Du Dich wenigstens mit keinem Dienstmädchen abzuärgern.«

»Willst Du Dich nicht auch hersetzen, Mama?«

»Loß se gehn« sagte die Großmutter, mit einem vertraulichen klugen Zwinkern zu ihm »sei is doch glücklich mit ihrem Gegeh und Geschwindel und Geputz. Das hat se von der Tante Lise noch. Die hat auch allemal geputzt und geramt. Wenn man is zu der gekommen, hat alles geblinkt und gefinkelt und der Fußboden war genau eso rein wie das Tischtüchele. Meschugge, metorf. Hat ihr emol der alte Schlojme gesagt, aus Petschau der, kannst Dich erinnern, Regie, – sei soll emol die Zimmerdeck ach abwaschen, aber da is ihr das Wasser über den Kopf geschütt …« Arnold verlor den Faden von hier an, doch glücklich, als sehe er sein eigenes Anekdoten- und Unterhaltungswesen leibhaftig vor sich, blickte er ihr ins Gesicht, aus dem das Kinn scharf hervortrat. Dieses Kinn war mit vielen großen Poren besetzt, wie durchlöchert, als hätten die Falten auf dem Kinn die Gestalt von Löchern angenommen, diese Falten, die auf der Stirn in gleichmäßigen Krümmungen hinzogen und über die Wangen hin nach allen Richtungen wie ein Netz lagen, das sich um die Mundwinkel herum undurchdringlich zusammenschnürte. Hier drängten die Linien so dicht an einander, daß die schwächeren von den tieferen durchschnitten oder als Hügel an die Oberfläche gedrängt wurden, und diese tieferen schienen gar keine Hügel mehr, sondern Einschnitte ins Fleisch, unbeweglich. Die Nase dagegen hob sich ziemlich glatt und schön gebogen aus dem Wirrwarr. Mit unendlicher Wehmut betrachtete Arnold diesen beredten Mund, der keine Zähne mehr hatte; seine Lippen bildeten dafür zackige Erhöhungen und Ausbuchtungen, die sich an einander schlossen und wieder auseinander zogen, je nachdem der Mund sich schloß oder öffnete. Die Augen blitzten. Das Schönste jedoch war das schneeweiße Haar, reich und ohne jede Beimischung von Gelb an der Stirn beginnend, übrigens vom Liegen jetzt ein wenig zerrauft … Arnold begann es leise zu streicheln; eine Ruhe, noch nie empfunden, eine gänzliche Sorglosigkeit beschlich ihn dabei, wie am Ende aller Dinge, er hörte nicht mehr genau zu und doch war ihm, als verstehe er alles, sein Ohr füllte sich mit verworrenen Tönen, mit Erzählungen ohne Ende, deren Zusammenhang ihm fragwürdig war, deren Ausgang in nichts verlief, ohne Pointe, die aber so lebhaft klangen und auch offenbar der Erzählerin die Erinnerung an so lebhafte Dinge nahebrachten, daß ein jugendliches warmes Licht durch das ganze Zimmer aufzustrahlen schien. Plötzlich unterbrach ein stärkerer Husten und die Großmutter drehte sich der Wand zu …

»Was ist?« rief die Mutter und kam herbei.

Die Großmutter klagte, mit heftigen Zuckungen des Gesichts, über Schmerzen. Der Husten reize ihr altes Leiden wieder. Arnold, der wußte, daß sie einen neulich operierten Bruch habe – auch schmutzige Bandagen, unter dem Kopfpolster zusammengerollt, erinnerten ihn daran – wandte sich ab, seinen Sitz der Mutter überlassend. Während die beiden Frauen mit einander flüsterten, ging er durch das Zimmer. Es war so schmal und klein, daß das Bett beinahe ein Viertel des Raumes wegnahm. Gleich an die Türe stieß ein Küchenofen, dessen Platte, mit einem Gewirr von Schüsseln und Töpfchen, dennoch nie benützt zu werden schien, denn auch alte Papiere, Kleider wälzten sich über sie und dicht daneben hing an einer Schnur ein Bündel neuer Schürzen, das Warenlager vielleicht. Über ihn weg ging überdies zu dem wirklich benützten, kleinen, so beliebten Eisenöfchen, das auch jetzt brannte, ein schwarzes Rohr, das in zwei herabhängenden wackligen Drahtschlingen wie etwas Schlafendes schwebte. Und schlafend lagen auch, in angemessener Entfernung dem Ofen gegenüber, mehrere Koffer und Kisten auf der Erde, alle in Eisenreifen mit Schlössern, aber alt und verfallen. Seltsam genug machte sich neben ihnen die Pracht eines ganz neuen Kanapees, das zwischen sich und dem Bett nur einen ganz schmalen Durchgang ließ, so breit war es mit seinem roten Leder, den gepolsterten Armlehnen, den zum Schmuck tief eingenähten Knöpfen. Es paßte gar nicht herein und, als werde dies auch gefühlt, stand es mit der Rücklehne nicht ganz an der Wand, sondern fremdartig suchte es nach Stützpunkten … Arnold erinnerte sich denn auch, daß die Mutter es erst neulich angeschafft hatte, damit die Großmutter zu Mittag darauf ausruhn könne, zum großen Ärger der Sparsamen übrigens, die alle Geldausgaben verabscheute … Nur noch ein Möbelstück außer dem Kanapee gab es in dem kahlen und doch überfüllten Zimmer: ein mageres Glaskästchen, wieder mit Geschirr gefüllt; obenauf lagen viele Brillen (Arnold nahm sich vor zu fragen, warum so viele, vergaß es aber) und Gebetbücher (Also konnte sie doch lesen. Oder nur hebräisch?). Die Kleider dagegen hingen nicht in Kästen, sondern frei an der Wand, nur von einem schmutzigen weißen Tuch, das oben mit zwei Nägeln befestigt war, verhüllt. Das war das Armseligste, diese nackten graugestrichenen Wände, mit zwei winzigen quadratischen Fensterchen nur, deren Bretter wieder allerlei Porzellanzeug füllte – und die niedrige Decke, nicht glatt, sondern mit offenem Gebälk, mit Spinnweben und Gott weiß was noch – und alle Gegenstände hier nicht etwa Mann für Mann und sauber hingestellt, sondern durcheinandergeworfen, wie in Schwächeanfällen, mit einander verbunden durch hingestreute Haufen von Gerümpel, durch Fliegen mit ihrem unerträglichen Gesumm und Niedersitzen und wieder Kreisen, durch zerbrochenes Holz, Fetzen, Abfälle, noch hinter dem Bett lugte ein ganzer Sack mit abgetragener Wäsche hervor. Und dieses Bett, ganz eng, schwachfüßig, die Federbettdecke grau statt weiß, mit großen eingesetzten Flecken von andern Leinwandsorten, betropft mit rötlichen Spuren … Wenn Arnold an seine Wohnung zu Hause dachte, mit ihren aufgeputzten hübschen großen Stuben, Palasträumlichkeiten förmlich, erschrak er. Und wie mochte es im Winter hier aussehn, im Schnee. Oder die langen einsamen Nächte einer Kranken … Und kein Mittel, dem abzuhelfen, denn die alte Frau duldete aus Mißtrauen (alle Leute bestahlen sie, in dieser Einrichtung!) keine Bedienung, holte sich lieber selbst das Wasser und wusch sogar noch den Fußboden allein auf … In sein Graun mischte sich Bewunderung für diesen heißen eigensinnigen Kopf, und Liebe, Mitleid. Wie fremd und wie vertraut dies alles. Was mochte sie machen, während er die elektrische Lampe an seinem schönen Schreibtisch spielen ließ oder wenn er im Ruderboot saß, mit Millionärssöhnen, in demselben Moment, was tat da die Großmutter? Gab es gar keine Fäden? War es seine Schuld? Irgend jemandes Schuld?… O er hing doch mit dieser Bettlerin zusammen und war stolzer darauf als auf seinen Umgang mit allen Bürgern der Stadt. Wie kam das alles? So wahr und so sagenhaft. Er hätte weinen mögen, in seinem Herzen zitterte und klang eine ganze Harfe von Zärtlichkeiten und Kosenamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee näherte er sich mit jenem tief schweigsamen Blick, der manchmal in einem einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Schicksale erkennt.

»Setz dich nur hernidder« seufzte die Großmutter vom Bett her »auf dei Kanapee. Das ist doch enkerer Kanapee, das gehört enk und ich will's nicht. Setz dich nur auf dei Kanapee. Wenn ich nicht mehr bin, so nehmts enk nur wieder, den Dingerich do.«

Er setzte sich wieder auf den Küchensessel, während die Mutter an ihre Arbeit zurücklief: »Aber was redest du denn? Davon redet man nicht. Was fällt dir ein.«