»Die Mutter meint, ich bin noch ein Kind, ich werde ewig jung bleiben« sagte Mama, mit niedergeschlagenem Blick; und Arnold sah sich plötzlich mit einer Deutlichkeit in den Gedanken irdischen Vergänglichseins versetzt, hier in dieser Stellung von drei Generationen, wie er es nie vorher auch nur als Andeutung gefühlt hatte, ohne daß ihm übrigens dabei irgend ein neuer, in Worte faßlicher Einfall kam.
Indessen aber, während er wie in ein Bassin von Schwermut untertauchte, hatte die Großmutter zu erzählen begonnen: »Marie nebbich hat ach immer eso gelesen in der Nacht bei der Lampen, ich hab längst gemant se schläft. Is Poldi emol nach Haus gekommen, e bißl schücker war er vielleicht und sogt ihr: No was weinst du denn da. Was lieste denn? – Von Genofeva, sogt sie …«
Die Mutter flüsterte: »Genofeva. Schöne Lektüre haben wir gehabt, was?« – Aber Arnold, der aus einer Zeit stammte, in der man solche Kinderbücher und Märchen überhaupt wieder für wertvoll hielt, fand ihre Bemerkung unverständig. Dagegen überraschte ihn dieser fremde Name im Munde der Großmutter, was lebte alles noch in diesem Gehirn!
»Sogt sie – von der Hirschkuh, wie sie ihr Milch zügetragen hat. – No warüm hat sie ihr denn Milch zügetragen, sagt Poldi.« Und die Großmutter machte es nach, wie der Bruder die weinerliche Stimme der Schwester spöttisch nachmachte. »Aber mir scheints, wenn du nicht bald schlafen gehst und aufhörst zu wanen und die Lampe auslöschst, so hau ich dir das Buch aufn Schädel nauf.« Die Stimme brach ab, in einem kleinen Gelächter.
»Und was hat sie gesagt?« fragte Arnold, obwohl er fühlte, daß nichts mehr zu erzählen sei, nur um diesen angenehmen Fluß der Erzählung weiter zu hören.
»Nu, was soll se gesagt habn« setzte die Großmutter wie improvisierend fort »Was liegt daran? Wenn du schlafst, steh i halt wieder auf und les weiter von der Hirschkuh …« Jetzt hatte sie die Suppe zu Ende gegessen und rief plötzlich, ganz laut: »Pfui Teixel!« wie einen herzhaft erleichternden Fluch, indem sie den leeren Topf mit einem Ruck aufs Fensterbrett stellte.
»Aber was ist denn?« die Mutter eilte herbei. Als das Gespräch auf die verstorbene Schwester Marie gekommen war, hatte sie sich abgewendet.
Zornig fuhr die Großmutter auf: »E schöne Supp haste mir gekocht! Aus Ferdeflasch? Was?«
Also hat doch die Mama Recht behalten, dachte Arnold. Aber mit den Schlüsseln hatte sie Unrecht gehabt. – Und er beeilte sich: »Was fällt dir ein, die Mama wird dir doch nicht Pferdefleisch kaufen, wie kannst du nur so etwas denken!« Indem er es aussprach, schien es ihm immer unerhörter.
»E guter Omensager biste« fuhr ihn die Großmutter an, dann schwieg sie eine Weile. »Was kafste ach beim Körbel. Der hat doch lauter verschimmelte Sachen. Wenn ich ihn aber emol anzeig bei der Polizei, den Ganef, dann 's Kri iber den Goi.«