Auf seinem Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der vor einigen Tagen einen Journalistenposten in Berlin angenommen hatte, schrieb ihm begeistert (Arnold erkannte den eigenen Stil darin) von seinem jetzigen Leben, von der Weltstadt. Ob er nicht hinkommen wolle? Ein dritter Feuilletonredakteur werde eben gesucht. – Ärgerlich warf Arnold den Brief weg. Ja, neue Wirren, neue Verlockungen, das wäre so das Rechte! Man kannte ihn ja, man hielt ihn schon für fähig zu jeder Dummheit.

Da trat sein Vater herein: »Weißt du es schon? Die Großmutter liegt im Sterben … Pst! Die Mama darf es nicht wissen. Ich hab sie nur ein bißchen vorbereitet. Da lies die Karte von Lichtnegger.«

Arnold las, ohne Bewegung, gedankenlos.

»Den letzten Satz hab ich ihr gar nicht gezeigt. Trotzdem fährt sie morgen Nachmittag nach Wintertal. Ich kann nicht mit, jetzt in der Hochsaison. Wenn sie sich nur nicht zu sehr aufregt …«

So viel Lärm wegen einer alten Frau, dachte Arnold. Plötzlich fiel ihm ein: »Wenn du willst, begleite ich die Mama …«

»Du wolltest?… Aber morgen ist ja euer Schauflug.«

»Ja richtig, der Schauflug!« Arnold machte, als ob er sich erst jetzt darauf besänne. Dann zog er mit dem letzten Rest seiner Energie den Mund männlich zusammen: »Das kommt nicht in Betracht. Ich fahre mit der Mama nach Wintertal.«

Der Vater sprach noch eine Weile, bereitete nun auch ihn gleichsam auf das Unvermeidliche vor: Die Großmutter sei ja schon vierundneunzig Jahre alt, was für ein Leben … man könne sich denken … man müsse froh sein … einmal wäre sie jetzt so wie so eingeschlafen, aus Altersschwäche … nun diese Lungenentzündung, das würde sie wohl nicht überstehn. – Und in allem Sanftmut schien er dieses baldige Ende förmlich von der Natur zu fordern, als Bestätigung seiner regelmäßigen Ansichten … »Sie wird sich freun, wenn sie dich noch einmal sehn kann« schloß er »du bist ja ihr besonderer Liebling.«

Arnold wich zurück: »Ich – ihr Liebling? Ist das ein Witz?«

»Natürlich. Wie sie vor fünfzehn Jahren hier war, hat sie sich mit niemandem vertragen, nur mit dir. Sie ist ja, unter uns gesagt, eine wahre Furie … Immer noch erzählt sie von dir, was für ein braver Junge du warst.«