Um Arnold sauste es. Er mußte die Fäuste ballen, um diesem Sturmwind standzuhalten. »Die auch,« murmelte er und seine gleißnerische Stellung in der Welt, all der lügenhafte gute Ruf, der so ungerechtfertigt sein hirnloses Zappeln umgab, fiel ihm wie höhnischer Vorwurf auf die Seele.
Der Vater trat besorgt näher. »Was sagst du?«
»Nichts, Papa. Gute Nacht also. Ich bin todmüde. Morgen weiter.«
III.
Erst im Eisenbahnkoupee wurde Arnold ruhiger. Nur ein dunkler Mißmut blieb ihm zurück, unten auf dem Grund, den auch die Stöße des Zuges nicht aufrüttelten und nach dessen einzelnen Bestandteilen zu forschen er sich wohl hütete.
Die Mutter hatte eine Unzahl von Paketchen mitgebracht, die er tätig ins Netz schlichten half: Obst und Buttersemmeln als Reisekost, für die treue Frau Lichtnegger Würste und einen großen Schinken, für die Großmutter Magenlikör, den sie immer verlangte, Brustbonbons und andere Kleinigkeiten … Erst als sie alles in Ordnung wußte, heiterte sich ihr Gesicht auf, und indem sie sich bequem zurechtsetzte, gab sie Arnold Anweisungen, wie er sich verhalten müsse. Laut reden, natürlich – und sich nichts draus machen, wenn er manches nicht verstehe, die Mutter spreche eben noch wie die alten Leute – er solle nur recht lustig sein, ihr Witze erzählen, auch sagen, daß er schon Geld erspart habe, das sei die Hauptsache – und warum er so eine schlechte Krawatte anhabe, er solle in Wintertal gleich eine bessere kaufen, darauf gebe die Mutter sehr viel, letzthin habe sie zum Beispiel ihr Reisekleid nicht elegant genug gefunden.
»Auf solche Sachen gibt sie noch acht?« meinte Arnold zerstreut. Jetzt etwa begann der Flug in Waldbrunn.
»O sie gibt auf alles acht. Du würdest staunen. Überhaupt, gescheit ist sie …« Es klang so wie: Ja wenn alles an ihr so gut wäre …
»Ist sie wirklich so bös?« fragte Arnold gleich, etwas übereilt, da er eben nicht ganz bei der Sache war, trotz innerer Anstrengung.
Der Mutter aber schien diese Wendung nicht unangenehm zu sein; sie begann gleich von ihrer Jugend zu erzählen, als gingen ihr alle diese Dinge schon recht eifrig im Kopf herum. Durch die Reise in ihre Heimatstadt war die Vergangenheit näher an sie herangerückt. Was für Qualen!… Sie hatten eine Glasperlenerzeugung gehabt, die Mutter am Platz, der Vater immer auf der Reise, denn zu Hause war ja die Hölle. Oft mußten die Kinder Nächte und Tage lang Knöpfe auf kleine Kartons befestigen, bis ihnen die Augen zufielen. Wenn nicht so und so viel Gros fertig waren, mußten sie auf Erbsen knien und weiterarbeiten. »Wir haben mehr Schläge gekriegt als zu essen.« Und dabei war solcher Fleiß gar nicht nötig, denn das Geschäft ging ja damals noch sehr gut, sie kauften sogar später ein eigenes Haus. Aber die Kinder mußten weiter arbeiten, nur aus Geiz, daß ihnen die Finger wund wurden, auf einem Schammerl stehn und große Kisten packen und wehe, wenn etwas zerbrach! Dann auf den Markt fahren, nach Pilsen. Und immer Lärm, Schimpf, Prügel, daß schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal wurde die älteste Schwester, die Marie, im Hemd hinausgejagt, mitten im Winter, weil sie geantwortet hatte. Und niemand da, um die Kinder zu schützen. Nur der Vater sandte manchmal aus der Ferne zehn Kreuzer, ein Papierzehnerl an jedes Kind, das war alles. Marie lief denn auch bald fort in die Fremde, sie wollte Kindergärtnerin werden, war gebildet, an einem gewissen Ort hatte sie heimlich zu Hause Bücher gelesen – anderswo, das wäre ihr schlecht bekommen! Aber unbehütet, unerfahren, wie sie war, geriet sie an einen Kellner, einen Schwadroneur – nie hatte sie mit einem Mann reden dürfen, immer zu Hause eingesperrt, kein Tanz, kein Vergnügen, jetzt war sie natürlich von dem ersten besten entzückt – der hatte sie geheiratet, in Not und Elend, und so war sie untergegangen, gestorben – so schöne Zähne, schöne Haare, alles weg – und wie oft hatten die Geschwister, auch der Bruder, der Poldi, die Alte auf den Knien gebeten, mit aufgehobenen Händen, ihr doch mit etwas beizustehn. Die hatte ja immer Geld. Nein, nur ihre Flüche waren der verbotenen Ehe gefolgt, als Mitgift. Und ebenso der Ehe des Poldi. Indessen hatte auch der Vater das Heim verlassen, eine andere Frau in Serbien irgendwo genommen, Prozesse waren gefolgt, wegen Bigamie, und lauter solche schreckliche Sachen, dann hatte man vom Vater nichts mehr gehört; verschollen. Die Hütte aber in Wintertal hatten irgendwelche Feinde angezündet, so sagte wenigstens die Großmutter, kurz sie war abgebrannt. Das ganze Vermögen ging zu Grunde, nur noch Herr Beer als Bräutigam, der das gänzlich hilflose Mädchen nahm, rettete etwas. Denn auch sie – Mama, als letzte – war einmal auf dem Pilsner Markt der Großmutter entwichen: »Und wenn du jetzt machst, was du willst, wenn du dich auf den Kopf stellst, ich gehe nicht mehr mit nach Hause« … Sie hatte zuerst bei Marie gewohnt und mittags, statt zu essen, hatten die zwei armen Mädchen halt ein bißl geweint. Mit Näharbeiten auf der Maschine sich das Brot verdienen, das ging nicht so leicht. Glücklich waren sie, wenn sie täglich fünf Kreuzer auf eine Wurst hatten. Und drei Jahre lang kümmerte sich niemand um sie, nicht Vater, nicht Mutter, Waisen waren sie in der großen Stadt bei lebendigen Eltern, niemand fragte, ob sie einen Bissen in den Mund zu nehmen hätten, ob sie noch anständig seien. Jetzt freilich, wenn man der Großmutter zuhöre, habe sie sich den Kopf für sie ausgesorgt. »Meine süße Marie, was hast du sterben müssen.« Sie könne solche Reden gar nicht anhören … Bestürzt blickte Arnold in den dunklen Abgrund, aus dem er selbst emporgetaucht war, zu rätselhaftem Geschick. Er kannte ja diese Familiengeschichte, aber nur unvollständig, nur aus dritter Hand. Nie noch hatte er die Mutter so erzählen gehört, jetzt war er ergriffen, und während der Zug an reizenden Wäldchen, heiteren Villen vorbeilief, tappte er wie im Finstern nach ihrer Hand.