Auch die Mutter meinte: »Nun, das ist ja alles jetzt vorbei und ich trag ihr's nicht nach. Kann sie denn dafür? Schließlich ist sie ja doch nur die Mutter. – Wenn man nur mit ihr auskommen könnt. Neulich, vor zwei Monaten, wie ich dort war, bin ich doch auch im Bösen fortgefahren …«
»Warum denn?« Arnold bewunderte immer mehr die unendliche Güte seiner Mama, die er ja kannte, die sich ihm aber noch nie in so ausführlicher Entwicklung gezeigt hatte. Gegen die alte Frau dagegen, seine Großmutter, verspürte er immer entschiedenere Abneigung, ja Haß.
»Sie ärgert sich halt vielleicht, daß wir sie nicht zu uns nehmen. Aber geht das denn? Könnte das ein Mensch aushalten?… Und dann spricht so vieles dagegen. Der Doktor meint, daß nur die Landluft da draußen sie so lang gesund erhält; sie würde nicht einmal mehr die lange Fahrt vertragen.« Sie schloß in einiger Verlegenheit.
Arnold verstand sie wohl, und um auf ein anderes Thema zu kommen, aber nicht auffällig, erkundigte er sich, wovon denn die Frau da draußen lebe.
Man schickte ihr Geld, doch erst seit heuer, bis dahin hatte sie eigensinnig keins angenommen und sich selbständig ernährt, Gott weiß, womit. Sie mache Geschäfte unter den Leuten, verborge Geld, kaufe und verkaufe allerlei. Und das treibe sie auch jetzt noch, unverdrossen, nur halte sie es nicht mehr so aus. Wahrscheinlich beschwindelten sie ja auch die Leute, sie könne ja weder lesen, noch schreiben, noch rechnen, für sich selbst stelle sie an der Stubentür mit Kreide irgendwelche seltsame Zeichen zusammen. – Überdies habe sie Geld in der Sparkasse, fünf Büchel zu zweihundert Gulden, aber das rühre sie um keinen Preis der Welt an, das sei ihr größter Stolz, daß sie einmal jedem ihrer Enkerlen zweihundert Gulden hinterlassen würde, was nach ihren Begriffen eine enorme Summe sei. »Besonders dir, Arnold, du bist ja ihr Liebling.«
Arnold war, wie gestern Abend, nicht angenehm berührt. Er beichtete der Mutter seine Erinnerung, den Streit mit der Großmutter vor Jahren.
»Aber das ist eine Kleinigkeit. Solche Sachen macht sie hundert im Tag. Das hat sie längst vergessen. – Jedenfalls bist du jetzt ihr Gott. Und dein Papa, das ist der Obergott.«
»Warum?«
»Ich weiß nicht. O ja, er war ja die gute Partie. Marie und Poldi haben arm geheiratet … Nicht hören kann sie noch jetzt von ihren Familien. Und wie sie schimpft.«
Die arme Mama schauerte zusammen. Doch angeregt durch die schöne Landschaft draußen, den Tiergarten und das Schloß von Sichrov, erinnerte sie sich an heitere Dinge ihrer Jugend, an die spärlichen Lichtblicke – einmal hatte sie an einer Dilettantenbühne mitgewirkt. »Der Herr Registrator auf Reisen«, das war der Titel des Stückes. O, sie könne noch die Rolle auswendig, das würde sie wohl nie vergessen. Was für Mühen waren das aber gewesen, um die Großmutter zur Zustimmung zu überreden. Das ganze Dorf mußte bitten kommen. Der Lehrer selbst. Auf Lehrer habe die Großmutter überhaupt sehr viel gegeben, und daß einmal einer, der selige Herr Schmidt, die kleine Schülerin gerühmt, das vergesse sie niemals zu erzählen. Nun, er werde ja diese Anekdote morgen selbst hören. – Diese Wendung brachte sie auf die nahe Zukunft zurück. Sie äußerte Besorgnisse. »Wie werden wir sie antreffen.« Und Arnold, der besser unterrichtet war, dachte im Stillen, ohne besondere Regung, nur um die Mutter besorgt, man werde diesmal wohl gerade zum Begräbnis zurechtkommen.