Gleich nach der Ankunft, noch Abends, als man kaum das Gepäck im Hotel untergebracht hatte, gingen sie zu Lichtneggers. Die Mutter eilte so, voll Ängstlichkeit, und Arnold, der sie nur als friedliches und ziemlich ausdrucksloses Gestirn durch geglättete Zimmer wandeln gesehn hatte, wunderte sich, wie erregt sie hier und dort auftauchenden Lauten des schlesischen Dialekts nachlauschte: »Ai der Bohne – hörst du – das heißt: an der Bahn – ja, so spricht man bei uns, ich kann's aber nicht mehr, ich versteh's nur.« Sie sprach von der Heimat, den Örtlichkeiten, an denen sie vorbeigingen. Alles kannte sie genau, auch die letzten Veränderungen, da sie mindestens alle Vierteljahre einmal hierher zu Besuch kam. Sie erklärte Arnold, wer diese Lichtnegger eigentlich seien, eine Maurerfamilie hier, Jugendfreunde, Christen, nur aus Gefälligkeit hätten sie den schweren Dienst übernommen, täglich bei der Großmutter nachzusehn und von Zeit zu Zeit Nachricht von ihr zu geben. Und sie danke es ihnen schlecht, es sei ein Malheur halt. So habe sie neulich in der Stadt herumerzählt, Frau Lichtnegger komme nur deshalb zu ihr, weil Herr Beer ihr das kleine Seifengeschäft eingerichtet habe. Eine vollständige Lüge, solche Dinge setze sich die alte Frau ganz aus sich selbst zusammen. Und diese Launen … Nun, er solle nur bei Lichtneggers recht freundlich sein, man könne ihnen gar nicht genug danken … Und Arnold fand ganz erstaunt, mit was für Dingen, die er noch gar nicht kannte, er im Grunde zusammenhing. Nun gar mit einer Maurersfamilie. Davor hatte er doch einen kleinen aristokratischen Abscheu und fragte: warum Mama nicht lieber gleich zur Großmutter nachschauen gehe. – »Nein, ich muß mich zuerst erkundigen. Sie ist vielleicht im Spital. Und das ist sehr weit von ihrer Wohnung und auf dem Berg, hoch oben. Ja, hier geht das nicht wie in unserer Stadt, alles hübsch gradaus, in Wintertal geht's bergauf, bergab.« Und als hätte sie damit etwas sehr Lobendes gesagt, in großem Stolz zeigte sie die Reihen winziger Lichter, die sich in der schwarzen Ferne hoch oben zeigten, wie mit einer Nadelspitze in den Nachthimmel gestochen. Sie standen in einer Richtung, in der man Sterne, nicht Häuser vermutet hätte, auf hohen Bergen rings um den Kessel. Und auch die Straße, die Mutter und Sohn jetzt durchschritten, war steil, an vielen Ecken führten Stiegen zum Trottoir empor, um die Steigung auszugleichen, der kalte Gebirgswind ergoß sich wie durch eine Röhre längs der Häuserwände herab. Frau Beer lief immer erregter, und obwohl Arnold ihre Liebe zu dieser alten bösen Frau unbegreiflich fand, sagte er sich, daß er seiner Mutter zuliebe einen vergeblichen Weg bergauf nicht gescheut hätte. Diese Halbheit, diese Mäßigung in der Besorgtheit verstand er nicht.
Er konnte sich nicht überwinden und, vor dem Haus der Familie Lichtnegger angelangt, bat er die Mutter, warten zu dürfen. Seine goldenen Manschettenknöpfe raschelten, und irgend ein hoher adeliger Offizier, mit dem er noch gestern angelegentlich sich unterhalten hatte, trat ihm vor die Augen … Die Mutter kam bald wieder: »Mir scheint, diesmal ist es arg. Sie hustet und hat Schmerzen, hat auch schon heute zweimal nach mir gefragt, warum ich noch immer nicht komme und man soll nur noch einmal schreiben.« … Arnold dachte: Also sie lebt noch, wirklich unverwüstlich … »Aber denk dir nur. Gestern noch hat sie der Frau Lichtnegger, die sich so um sie bemüht und sie pflegt, einen Skandal gemacht. Die hat geweint, die Ärmste, wie sie mir's erzählt hat. Frau Lichtnegger, hat die Mutter gesagt, Sie haben da eine schöne Schürze, genau so eine ist mir vor ein paar Tagen gestohlen worden … Was soll man da sagen?… Und dabei würde sie doch elend zugrunde gehn, wenn sie die Frau nicht hätte, kein Mensch wüßte was davon.« – »Hast du ihnen den Schinken und das andere gegeben?« – »Sie wollten nichts nehmen, erst nach langen Reden. Es sind so anständige gute Menschen.« – Arnold bekam aufs Neue Wut gegen die Alte: »Gehn wir jetzt noch hin?« Er wollte ihr mal seine Meinung sagen. – »Nein, sie schläft jetzt. Und das ist recht, da soll man sie nicht stören. Frau Lichtnegger ist eben dortgewesen …«
Im eisigen Hotelbett erst überfielen ihn die eigenen Sorgen. Unruhig träumend sah er den mißglückenden Flug, die ganze Stadt hinausgelockt nach Waldbrunn, die Regierung, die Spitzen der Vornehmheit, und alle murrend in einem einzigen tiefen Donnerlaut; dann eine Photographie: sich selbst, das Aerodrom verlassend, in großen Schritten mit gehobenen Schuhsohlen, und sein Gesicht mit emporgehobener Handfläche vor dem Photographen schützend, wie er dies bei Bildern von Prozeßberühmtheiten gesehn hatte –, in diesem Schreck wurde er ein wenig wach, haderte mit sich wegen aller Dinge, aber noch ganz besonders wegen seines phantastischen Rückhalts an Lambert und der Sammlung – jetzt war der Flug längst entschieden – ein ganz klarer Gedanke: morgen früh gleich die Zeitung lesen, nicht vergessen – er schlummerte wieder ein wenig, da trat Lina ins Zimmer, sie hatte ein Kind geboren, nein, Zwillinge mit ebensolchen Glotzaugen, wie sie sie hatte, große gesunde rote Kerle von Kindern, so groß wie Gerhart, dieser dumme Bursch, auch ihm ziemlich ähnlich, wenn man's recht nahm – von neuem riß es Arnold empor, und die einsamen kahlen Wände anstarrend, die sich schon im Morgengrauen erhellten, überlegte er hastig, wozu er eigentlich nach Wintertal gekommen sei, wieder so ein unsinniger Streich, denn hier sich verbergen, bis zu Hause alle die Geschichten vergessen seien, das ginge doch nicht – aber vielleicht ins Gebirge fliehn – er begann von Lawinen zu träumen, die sich in Stöße blauen Briefpapiers verwandelten, auf seine Baracke losstürmend; nun war das Hüttchen überschüttet, ein paar Schnörkel einer Mädchenhandschrift stiegen aus dem Papier, tanzten wie Rauch über den Trümmern, sie wollten sich zu Worten ordnen, ein Wind aber trieb sie immer wieder auseinander, sie waren Schilfrohr, nein, ein Fußball fuhr zwischen sie, ein roter, die Sonnenkugel … Am Morgen erwachte Arnold ganz gedemütigt und sanft; fast ohne zu reden, folgte er der Mutter durch die sonnigen kühlen Straßen.
Sie bog hinter einem zweistöckigen Häuschen ein, das, in einer Nebenstraße gelegen, noch ganz das Aussehn eines Großstadthauses hatte, mit Fensterkrönungen, Quadern, Balkonen, nur etwas verkleinert. Dahinter lief ein grasiger Fußpfad steil bergab, zwischen freien und bewachsenen Erdhügeln, wie man sie auf Bauplätzen sieht. Eine Ziege, an einen Baumstamm gebunden, weidete da. Links führte ein Nebenweg zu einem verzäunten Garten, der auf einem Hügel lag, neben ihm die stattliche Hütte. Eine unansehnlichere trat quer gegen den Fußpfad vor, so daß sie ihn mit einer Spitze berührte. Zu dieser bog die Mutter ein … »Hier also?« fragte er beklommen. Er zitterte ein wenig, in so etwas dörfisch Armem, Zusammengeducktem lebte also etwas wie sein eigen Fleisch und Blut. »Warte ein bißchen« sagte die Mutter »ich will sie doch vorbereiten.« Während sie vorausging, betrachtete Arnold, fast mitfühlend, den dunklen niedrigen Holzbau, die Wände aus Balken und Latten, in denen nur die kleinen Fensterchen, weiß eingerahmt und mit Blumen, eine Farbe hatten, darüber dann das große, mit schwarzer alter Pappe bezogene Dach, rußig und wie zerfallen; wie eine faltige Haube, höher als das ganze übrige Gebäude, drückte es mit unverhältnismäßiger Kraft herab und armselig sah eben deshalb solch ein Bauwerk aus, dessen Hauptkraft in dem unwohnlichen, sich verjüngenden Dache liegt. Und die kurze Treppe, die zu einer Art Plattform vor der Türe heraufführte, o diese Plattform aus großen rohen Steinen, mit einem ureinfachen Geländer – wie wenig bequem, wie ländlich das alles!… Die Mutter stand nun wieder in der engen Türe, in ihrer Stadtjacke und im Hut seltsam abstechend. Sie winkte. Arnold betrat die Treppe, durchschritt ein von dunklem Gerät verstelltes modriges Vorhaus, durch das eine mächtige Holzleiter, zum Boden vielleicht, emporführte; etwas Helles und Dunkles, Undeutliches, verwirrte seine Augen, jetzt eine wie mit einem Sofapolster verlegte Tür, an der ein Anklopfen unhörbar geblieben wäre und die die Mutter vor ihm öffnete, während sie ihm nochmals zuflüsterte: »Sei nur hübsch lustig …«
Er trat ein, sich bückend.
Im Bett der Tür gegenüber, unterschied er ein winziges gelbes, von Falten unendlich tief zerdrücktes Gesicht, das der Zimmerdecke zugekehrt auf dem Kissen lag, wie im Schlaf oder Tode. Aber eine leise deutliche Stimme sagte, während er zögernd sich näherte: »Arnoldele, mei Gold, gesünd sollst de sein bis über hündert Jahr. Soll dir Gott geben, was du werst brauchen, mei Gold …« Er beugte sich, um eine kleine Hand zu küssen, die warm war. Da sah er nebenan seine Mutter das Taschentuch ziehn und schnell an die Augen pressen. Und auch die Augen der Großmutter veränderten sich, diese beinahe hundert Jahre alten Augen, sie weinte nicht, aber die Augen wurden trübe wie graue Regentropfen, loschen ganz aus – und dieser Anblick rührte ihn so, daß er seine Kehle, den Hals noch tiefer unten sich zusammenziehn fühlte … Wie ein Gebet murmelte die Großmutter leise fort, aber durchaus nicht erregt: »Groß bist de geworden, unberufen, e Gewure von e Menschen, Gott soll …« Er verstand einige Worte nicht und sagte nun selbst: »Küß die Hand, Großmutter, no du siehst ja gut aus, es fehlt dir also nichts, nichtwahr …« Sie flüsterte weiter, wie in sich hinein, mehrmals wiederholte sie mit einem ganz schwach singenden, einschmeichelnden Ton: »Was tu ich dir nur für e Kowed an, Arnoldele?…«
Die Mutter soufflierte ihm die Übersetzung: »Kowed – Ehre –«, und während er sich an sie wandte: »Ich weiß ja«, steckte sie ihm die Düte mit Brustzelteln in die Hand.
»Ich bin froh, daß ich bei dir bin« sagte Arnold laut und seine reine Aussprache erschien ihm gegenüber dem stets modulierten, undeutlichen Herzensmurmeln der Greisin hart und geziert: »Schau, was ich dir mitgebracht hab. Ich hab gehört, daß du das gern hast …« Er wollte sagen: »magst«, doch erschien es ihm plötzlich notwendig, die einfachsten Worte zu gebrauchen.
»Ich hob immer gewüßt, daß du e braves Kind bist …« Auf mehrere deutliche Worte folgten immer ein paar unverständliche. Dann, an die Mama gewendet, erhob sie ein wenig den Kopf: »Ich sog dir, Regie, von dem Kind wirst de ka Herzlad haben und immer Freiden sollst de erleben. Er hat Herz und Gemüt.«
Arnold reichte ihr die Düte.