„Und dennoch . . .“
„Aber natürlich gibt es auch in dieser Materie Naturschönheiten, erhabene Erscheinungsformen der ewigen Kräfte, des Wachsens und Vergehens. — Da ich nun mein ganzes Leben lang, so oft ich in die freie Natur hinaus kam (es geschah bei meinem abscheulichen Berufe selten genug) . . ., da ich vielleicht gerade deshalb, weil es mir so ungewohnt war, die Herrlichkeiten der Natur mit einem wahren Durst und Entzücken in mich aufnahm und jedesmal dabei in mir ohne weiteres das Gefühl wach wurde, daß ich in diesem Genuß irgendwie an ein Ewiges, Allgemeingiltiges, ganz unerschütterlich Wirkliches rührte, eben deshalb bin ich möglicherweise jetzt befähigt, in allem, was Naturschönheit betrifft, auch in der neuen Welt mich schnell auszukennen und sofort zu fühlen, wo ich auch hier auf ein Wesentliches in dieser Beziehung stoße.“
„Höchst sonderbar. Mache ich Ihnen nicht nach, wahrhaftig . . . Wenn ich aus einem Alpenpanorama von lauter Luftwirbeln käme . . . pardon, so sagten Sie doch . . . aus lauter Seifenblasen, nicht wahr, also ohne Steine, ohne Schnee, ohne Pflanzen, ohne Farbe . . . natürlich auch ohne Farbe . . . das muß ich sagen, dann wäre ich beim Anblick der wirklichen Berge so verblüfft, so verblüfft . . .“ Der Baron versank in Brüten, endlich fuhr er auf. „Mit einem Worte, ich wäre verblüfft.“
„Sie wollen mich verspotten“, klagte das Gespenst. „Bin ich am Ende noch zu wenig verblüfft und verwirrt? Nur gerade der freien Gottesnatur gegenüber fühle ich etwas mehr Vertrauen.“
„O nein, auch in anderem kennen Sie sich ganz erstaunlich aus. Ja, es scheint mir sogar, in den Hauptsachen. Sie wissen genau, ich muß direkt sagen, unnatürlich genau Bescheid darüber, woher Sie kommen und wohin Sie gehen.“
„O ich weiß es nicht, mein Herr, ich weiß es nicht.“
Der Baron fuhr unbeirrt fort: „Sie sind sich sogar dessen bewußt, daß Sie sich in einem Übergangsstadium befinden. Sie haben einen Begriff von den Prüfungen, denen Sie entgegengehen, von einem gewissen Gerichtsverfahren und von den Verdiensten, die Sie vor diesem Gericht geltend machen können. Dabei macht Ihnen unsere Sprache, unsere Begriffsbildung in diesem doch recht schwierigen Thema merkwürdigerweise gar keine Schwierigkeiten. Sie reden wie gedruckt und Sie reden dabei von der ewigen Gerechtigkeit, wie wenn Sie mit ihr verwandt wären, Sie reden ebenso von Gott und Tod und Hölle und Teufel und ich weiß nicht, wovon noch . . .“ Der Baron war geradezu wütend geworden und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab.
„Ja, glücklicherweise habe ich mich gerade mit diesen Dingen auch in meinem sterblichen Leben einigermaßen befaßt“, sagte das Phantom mit äußerster Zaghaftigkeit, „wenn auch lange nicht genug. Und nicht, daß ich sie verstanden hätte. Aber eine gewisse Sehnsucht zog mich immer wieder zu ihnen hin, und auch da hatte ich das Gefühl, daß es um ewige unumstößliche Wirklichkeiten gehe, die überall gelten müssen . . . Ach, leider habe ich dafür anderes vernachlässigt, und das rächt sich jetzt bitter an mir . . .“
„Sie schweigen?“ rief der Baron unwillig, da eine kleine Pause eintrat. „Gerade auf das wäre ich besonders neugierig. Was ist es nun eigentlich, was sich an Ihnen rächt? Worin haben Sie gesündigt? . . .“
„Ich war“, kam es stockend, beschämt hervor, „. . . ich war, wie soll ich es sagen, in Kleinigkeiten sehr ungeschickt. Das heißt: ich hielt sie für Kleinigkeiten. Jetzt aber sehe ich, daß auch sie bedeutungsvoll sind und daß auch sie, wenn man sie mit der richtigen Sorgfalt anpackt, einen verehrungswürdigen Kern von Realität enthalten. Denn jetzt fehlen sie mir. Das ist eben das besondere Gesetz, unter dem wir Gestorbenen in der ersten Stunde nach dem Tode stehen. Aktion und Reaktion sind vollständig vertauscht. Das, was wir im sterblichen Leben ehrfürchtig, mit Schauder und Staunen bewundert haben, das ist uns jetzt vertraut. Was wir aber dort wegwerfend behandelt und zu einer seelenlosen gewohnheitsmäßigen Hantierung herabgewürdigt haben, das mutet uns hier fremd und unverständlich an. So geht es mir hier . . .,“ er stockte wieder, „mit der Kleidung. Ich habe sie, offen gesagt, sehr vernachlässigt. Überhaupt, Etikettefragen verstand ich nie. Mit einem gewissen Hochmut setzte ich mich über sie hinweg und glaubte, infolge meiner sonstigen höheren Neigungen sogar ein Recht auf diesen Hochmut zu haben. Für ihn werde ich jetzt bestraft. Denn gewiß liegt auch in der Etikette, überhaupt im geregelten gesetzlichen Verkehr zwischen den Geschöpfen, im Maßhalten und Distanzgefühl etwas Allgemeingültiges und von Gott Gewolltes. Mag sein, daß dieses Distanzhalten übertrieben wird, daß nur ein Körnlein Wahrheit und sehr viel Lüge in ihm liegt. Aber eben auch dieses Körnlein Wahrheit zu finden war ich verpflichtet, und noch so arge Lüge, die es verhüllte, ist keine genügende Entschuldigung dafür, daß ich mich von dieser Hülle abschrecken ließ . . . Zur Strafe bin ich jetzt in allem derartigen ganz ratlos. Bedenken Sie nur, wie peinlich es für mich ist, daß ich immer noch nicht herausbringen konnte, in welcher Gestalt Sie vor mir stehen. Ich sehe Sie gar nicht. Ich glaube zwar, daß Ihre Stimme aus diesem schönen leuchtenden Körper kommt,“ dabei zeigte er auf die Schreibtischlampe weit hinter dem Baron, der bei diesen Worten (vielleicht zum erstenmal in seinem Leben) ein eigentümliches Gefühl von Kleinheit und Unbedeutendheit empfand, was jedoch seine Erbitterung nur steigerte, „und ich, halte irgendwie dieses Licht für das Zentrum, der Persönlichkeit, mit der ich mich unterhalte. Im übrigen aber hebt sich für mich leider keine deutliche Gestaltung aus der Umgebung hervor. Und auch mit meiner eigenen Figur kann ich nicht ins Reine kommen, so sehr ich mich meiner neuen Welt anpassen möchte. Bald zuckt es in mir zusammen, bald fließt es auseinander. In allen Poren fühle ich ein Unbehagen. Glauben Sie mir, mir fehlt jedes Raumgefühl, alles torkelt mir schwindlig durch den Kopf. Ich kann die richtige Ebene nicht finden, in der ich mich zu bewegen hätte. Alles sehe ich schief.“