„Das merke ich nun wirklich“, fuhr von Klumm mit höhnischem Lachen auf.
„Jetzt erst merke ich, zu spät, wie recht ein Freund hatte, der mir immer von seinem Heimweh erzählte. Er war nur aus einer andern Stadt, nicht etwa aus einer ganz andern Welt zu uns gekommen, und immer wieder klagte er, wie unheimlich, ja geradezu wie bestraft er sich fühle. Was sich nämlich zu Hause unter einer Hülle lieber Gewohnheiten, in der Wärme des Körper-an-Körper-Sitzens im Familienkreis verborgen hatte, das trat jetzt nackt zu Tage: eine gewisse innere Leerheit und Sinnlosigkeit seines Lebens.“
„Dasselbe hat heute der Militärattaché gesagt“, murmelte der Baron, mit gespanntem Mißtrauen.
„Wenn man“, fuhr die Erscheinung ruhig fort, „in einem trügerischem Schein von ewigem Beschäftigtsein sein Leben hinbringt, immerfort fleißig und strebsam ist, immerfort sogenannte „ernste“ Dinge treibt, die meist nur der banalen Notdurft des Tages dienen, seine Muße wiederum mit einem „Unernst“ vergeudet, der jenem Ernst an Irrealität gleichwertig ist, — kurz, wenn man nirgends die befreiende absolute Wahrheit sieht, sondern überall nur eine trübselige Notwendigkeit und Gewohnheit . . .“
„Das ist zuviel,“ schrie der Baron, und ging mit geballten Fäusten auf das Phantom los, „jetzt reden Sie gar von mir!“
„Nein, von meinem Freund“, schrie die Erscheinung und wich mit dem Oberleib zurück.
„Haha, — der sah also nirgends absolute Wahrheiten? Hören Sie, da laß ich ihn schön grüßen und ihm sagen, daß er ein ausgezeichneter Kerl ist, dieser Freund, und mein Mann. Genau so bin ich nämlich auch. Die nüchternen Tatsachen des Lebens erkenne ich an, relative Vernünftigkeiten, Zweckmäßigkeiten. Aber was Sie davon allgemein giltiger Realität faseln . . . Donnerwetter, gerade gegen solche törichte Ideologien anzukämpfen, darin sehe ich den bescheidenen, aber vielleicht doch nicht ganz unwesentlichen Sinn meines Daseins. Zum Teufel, ist denn jemand so kurzsichtig, der das nicht einsieht? Es gibt kein Recht für alle und keine Gerechtigkeit, weil jeder recht hat, jeder einzelne. Deshalb muß es ewig Krieg geben, Zwietracht von Mann zu Mann und Krieg der Völker untereinander . . .“
Kaum hatte der Minister diese Worte ausgesprochen, als das Gespenst sich mit einem Male wie umgewandelt gebärdete. War es bisher eines von der weinerlichen Sorte, sogar nahezu temperamentlos gewesen, so geriet es jetzt in einen zornigen Eifer, der dem des Barons in nichts nachstand. „Halloh, das ist ja Unsinn“, rief es und schien alle Zimperlichkeit mit einem Schlage vergessen zu haben: „Es gibt kein Muß und es gibt keine bloß relative Vernünftigkeit! Mit solchen Ansichten stecken Sie ja in einer ganz gewaltigen Verblendung.“
„Ich — Verblendung? Ich, der anerkannt sachlichste Realpolitiker der Gegenwart? Selbst von den Gegnern als sachlich anerkannt? Und solch ein Phantast, solch ein Utopist wie Sie will das behaupten? Wissen Sie, daß ich Leute Ihres Schlages für die ärgsten, ja die einzigen Feinde der Menschheit halte?“ Der Baron hatte die Erscheinung beim Arm ergriffen und zerrte sie hin und her, die Empörung hatte ihn vollständig übermannt. Doch auch die Erscheinung war wild geworden. Erregt tappte sie um sich, allerdings sehr ungeschickt, so daß sie den Baron verfehlte. „Ja, für einen solchen Feind“ schrie dieser, indem er zur Seite sprang, „daß ich mir gar kein Gewissen daraus mache, Sie selbst samt Ihren läppischen Erfindungen jetzt auf der Stelle über den Haufen zu schießen.“ Er war an den Schreibtisch geeilt, öffnete eine Kassette und begann mit zitternder Hand, den Revolver von neuem zu laden. Dabei aber schrie und zankte er ununterbrochen weiter und seine Stimme klang vor Wut und Aufregung immer heiserer: „Mit Ihrem albernen Gerede von ewiger Gerechtigkeit . . ., begreifen Sie gar nicht, daß Sie sich an dem heiligsten Gute der Menschheit versündigen? Wenn es nur ein Recht und eine Wahrheit gäbe, wo bliebe dann . . . die immanente Mißlungenheit, die Sinnlosigkeit alles Irdischen, die doch gerade darin besteht, daß alle, die aufeinander gegenseitig loshauen, alle, alle zugleich im Rechte sind, wo bliebe das Christentum, die Religion des Leidens, wo bliebe die ganze metaphysische Tragik des Erdenwallens?“
„Sie erbärmlicher Wicht“, schrie nun auch der Geist aus voller Kehle und in seine Stimme rollte etwas wie unterirdischer Donner, ja auch aus den Wänden und Fenstern schien es dunkel mitzusprechen, der Wind draußen setzte mit stärkerer Wucht ein und brachte vom Hochgebirg ein eigentümliches leises Pfeifen und Knistern mit, als lösten sich irgendwo in der Ferne die Fugen des uralten Gesteins und bereiteten sich vor, in feinen Staubbächen herabzurieseln. „Sie erbärmlicher Wicht“, schrie gleichsam die ganze sichtbare Natur in ihrer Empörung auf. „Ist es Ihre Sache, Gott ins Handwerk zu pfuschen, und die Tragik seines Werkes gönnerhaft besorgt zu protegieren, für die vielleicht genug und mehr als genug geschehen ist, wenn er solch schädliche Würmer wie Sie in seiner unendlichen Güte überhaupt nur weiterexistieren läßt, statt sie zu vertilgen?“ — Bei diesen Worten bog sich das Gespenst ganz zurück, als wolle es einen Anlauf nehmen, um das Menschlein einfach mit der Wucht seines Leibes niederzustoßen und dann zu erdrücken. Durch diese heftige Bewegung aber hatte es sich unversehens aus dem Parkett, in dem es noch immer bis zum Knie gefangen stand, frei gemacht. Es stieg nun vollends wie aus einer Versenkung empor, erstaunlicherweise jedoch hielt es mit dem Aufstieg nicht ein, als es die Ebene des Fußbodens unter den Sohlen hatte, sondern wie im Schwunge seines Ausholens erhob es sich weiter und fuhr nun frei in die Luft empor, doch nicht geradeaus, sondern schräg, als schwebe es eine unsichtbare Treppe hinauf. In dieser Bewegung kam es wie in einem eisigen Luftzug dicht am Baron vorbei, so daß es ihn also wieder verfehlt hatte. „Wehe mir“, schrie es jetzt mit kläglich-schneidendem Laut, indem es plötzlich etwa in halber Höhe des Zimmers einhielt und fast unbeweglich, nur mit leichtem Pendelschlag schwingend blieb. „Meine Sünde! Meine Sünde!“