Der Baron war zitternd in die Knie gestürzt, in weitem Bogen entfiel die Waffe seiner Hand und klirrte zu Boden. Nicht so sehr die Rede des Geistes als der furchtbare Anblick des in der Luft wie an einem imaginären Galgen hängenden Leibes, der an Gespenstigkeit all das Merkwürdige, was er an diesem denkwürdigen Abend bereits erlebt hatte, weit überbot, warf ihn aus seiner mühsam erkünstelten Fassung. Nun rührten die bebenden Worte von oben, die wie unmittelbar aus einem gequälten Herzen hervorgestoßen schienen, an einen Nerv seiner Seele, der schon lange nicht, vielleicht seit seinen ersten Kinderjahren nicht geschwungen hatte. „Meine Sünde! Meine Sünde!“ wimmerte nun auch er und verdrehte die Augen. Denn weinen konnte er nicht mehr. Das hatte er in all den vielen Jahren ganz verlernt.
Eine Weile schrien nun beide jammervoll durch das Zimmer und erweckten den schaurigen Widerhall der leise knarrenden Möbel. Der Mond war untergegangen, völliges Dunkel herrschte außerhalb des Lampenscheines. Jetzt erst bemerkte man, daß ein ganz zartes, flimmernd bläulich-weißes Licht von den Konturen des Phantoms ausging, wie von einem Kamm, der knisternd durch Haare streicht. Es machte wirklich den Eindruck, als sei jedes Fäserchen im Kleide des Geistes bis zur Wurzel hinab schmerzlich aufgeregt und erschauere in dem fremden widerspenstigen Medium des irdischen Luftraumes, der sich bei der geringsten Bewegung als unangenehm krankhafte Reibung bemerkbar machte.
„Was ist Ihnen denn? Herr des Himmels, was ist Ihnen?“ rief der Minister, dessen Wut völlig verraucht war und der nur noch Mitleid fühlte, Mitleid mit der armen verirrten Spukgestalt, noch mehr Mitleid aber mit sich selbst, denn er begann zu ahnen, daß sein Schicksal in jener unausweichlich gewissen Stunde nach dem Tode dem des Geistes verwandt, aber noch viel, viel entsetzlicher sich gestalten müsse.
„Sehn Sie denn nicht“, erklang es jämmerlich von oben. „Ich habe keinen Raumsinn, das ist es. Ich erkenne zwar, daß es hier Zimmer und Stockwerke, eine gewisse gesetzmäßige Anordnung von Oben und Unten, von Rechts und Links gibt. Aber ich kann diese merkwürdige Anordnung nicht in mein Gefühl aufnehmen, ich kann sie nicht von innen heraus empfinden . . . Und jetzt weiß ich auch schon, für welchen besonderen Vorfall meines Lebens diese Heimsuchung mich treffen soll.“
„O, es ist schrecklich“, wehklagte der Minister. „Was war es denn, was Sie verbrochen haben? Vielleicht kann ich Ihnen helfen. Wenn es in meiner Macht liegt, seien Sie überzeugt, daß ich nichts unversucht lassen werde . . .“ Die gewohnten Diplomatenphrasen kamen tonlos, nur so kopfüber aus seinem blassen Munde gestürzt.
Der Geist antwortete auf sein Anerbieten gar nicht, er schien ganz in Erinnerung zu versinken und nur zu sich selbst zu sprechen: „Ein vornehmer Mann, ich glaube, er war Staatsminister, besuchte mich einmal, vielleicht in der besten Absicht, von lauterstem Wohlwollen erfüllt, in meiner armseligen Dachkammer. Er wollte von mir lernen, sagte er, wollte meine originelle Lebensweise, meinen Eigenbau in Weltanschauungen, so nannte er es wörtlich, mit eigenen Sinnen nachprüfen. Da ritt mich der Satan der Aufgeblasenheit, der richtige Proletarierstolz, und ich warf ihn eigenhändig die Treppe hinunter, wobei ich triumphierend ausrief: ‚Damit Sie wirklich sehen und am eigenen Leib fühlen, daß es bei mir kein Hoch und Niedrig, kein Oben und Unten gibt.‘“
„Kein Oben und Unten. — Und deshalb hängen Sie Unglückseliger jetzt in der Luft? — Nun, aber es war damals wirklich nicht schön von Ihnen.“
„Ja, das schrie ich ihm damals nach, mit vollem Brustton und in der Überzeugung, etwas Großartiges ausgeführt zu haben. Leider bin ich ja so jähzornig, Sie haben vorhin eine Probe davon erlebt. Und es kam mir damals so naheliegend vor, so selbstverständlich, den Mann einfach am Kragen zu packen und hinunterzuwerfen. Nachher noch freute ich mich lange darüber, daß ich diesen glänzenden Einfall gehabt hatte, er schien mir aus meinem Innersten gekommen zu sein, ich konnte mir gar nicht vorstellen, daß die Sache anders hätte ausfallen sollen und dürfen. — Jetzt aber fühle ich ganz genau, eben diese scheinbare Selbstverständlichkeit und Insichgeschlossenheit, diese handgreifliche Massivität und Sicherheit der Dinge ist die ärgste Gefahr, die ärgste Versuchung für die Sterblichen. Es kann gar nicht anders sein, denkt man, oder denkt gar nichts, beruhigt sich einfach dabei, daß es so ist, daß es Elend und Heuchelei und Massenmord und Verkümmerung gibt. Es ist nichts zu ändern und zu bessern, denkt man, und vergißt ganz, daß man bei sich selbst den Anfang machen könnte . . .“
Der Baron unterbrach ihn, zähneklappernd, mit dem Ausbruch seiner höchsten Angst: „Aber bedenken Sie, Liebster, wie wird es erst mir ergehen, wenn Sie schon wegen einer einmaligen geringfügigen Verfehlung oder vielmehr nur Vierschrötigkeit soviel auszustehen haben? In Etikette und Distanzfragen zwar werde ich mich auskennen. Aber in den vielen anderen und, wie es scheint, wichtigeren Dingen, die ich alle nur als Gewohnheiten gelten ließ und die sich infolgedessen alle gegen mich empören werden? Sogar an den Tod, pflegte ich zu sagen, haben wir uns gewöhnt. Also wird mir alles in der verdrehten Welt . . ., im Jenseits, wollte ich sagen, ganz überraschend neu und unerklärlich erscheinen, nicht wahr?“
„Ja, jetzt ergreift es mich“, rief das Gespenst in diesem Augenblick frohlockend aus, ohne sich um den von Entsetzen geschüttelten Staatsmann zu kümmern, „jetzt, jetzt weicht das Verhängnis von mir. Jetzt fühle ich, daß mir verziehen wird. Eine unvergleichliche Harmonie ergreift mich, erfüllt meine Glieder . . .“ Freudetränen glänzten in den Augen des Greises, der verstummt war und mit einem sanften Lächeln auf seinen Zügen langsam zum Fußboden niederschwebte. Er hatte jetzt auch schon nicht mehr als die Größe und Gestalt eines normalen Menschen, das spitzige Nadelglitzern rings um seinen Körper war verschwunden. Nun hatte er das Parkett berührt. Sofort lösten sich auch seine Füße aus der unnatürlichen marionettenhaften Gebundenheit, und frei schritt er jetzt auf den Baron zu, den er auch schon richtig von seiner Umgebung zu unterscheiden schien. Er bemerkte jetzt, daß dieser auf der Erde kniete. „Stehn Sie auf“, sagte er freundlich und half ihm nach, indem er den Ächzenden emporhob. „Niemand ist unrettbar verloren . . . Mich aber reißt es jetzt mit Macht anderswohin. Welche andere Prüfungen sind mir noch beschieden? Oder stehe ich schon am Ende und bin für die höchste Ebene geläutert? Ich weiß es nicht. Ich fühle nur, daß meine Zeit in dieser terrestrischen Welt um ist, daß ich wieder in eine neue Sphäre auftauche, vielleicht — o die Ahnung schon beseligt — in eine reinere, als diese hier und als die meine es waren. Leben Sie wohl!“