Der Nachtinspektor meldete sich.

„Ist Arthur Bruchfeß dort? Der Schornsteinfeger, der heute das Attentat auf mich verübt hat? Ist er nicht gerade vor einer halben Stunde gestorben?“ Der Minister glaubte nichts anderes, als daß er die eben beendete Unterredung mit dem Spirit dieses Mannes gehabt hatte.

„Ich werde sofort selbst nachsehn, Exzellenz.“

Nach einer Weile, deren Spannung sich ins Unerträgliche ausdehnte: „Nein, Inhaftat Bruchfeß lebt, ist sogar auffallend ruhig und heiter. Er hat sich nicht zur Ruhe gelegt, sondern geht, ein Liedchen trällernd, in seiner Zelle auf und ab. Die Ärzte haben nicht die geringste Spur von geistiger Umnachtung feststellen können, nicht einmal eine besondere Erregung des Nervensystems.“

„Lassen Sie den Mann laufen, sofort“ keuchte der Minister „die ganze Affäre wird niedergeschlagen. Man muß das alles anders machen, die ganze Justiz, die ganze Welt, alles . . . Haben Sie verstanden? Sofort in Freiheit setzen.“

„Zu Befehl, Eure Exzellenz.“

Schwer atmend fiel der Minister in seinen Sessel nieder, ununterbrochen versetzte er seinem Kopf leichte Schläge, wie um sich aufzurütteln und das Unsagbare zu fassen.

Da raschelte es in der Türe.

Die schöne Gabriele war eingetreten. Das laute Gespräch vorhin hatte sie nicht geweckt, wohl aber jetzt das Klingeln des Telephons. „Wann kommst Du endlich?“ rief sie und spitzte schmollend ihre Lippen. So blieb sie, leicht erschauernd, stehn, denn sie trug nichts als ihr dünnes halbdurchsichtiges Nachthemdchen, das nur zwei hellblaue Seidenbänder über den glänzenden Schultern festhielten. Man sah ihr einfaches junges Gesicht, die zarten runden Arme und jene leichte apfelglatte Wölbung des kleinen Busens, die mehr als alles in der Welt selbstverständlich ist und zu vertraulichheimischem Vergessen, zur süßen Gewohnheit eines bewußtlosen Ausruhens verleitet. Auch ein Stärkerer als der Baron hätte diesem mit sanfter Gewalt berauschenden Anblick nicht widerstanden. Im nächsten Augenblick war er bei ihr. „Wie lang soll ich noch allein warten?“ hauchte sie zärtlich, während er sie schon umfangen hielt und sich, mit stürmischer Freude, aus tiefster Brust aufatmend, der süßen mütterlichen Schlaflauheit, die von ihrem Körper ausging, und dem sachten Schlag überließ, mit dem ihn eine ihrer losgelösten Haarsträhne wie eine unendlich feine, melodisch aufklingende Zaubergerte an der Wange berührte.

ENDE