„Neue Eindrücke . . . im Momente des Todes?“
„Nicht gerade im Momente des Todes. Da gibt es allerdings einen kleinen Augenblick von gemindertem Bewußtsein, in dem man nichts fühlt als einen heftigen Riß, eine vorher ganz unbekannte starke, aber ganz kurze Empfindung, mit der sich die Seele vom Körper löst, ein Zucken, von dem ich nicht sagen könnte, ob es der Lust oder dem Schmerz verwandter ist. Aber wie gesagt, das dauert nur den Bruchteil einer Sekunde lang. Dann ist die Seele von Materie frei, ganz rein und losgebunden. Das aber ist gerade das Anstrengende. Wie soll ich es nur beschreiben? Unser ganzes Leben lang hatten wir damit zu tun, unsere Materie, die ja, seien wir aufrichtig, den Schwerpunkt unseres Daseins bildete, mit Geistigem und Gefühltem, mit seelischem Leben vollzusaugen, das wir aus den wogenden Lebensströmen rings um uns für unseren Gebrauch entnahmen. Plötzlich ist unsere Seele frei, bildet gleichsam einen materielosen Hohlraum, eine luftleere Blase mitten in der Materie. Die Materie aber, die gewohnt ist, sich am Seelischen zu nähren, gleichsam vollzusaufen, stürzt natürlich von allen Seiten mit rasender Begierde auf diesen Hohlraum zu und versucht sich einzudrängen. Alle Arten von Stofflichkeiten, auch solche der tiefsten Lebensformen, möchten von der eben freigewordenen Seele Besitz ergreifen, möchten sich an ihr nähren und emporpäppeln. Diese ersten Minuten sind schrecklich. Ich kann ja sagen, mir ist es dabei noch ganz gut gegangen, ich hielt mein kleines Bündel Seelensubstanz tüchtig beisammen. Viele Seelen aber werden schon in diesen ersten Augenblicken ihres neuen Daseins in Stücke gerissen, einfach zerfetzt, und es graut mir geradezu, wenn ich mir ausmale, was eine solche in Atome zerbrochene Seele zu leiden hat, die ja doch noch bei all dem ihr einheitliches Ichbewußtsein behält und nun zu gleicher Zeit in einem Regenwurm, einem Baumblatt und vielleicht in ein paar Bazillen darauf, die einander gegenseitig vertilgen, weitervegetieren muß. Ich nehme an, daß gerade das der Zustand ist, den man Hölle nennt.“
„Nicht ausgeschlossen“, unterbrach der Baron mit dem Lächeln, das er für ertappte Gegner zu verwenden pflegte. „Nur möchte ich wissen, woher Sie nicht nur über Ihr eigenes Schicksal, sondern auch noch zum Überfluß über das anderer Seelen so genau Auskunft zu geben wissen. Ohne Ihnen nahetreten zu wollen, — sind Sie sich klar darüber, daß Sie sich hier auf ein Gebiet begeben haben, auf dem allen Phantasien und Täuschungen, insbesondere Selbsttäuschungen, Türe und Tor geöffnet ist? Haben Sie sich in dieser Hinsicht ernstlich genug geprüft? Sind Sie Ihrer so vollständig sicher, daß eine kleine . . . ich will nicht Lüge sagen . . . eine kleine Übertreibung oder Entstellung der Wahrheit ganz ausgeschlossen erscheint?“
Der Greis war gar nicht beleidigt, im Gegenteil, er schien für jede Ermahnung dankbar und verfiel sofort, nachdem er das Vorige in gewissermaßen ruhigem Ton geäußert hatte, in seine anfängliche reuige Zerknirschung: „O, Sie haben recht. O, wie recht Sie haben. Offenbar sind Sie mir als Richter bestimmt, vor dem ich mich zu verantworten, nein, nicht verantworten, vor dem ich meine Verfehlungen zu beichten habe. — Ja, es ist wahr, ich habe mich durchaus nicht genügend geprüft und habe mich, obwohl es mein ernstlicher Wille war, auch vor eitlen Selbsttäuschungen nicht hinreichend gehütet. Meine Einsieht, wenn ich die erbärmlichen Resultate meines Lebens so nennen darf, reichte gerade noch aus, um mich die erste Prüfung nach dem Tode, die Attacke der Materie, bestehen zu lassen. Ich verstand in diesem Moment mit wirklich merkwürdiger Hellsichtigkeit nicht nur alles, was mit mir, sondern auch was mit anderen eben Gestorbenen rings um mich vorging. Schreckliches habe ich da in wenigen Minuten gesehen, noch Schrecklicheres ist mir wie in Ahnungen klar geworden. Ganz rein konnte ich mich übrigens trotz meiner verzweifelten Gegenwehr doch nicht erhalten. Ich sehe, daß da schon wieder allerlei Fremdes an mir herumhängt, was mit unsterblicher Substanz nichts gemein haben dürfte.“ Bei diesen Worten betastete er traurig seine Rockknöpfe und zog das Jackett, das er trug, mit einer Bewegung über dem Magen zusammen, der man anmerkte, daß ihm dieses Kleidungsstück etwas ganz Unerklärliches war, daß er es vielleicht für einen Körperteil hielt.
„Trösten Sie sich, alle Kleidungen haben etwas Groteskes“ beruhigte ihn der Minister mit Herablassung.
„Kleidung nennen Sie das . . . Ach so, nun verstehe ich. Unsere Kleidung sah allerdings ganz anders aus. In der sylphischen Sphäre, aus der ich stamme, besteht die Kleidung in einer gewissen, sehr hohen Geschwindigkeit, mit der sich die Individuen beständig kreiselförmig um sich selbst drehen.“
„Eine Sylphe sind Sie also, eine Sylphide.“ Eine ganz schwache Erinnerung an die schöne Gabriele und ihren Sylphentanz im letzten Ballett schwebte am Baron vorbei, „Sylphen stellen wir uns allerdings ganz anders als in Ihrer Figur vor.“
„Sie sind auch ganz anders, wahrhaftig, und leben auch ganz anders als ich es jetzt tue. Ich bin schon auf dem Übergang in Ihre Welt begriffen, lebe schon halb und halb, so gut ich es kann, als Mensch. Das ist ja eben die zweite schwerere Prüfung, die ich durchzumachen habe: man wird plötzlich in eine ganz andere Welt unter ganz neue Bedingungen versetzt, alle Gewohnheit des Alltags, alle Routine fällt infolgedessen von einem ab, und gerade das ist der Prüfstein, an dem sich zeigt, wieviel wirkliche, für alle nur irgend möglichen Welten geltende Realität man in dem einen Leben zu erwerben gewußt hat . . .“
„Sie sind also gar kein toter Mensch, sondern aus einer andern Welt?“ fragte der Baron und lehnte sich, wiederum etwas fassungslos geworden, zurück.
„Ich bin aus einer andern Welt hier hereingestorben“, wiederholte das Gespenst geduldig.