„Das muß wirklich interessant sein“, fuhr es unbedacht aus dem Mund des Barons heraus. „Das heißt . . . ich wollte sagen . . . Bitte, möchten Sie nicht Platz nehmen? Davon müssen Sie mir mehr erzählen. Wie ist denn das, in der ersten Stunde nach dem Tode? Sie müssen wissen, mit diesem Gedanken, das heißt damit, mir diesen Zustand auszumalen, habe ich mich schon oft in müßigen Stunden beschäftigt. Ich habe ja immer viel zu tun, leider, leider. Aber manchmal, sehn Sie, zwischen den wichtigen Staatsgeschäften fällt einem doch etwas so Abstruses ein, ja ich muß es abstrus nennen, denn wie kann ein lebender Mensch wissen oder sich richtig vorstellen, wie es nach seinem Tode in ihm zugehen mag. Das ist ja schlechterdings eine Unmöglichkeit, eine Absurdität. Nun, item, ich habe ein gewisses Maß von Vorliebe für diese Sache, ich behalte ständig diese Angelegenheit im Auge . . .“ Unwillkürlich geriet er, je mehr er in Eifer kam, in die feingedrechselten Redensarten, mit denen er seit Jahren Petenten und Deputationen mechanisch abzufertigen pflegte. So sehr hatte dieses Gespräch schon den Charakter des Absonderlichen und Geisterhaften für ihn verloren, so sehr betrachtete er es als eine gar nicht mehr gruslige Konversation. „Kurz und gut, ich denke mir in dieser ersten Stunde . . . hehe, wenn ich so sagen darf, alles recht finster und leer und öde um einen herum. Das Nichts, verstehen Sie, das Nichts in des Wortes allerschärfster Bedeutung. So stelle ich mir es vor. Natürlich fällt es mir gar nicht ein, meine Erfahrungen mit den Ihrigen zu messen oder gar in eine Reihe stellen zu wollen. Verzeihen Sie meine Schwatzhaftigkeit. Ich werde mit weit größerem Vergnügen Ihren Ausführungen lauschen, als ich gesprochen habe. So, ich bin schon ganz Ohr. Bitte, setzen Sie sich, hier . . .“
Das Gespenst hatte ziemlich ratlos seine Augen umherwandern lassen, jetzt hefteten sie sich auf den Klubfauteuil, den der Minister heranrückte. Die Worte schienen von ihm verstanden worden zu sein, denn nun setzte es sich gehorsam und so schnell, als es seine immer noch festgeklammerten Füße zuließen, wobei es allerdings eine gewisse Unvertrautheit mit dem Gebrauch einer Sitzgelegenheit verriet, denn es ließ sich über beide Armlehnen zugleich nieder. Allerdings hätte es seine immer noch riesenhaften Körperformen nur schwer in den breiten Fauteuilgrund einzwängen können.
„Reden Sie also, erzählen Sie mir etwas von diesem Paradies, das unsere Pfaffen so gut zu kennen vorgeben.“
„Vom Paradies!“ erwiderte das Gespenst mit einem Seufzer. „Wie sollte ich niedriges Wesen Ihnen etwas vom Paradies erzählen können, in das ich vielleicht nach Billionen Jahren, vielleicht niemals Zutritt erlangen werde.“
„Also erzählen Sie meinetwegen von der Hölle“, warf der Minister mit einer verbindlichen Handbewegung wie einen kleinen Konversationsscherz hin.
„Der Hölle scheine ich ja allerdings, wenn mich nicht alles trügt, entronnen zu sein“, erwiderte die Erscheinung mit einem nicht gerade zuversichtlichen Blick rundum, doch schien ihr schon dieser Blick eine Vermessenheit zu bedeuten, denn sie verbesserte sich sofort mit stiller Bescheidenheit. „Sie dürfen übrigens nicht glauben, daß das etwas Besonderes ist. Die Extreme, volle Erlösung und volle Verdammnis sind wahrscheinlich, so vermute ich mindestens, im ewigen Sein ebenso seltene Ausnahmen wie im sterblichen Leben. Die Mittelstufen mit ihren tausendfältigen Abschattierungen überwiegen weitaus. So eine Mittelstufe scheint auch, obwohl ich mir darüber durchaus nicht klar bin, mein Los zu werden.“
„Nun, ich danke, für meinen Geschmack würde das Nichts, das absolute Nichts nach dem Tode schon Hölle genug bedeuten.“
„Das Nichts?“
„Nun, das Nichts, von dem ich vorhin sprach, der Wegfall aller sinnlichen Empfindungen, aller Wünsche und Freuden und Leiden.“
„Verzeihen Sie, da habe ich Sie wohl schon vorher nicht ganz richtig verstanden. Sie müssen mit mir Nachsicht haben, ich gebe mir die allergrößte Mühe, aber ich bin von all dem Neuen, das ich erlebe, so aus der Fassung gebracht, so betäubt, daß ich Ihnen trotz Ihrer Freundlichkeit nur schwer folgen kann. — Ein Nichts nach dem Tode, sagten Sie? Da hätte ich eigentlich sofort widersprechen müssen. Gerade das Gegenteil davon trifft ja zu. Eine solche Fülle frischer ungeahnter Eindrücke fällt nach dem Tode über einen her. Es kostet die größte Anstrengung, sich dieses Ansturms zu erwehren . . .“