Also sei heute einmal freundlich zu ihm, du wirst sehn, daß ich mich nicht täusche.
MARIE (läuft davon, obwohl der Wirt sie am Ärmel festhalten will. Er schüttelt den Kopf und stellt selbst das Glas Wein auf Orosmins Tisch.)
OROSMIN (aufgeschreckt):
. . . Nicht nur den Platz, ich sehe bis in ihre Wohnung. Was mag sie jetzt machen? . . . Sie kleidet sich schon an, um zu mir herunterzukommen, vielleicht nimmt sie gerade aus dem Spiegelschrank jenen Florentiner Hut, der immer so gelbe, wasserhelle Tönung über ihre rosa Wangen legt, und mit zarter Hand bringt sie seine Flächen, die sie zurückbiegt, in ein kleines Schaukeln . . . O komm doch, meine Freundin, es liegt nichts daran, laß den Hut verbogen, dir paßt ja alles . . . Sie ist eitel, ja, sie ist ein wenig eitel . . . (Er lacht leise, für sich.) . . . Man sieht es auch an ihrer sorgfältigen Schrift, nie wird sie einen ihrer mädchenhaften Schnörkel vergessen . . . (er zieht einen Brief hervor und küßt ihn. Sein Mund scheint von dem Papier angezogen, denn wie er das Papier wieder in die Tasche stecken will, folgt sein Gesicht ein Stückchen dieser Bewegung und reißt sich erst in ziemlicher Neigung los) . . . Ich habe es mir nie vorstellen können, daß es solch eine Lust ist, verliebt zu sein. Sonst pflegte ich verdrießlich, nachdenklich, zerstreut, sorgenvoll von meinen Büchern, meinen gemalten Tafeln aufzustehn. Was kümmern mich jetzt die Bücher, die Farben und die Linien . . . Hier dieser Platz, diese Gegend ist alles, was zu meiner Seele spricht. Hier bin ich bei mir, zu Hause, in meiner eigensten Laune, die durch nichts erklärt und verursacht wird als durch Dinge, die nur mich angehn und die nur ich verstehn kann. Ich bin stolz darauf, ich bin in einer Stimmung voll von Großartigkeit . . . Schöne Häuser! Schönes Gesumm und Lärmen! Schönes Fenster, das ihre! (Er streichelt den Tisch, das Weinglas, die Weinranken, in die er die Hände taucht wie in Wasser.) Schönes Glas, wie wohltuend bist du gearbeitet! Schöne Blumen! O großes überreiches Herz! . . .
Ein Wahnsinn, davon zu reden. Und doch treibt es mich, mein Glück mitzuteilen, mich mit aller Welt zu verständigen, wenn es geht . . . Wie reizend ist dieser Nachmittag, dieser Himmel über uns . . . Ich werde vielleicht diese Herren fragen, sie nehmen es mir wohl nicht übel . . .
(Er will gerade aufstehn, da tritt der Wirt an seinen Tisch und grüßt.)
DER WIRT:
Einen guten Tag wünsch ich . . .
OROSMIN (sieht ihn lange an, lächelnd, voll Freundlichkeit):
Sagen Sie es mir, lieber Herr . . . waren Sie einmal verliebt? Kennen Sie dieses Gefühl?
DER WIRT:
No ja . . . Man war auch einmal jung.