Tölpel, du bestärkst ihn noch . . . Nein, ich geb’s nicht auf. Das ist ja unmöglich, einen solchen Kometen von Glück wegzustoßen . . . Orosmin, hörst du, es wird sich applanieren lassen, vertuschen. Ich schreibe dem Hofmarschall, du wirst zu ihm gehn . . . Hörst du, Orosmin, . . . wer ist denn eigentlich diese Geliebte? Du wartest jetzt schon zwei Stunden auf sie und sie kommt immer noch nicht. Wo ist sie denn? Ich sehe sie nirgends. Jetzt wird sie doch nicht mehr kommen, es ist später Abend. Am Ende existiert sie gar nicht, sie ist nur ein Traum von dir, eine Einbildung, ein Phantom. Aha! Natürlich, nur Phantome kann man so verrückt lieben . . . (außer Atem.)

OROSMIN (sehr ruhig, allmählich pathetisch):

Daß dir immer nur die entferntesten Deutungen gut sind, um die einfachsten Dinge zu erklären. O über den Klugen! über den Alleswisser! Die Geliebte — eine Erfindung: das würde ihm passen . . . Nein, nein, sie lebt, sie ist ein ganz gewöhnlicher Mensch wie ich und du, wofern überhaupt im Mensch-Sein etwas Gewöhnliches liegt. Aber es ist wahr, sie wird heute nicht mehr kommen, es ist schon zu spät . . . Etwas Triftiges hat sie abgehalten, offenbar, denn sie liebt mich, und morgen wird sie mir tausendfach diesen kleinen Kummer entgelten. Sie wird sogar soweit gehn, sich zu entschuldigen, das gute Kind; es ist, als wenn die Sonne ihren Untergang bei jedem Aufgang entschuldigte . . . So, nun gehe ich nach Hause. Ich zahle (winkt dem Wirt, zahlt, im Reden, indem er mit den Fingern Zeichen macht.) Und in meiner Stube werde ich an diese süße Ungereimtheit denken, an ihre morgige Entschuldigung . . . (fertig mit dem Zahlen.) Meine Freunde, ihr habt mich erquickt, ihr habt mir einen hübschen Nachmittag bereitet. Obwohl es heute jedem Ding schwer gefallen wäre, mir keinen hübschen Nachmittag zu bereiten: ihr wart eifrig am Werk, diese Unmöglichkeit zu hintertreiben. Und nun lebt wohl. Eure überraschenden Nachrichten waren Nektar für mein Gemüt. Du, Wirt, hast mich mit deinem Geplauder unterhalten — du, Mädchen, durch deinen Anblick — du, Spieler, durch deine Musik — den abwesenden drei Herren bin ich für ihre zweifellos wohlbegründeten Lehren verpflichtet. — Doch seht, mehr als alles, dieses gelb erleuchtete Fenster . . . (er steht an der Treppe, die Hand ausgestreckt, in ähnlicher Stellung wie beim Eintritt) es ist das Fenster, hinter dem meine Geliebte sitzt und mich in Gedanken hat wie ich sie. Ich sehe sie, sie näht, sie summt eine zarte, oft abgebrochene Melodie dabei. O Andacht vor diesem Schein, Andacht vor diesem Stern! . . . Ruft nun Schüler her, daß sie an mir lernen, glücklich sein. Glück, das ist: ein einziges hohes Gefühl im Herzen tragen, dies aber bis an des Herzens Rand. Laßt Propheten kommen, daß sie über mich weissagen, daß sie Gott lobsingen in Jubel-Hymnen . . . Freundlicher Schein, leuchte mir nun, du Krone aller Abende. Wohl mir, ich bin belohnt, mehr als belohnt für mein kleines treues Warten hier; mir ist ein Stern aufgegangen, der wie warmes goldenes Blut in meiner Seele kreist . . . (Er geht.)

DER KRÜPPEL (hat sich still, überwältigt ans Klavier gesetzt und schon zu den letzten Worten Orosmins ein paar Akkorde angeschlagen. — Musik bis zum Schluß.)

KUNSTREICH (hingerissen):

Wie er schwebt. — Er scheint zu schweben!

KLÜGRIAN:

Eine Schwäche. — Er wird wieder zu sich kommen. — Ich geb’s nicht auf!

KUNSTREICH:

Er schwebt in den Himmel!